Debra Milke saß mehr als zwei Jahrzehnte im Todestrakt. Seit einem Jahr ist sie endgültig frei. Nun erzählt ein Buch ihre Geschichte.

Der Tag ihres Todes war genau geplant. Sie hatten ihn sogar schon einmal geprobt. Die letzte Mahlzeit durfte sie selbst bestimmen, die Art, wie sie sterben würde auch. Debra Milke entschied sich für die Giftspritze und das übliche Gefängnis-Essen.

Der 29. Januar 1998 sollte der Tag ihrer Hinrichtung sein. Aber es kam anders. Seit einem Jahr lebt die gebürtige Berlinerin endgültig in Freiheit. Nun ist die Biografie der 51-Jährigen erschienen. Sie trägt den Titel "Ein geraubtes Leben".

Die in Berlin geborene Frau saß 22 Jahre in den USA in der Todeszelle.

Milke saß 24 Jahre im Gefängnis, die meiste Zeit davon in einer Todeszelle. Sie war 1990 dafür verurteilt worden, zwei Männer zum Mord an ihrem vierjährigen Sohn angestiftet zu haben. Das Todesurteil wurde im Januar 1991 verkündet.

Die amerikanische Journalistin Jana Bommersbach hat den Fall begleitet. Sehr detailreich und persönlich erzählt sie nun die Geschichte der einstigen Todeskandidatin.

Frühe Ehe ging in die Brüche

Milke wurde in Berlin geboren, wuchs aber in den USA auf. Die Mutter war Deutsche, der Vater Amerikaner. Das Verhältnis zu ihm sei schwierig gewesen, das zur Mutter eng, heißt es im Buch. Debra heiratete jung, bekam ein Kind, die Ehe zerbrach.

Viele Seiten widmet Bommersbach jenem 2. Dezember 1989, an dem Milke ihrem Sohn Christopher morgens ein Sweatshirt mit einem Dinosaurier drauf anzog. An dem er ihr noch zugerufen habe "See you later, alligator!" und sie geantwortet habe: "After a while, crocodile."

Der Kleine stieg in das Auto ihres Mitbewohners, sie wollten in ein Einkaufszentrum fahren. Christopher sollte den Weihnachtsmann sehen. Aber der Mann und ein Freund von ihm fuhren mit dem Jungen in die Wüste und töteten ihn in einem trockenen Flusslauf mit mehreren Schüssen in den Hinterkopf.

Eine Szene habe Milke seitdem immer wieder durchlebt, schreibt die Autorin. Wie ein Polizist ihr erklärte, dass ihr Sohn tot sei und sie unter Arrest stehe. Wie sie in einem kleinen Raum vernommen wurde.

Letztlich war es diese Vernehmung, auf die sich das Urteil stützte. Letztlich reichte die Aussage des einen Polizisten. Er berief sich auf sein Gedächtnis und behauptete, Milke habe ihm den Vorwurf gestanden. Eine Tonbandaufnahme gab es nicht, auch kein Protokoll.

Milke landete in einer Einzelzelle im Gefängnis Perryville am Rande von Phoenix, Arizona. Tagaus, tagein war sie dort drinnen allein. Die einzige Ablenkung war ein 13-Zoll-Farbfernseher. Sie schaute Reiseberichte.

Ein Hofgang pro Woche

Routine, das sei ihr wichtig gewesen, so schildert sie es. Jeden Morgen sei sie um vier Uhr aufgestanden, habe Briefe geschrieben, sich Notizen gemacht. Ein Mal in der Woche durfte sie raus auf den Hof, drei Mal in der Woche durfte sie duschen.

Ehemalige US-Todeskandidatin Milke greift US-Justiz scharf an.

Die Hoffnung gab sie nicht auf. Die Motivation in all den Jahren? "Ich war ja unschuldig." Ihre Unterstützer lieferten sich ein Gezerre mit der Justiz. Nächtelang verbrachten ihre Anwälte im Büro des Gerichtsschreibers in Arizona und durchforsteten Dokumente im Kleinbildformat.

Der Polizist, der sie verhört hatte, wurde schließlich überführt, in anderen Fällen vor Gericht gelogen zu haben. 2013 kassierte ein Berufungsgericht das Urteil gegen Milke. Sie wurde gegen Auflagen entlassen. Am 23. März 2015 wurde das Verfahren endgültig eingestellt. Ein Justizangestellter trennte ihr mit einer Schere die Fußfessel ab.

Sie durfte nun endlich reisen. Und flog nach Berlin. Das letzte Mal war sie mit 19 dort, da stand die Mauer noch. Im Buch schildert sie dieses Erlebnis so: "Nun konnte ich durch das Brandenburger Tor gehen, und auf einmal war ich auf der anderen Seite der Mauer - genauso wie ich mich jetzt auf der anderen Seite des Gefängniszauns befinde."

Einen Fernseher hat sie heute nicht mehr. "Ich habe im Gefängnis so viel ferngesehen, das reicht für den Rest meines Lebens."© dpa