Hamburg (dpa) - Über Monate soll sie ihre dreijährige Tochter gequält haben: Die Mutter der zu Tode misshandelten Yagmur aus Hamburg soll nach dem Willen der Staatsanwaltschaft wegen Mordes lebenslang ins Gefängnis.

Die Vertreterin der Anklage hob am Dienstag die Grausamkeit der Tat hervor. Sie verlangte in ihrem Plädoyer vor dem Landgericht zudem, die besondere Schwere der Schuld festzustellen - damit wäre eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren ausgeschlossen.

Für den ebenfalls angeklagten Vater des Mädchens forderte die Staatsanwaltschaft sechs Jahre Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge durch Unterlassen: Er habe das Kind nicht vor seiner "hochaggressiven Frau" geschützt. Die Dreijährige war kurz vor Weihnachten 2013 in der Wohnung ihrer Eltern an den Folgen schwerer Misshandlungen gestorben. "Yagmur ist nicht nur im Dezember 2013, sondern über einen längeren Zeitraum unvorstellbares Leid angetan worden." Das Urteil will das Landgericht am 25. November verkünden.

Yagmur habe "jede Sekunde damit gerechnet, wieder von ihrer Mutter angegriffen zu werden", erklärte die Oberstaatsanwältin. Gefühllos, kalt und ohne Mitleid habe die 27-Jährige ihr Kind immer wieder geschlagen, getreten, gekniffen und fest angepackt: "Nahezu jedes Organ Yagmurs war massiv verletzt." Die Mutter habe das Mädchen gehasst, der Grund dafür sei allerdings unklar geblieben: "Das Motiv der Angeklagten für diese schreckliche Tat haben wir nicht erfahren."

Die Verteidigerin von Yagmurs Mutter bat um ein "mildes Urteil". Die Angeklagte sei nicht wegen Mordes zu verurteilen, sondern lediglich wegen Körperverletzung mit Todesfolge durch Unterlassen, sagte die Anwältin in ihrem Plädoyer. Eine "aktive Täterschaft" der 27-Jährigen habe sich in der Beweisaufnahme nicht feststellen lassen. Es lasse sich dagegen nicht ausschließen, dass Yagmurs Vater für die tödlichen Verletzungen verantwortlich sein könnte.

Der Verteidiger des Vaters verlangte höchstens eine Bewährungsstrafe. Der 26-Jährige sei durch den Tod seiner Tochter ausreichend bestraft, sagte der Anwalt. Yagmurs Mutter nannte er eine "notorische Lügnerin". "Schamlos und ohne jeden Skrupel hat sie die Schuld auf meinen Mandanten abgewälzt", sagte er. Der 26-Jährige habe nicht erkannt, dass das Kind in Lebensgefahr geschwebt habe. "Fakt ist: Er hätte handeln müssen." Mit dieser Schuld müsse er für den Rest seiner Tage leben. Der Angeklagte räumte in seinem "letzten Wort" vor Gericht unter Tränen Fehler ein. "Ich hätte für meine Tochter da sein sollen." Yagmurs Mutter äußerte sich nicht.

Die Oberstaatsanwältin schilderte eindringlich, wie sehr Yagmur in ihrem kurzen Leben gelitten habe und welche furchtbaren Schmerzen ihre Mutter ihr zugefügt habe: "Yagmur ist in den letzten Tagen vor ihrem Tod so viel mehr angetan worden, als nötig gewesen wäre, um sie umzubringen." Gerade in den letzten Lebenswochen des Kindes habe die Angeklagte die Angriffe "ins Unermessliche getrieben".

Nach Ansicht der Anklage ist die Mutter impulsiv, aggressiv und manipulativ: "Ihre Lügen ziehen sich durch den gesamten Bestand unserer Akten." Der Vater sei eher zurückhaltend und still. Bei den Plädoyers waren bei ihnen keine Regungen erkennbar - die Mutter verdeckte ihren Kopf mit dem Arm, der Vater starrte vor sich hin.

Der Schlussvortrag der Anklage hatte sich am Dienstag zunächst verzögert, weil die Verteidigerin der Mutter einen neuen Beweisantrag stellte. Hintergrund: Die 27-Jährige war am Freitag von ihrem Mann im Untersuchungsgefängnis angegriffen und geschlagen worden. Das geht aus mehreren Berichten der Anstalt hervor, die der Vorsitzende Richter verlas. Das Gericht lehnte den Antrag jedoch ab.

Yagmur war erst gut vier Monate vor ihrem Tod in die Wohnung ihrer Eltern gezogen. Vorher hatte sie bei einer Pflegemutter und in einem Kinderschutzhaus gelebt. Die Kleine wurde seit ihrer Geburt von Jugendämtern betreut, die wegen Versäumnissen in der Kritik stehen.© dpa