Die Journalistin und Autorin Souad Mekhennet gilt spätestens seit ihrem Buch "Die Kinder des Dschihad. Die neue Generation des islamistischen Terrors in Europa" als ausgewiesene Islamismus-Expertin. Im Interview mit unserem Portal erklärt sie, warum sich junge Muslime radikalisieren, wie die Rekrutierung abläuft - und inwiefern der Westen mit seinen 'Doppelstandards' Teil des Problems ist.

Als die Terroranschläge von New York am 11. September 2001 die Welt erschütterten, war Souad Mekhennet (hier gelangen Sie zur ihrer neuesten Veröffentlichung "Dr. Tod. Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher") auf der Journalistenschule in Hamburg - in der Stadt, aus der drei der Attentäter kamen. Die gebürtige Frankfurterin mit marrokanisch-türkischen Wurzeln stellte sich die Frage: "Was hat diese muslimischen Männer dazu gebracht, so eine Tat zu begehen? Warum und wie haben sie sich radikalisiert?"

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Mekhennet begann zu recherchieren, reiste in mehrere europäische und arabische Länder und führte zahlreiche Interviews. 2004 erschien schließlich das gemeinsam mit Claudia Sautter und Michael Hanfeld geschriebene Buch "Die Kinder des Dschihad. Die neue Generation des islamistischen Terrors in Europa". Darin wird die Frage gestellt, warum sich einige junge Muslime in Europa und Deutschland radikalisieren. Im Interview spricht sie über die Ergebnisse ihrer Arbeit.

Frau Mekhennet, warum radikalisieren sich junge Muslime in Europa?

Souad Mekhennet: Zunächst einmal reden wir hier natürlich von einer Minderheit unter den in Europa lebenden Muslimen. Oft handelt es sich um junge Menschen, deren Eltern aus einem anderen Kulturkreis stammen und als sogenannte 'Gastarbeiter' nach Europa kamen. Es kommt zu einer Art Identitätsproblem, weil die Kinder kaum mehr etwas mit dem Kulturkreis, aus dem die Eltern kommen, gemein haben. Die meisten versuchen zunächst einen Anschluss an die Mehrheitsgesellschaft zu finden, also wie Deutsche, Franzosen, Briten und so weiter zu leben. Oft fühlen sie aber, dass sie nie wirklich dazugehören werden. Das liegt entweder am Namen, dem Wohnort – viele von ihnen sind in Ghettos groß geworden – oder eben an der Religion. Deshalb fühlen sich viele diskriminiert und aus der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen. Zudem haben wir es mit einer hochgradig politisierten Generation zu tun. Für viele – und ich spreche jetzt aus der Sicht dieser Personen – sind oder waren beispielsweise die Kriege in Afghanistan und im Irak schlicht ungerecht. Das ist ein weiterer Punkt, an dem Rekrutierer ansetzen.

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Verläuft die Radikalisierung in Europa und in islamischen Ländern ähnlich?

In Europa können Rekrutierer vor allem bei Personen Erfolg haben, die sich aus der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen fühlen. In arabischen oder islamischen Ländern liegt der Grund für die Radikalisierung eher in der Wut über die 'Doppelstandards' des Westens. Das ist bei jungen Europäern, die sich radikalisieren, erst der zweite Schritt.

Was meinen Sie mit 'Doppelstandards'?

Sie glauben, dass im Westen mit zweierlei Maß gemessen wird. Als Beispiel von Radikalisierten höre ich oft, dass westliche Systeme immer vorgäben, das beste zu sein; weil dort Menschenrechte geachtet würden und alle Menschen vor dem Gesetz gleich seien. Die jungen Menschen haben aber oftmals andere Erfahrungen gemacht. Damit arbeiten die Rekrutierer - und weisen auf die vielen schwelenden Konflikte in der Welt hin. Sie gehen vor allem auf den ungelösten Israel-Palästina-Konflikt ein; oder die Kriege in Tschetschenien, in Afghanistan, im Irak – der war sogar ganz offen völkerrechtswidrig. Dann heißt es, dass der Westen sehr wohl Menschenrechtsverletzungen begeht, dabei wird vor allem auf die Geheimgefängnisse und Folter dort hingewiesen - alle Opfer waren Muslime. Da es keine wirklichen Konsequenzen für jene im Westen gab, die Folter angewiesen oder angewandt haben, wird das als ein "Doppelstandard" oder Verlogenheit wahrgenommen. Die Rekrutierer sprechen hier ganz explizit das Gerechtigkeitsgefühl dieser jungen Menschen an und sagen: 'Die im Westen sagen immer, dass es Menschenrechte gibt, aber für Muslime gilt das nicht'. Wenn sie all das aufzählen, haben sie als Rekrutierer eine sehr gute Geschichte, die sie verkaufen können.

Dabei sind die von ihnen angesprochenen Konflikte eigentlich ziemlich weit weg.

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In der Szene wird immer wiederholt, dass sich die muslimische Gemeinde als ein Körper versteht. Also: Wenn der kleine Finger blutet, spürt das auch das Bein, wenn der Kopf schmerzt, dann schmerzt auch der Arm. So sehen sie sich, so verstehen sie sich. Deswegen werden die Konflikte, die - geographisch gesehen - weit weg sind, in die Köpfe der jungen Menschen getragen. Viele Jugendliche erzählen mir auch, dass bestimmte politische Diskussionen zu diesen Konflikten nicht geführt werden dürfen beziehungsweise tabuisiert werden, sowohl in den Schulen als auch in vielen Moscheen. Vor allem Imame reagieren aktuell ziemlich verängstigt – wegen der Überwachung durch Geheimdienste und der Polizei. Wenn jemand doch politische Debatten führt, wird schnell ein Moscheeverbot ausgesprochen. Doch wenn diese Diskussionen nicht geführt werden, treibt man diese jungen Menschen förmlich in die Hände von Rekrutierern.

Wie genau gehen Rekrutierer vor?

Anders als nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wird nicht mehr in Moscheen rekrutiert. Wie schon gesagt, werden hier – zumeist aus Angst vor den Behörden - gar keine politischen Diskussionen mehr zugelassen. Das führt dazu, dass sich die jungen Leute außerhalb der Moschee treffen. Da gesellen sich die Rekrutierer dazu, versuchen sehr oft ein bisschen wie ein großer Bruder zu sein. Der Rekrutierer merkt sehr schnell, wer zugänglich ist. Dann folgen weitere Treffen, auch in kleineren Gruppen. Nach und nach wird der Kontakt intensiver, es werden die bekannten Videos angesehen und so weiter. Irgendwann wird dann eine Reise ins Ausland finanziert – angeblich um einen Sprachunterricht zu machen. Die Reise endet dann oftmals in einem Ausbildungslager.

Verläuft die Radikalisierung bei Konvertiten anders?

Zumeist spielen hier Familienprobleme eine größere Rolle. Sie suchen dann Anschluss, sozusagen ein neues Zuhause und ein Zusammengehörigkeitsgefühl – und das wird ihnen dann von radikalen Gruppen versprochen.

Haben Rekrutierer mit Konvertiten sozusagen ein leichteres Spiel, weil weniger Vorwissen vom Islam vorhanden ist?

Die meisten, die sich radikalisiert haben – ob Konvertiten oder nicht - hatten zuvor kaum Ahnung vom Islam. Das war ja auch bei den Attentätern von Paris, den Kouachi-Brüdern und Amedy Coulibaly, der Fall. Die Religion spielt bei der Radikalisierung gar nicht die entscheidende Rolle, die Religion wird gewissermaßen als 'Tool' benutzt. Bei Konvertiten kommt oftmals hinzu, dass sie die Sprache nicht können und den Koran im Original gar nicht selbst lesen können. Sie folgen dann leichter zweifelhaften Predigern, die eine ganz besondere Auslegung des Islam haben.

Kommen wir zum Thema Prävention. Was können Politik und Gesellschaft tun?

Es müsste eine ehrliche Diskussion in unserer Gesellschaft über die vorhin angesprochenen 'Doppelstandards' geführt werden. Da sind auch die Medien gefragt, beispielsweise in Bezug auf Karikaturen. Wir sollten darüber sprechen, wann eventuell Meinungsfreiheit aufhört und wann eventuell sogar 'hate speech' oder 'Volksverhetzung' beginnt. Natürlich – und das will ich ganz deutlich sagen – sind Anschläge und Terror durch nichts zu entschuldigen oder zu rechtfertigen. Ich glaube aber, dass wir unterschätzen, wie die jungen Menschen den Diskurs verfolgen, der im Westen geführt wird. Ein Beispiel, das mir in Gesprächen immer wieder genannt wird: Die dänische Zeitung "Jyllands Posten", die im Jahr 2005 die sogenannten Mohammed-Karikaturen abgedruckt hatte, verzichtete auf den Abdruck von Jesus-Karikaturen – aus Sorge, die religiösen Gefühle ihrer Leser zu verletzen. Viele Muslime - radikalisiert oder nicht - sehen darin aber einen Beweis für die 'Doppelstandards' – auch in den Medien. Und darüber müssen wir in unserer Gesellschaft sprechen, weil genau diese Themen sonst von den Rekrutierern ausgenutzt werden.

Papst Franziskus hat sich zuletzt ähnlich geäußert und davon gesprochen, dass religiöse Gefühle nicht vorsätzlich verletzt werden sollten.

Ich bin da ganz beim Papst – aus meiner Sicht müssen wir zumindest eine Debatte darüber führen. In der Szene wurden die Aussagen vom Papst übrigens sehr wohl wahrgenommen. Da heißt es, dass er offenbar der einzige ist, der versteht, wie sich Muslime aktuell fühlen.

Müssen wir insgesamt einen anderen Umgang mit dem Islam pflegen?

Der Islam ist in Deutschland als Religionsgemeinschaft immer noch nicht voll anerkannt. Das führt beispielsweise dazu, dass irgendjemand einen Verein aufmachen und den dann als Moschee umfunktionieren kann. In manchen dieser Einrichtungen wird eine Auslegung des Islam gepredigt, die nicht nur – um es mal vorsichtig zu sagen - sehr speziell ist. Das ist in den meisten muslimischen Ländern übrigens anders, hier wird das, was in den Moscheen gepredigt wird, zumeist von Ministerien kontrolliert. Die Moscheen in Deutschland müssen aus den Hinterhöfen herausgeholt werden, mit einer gemeinsamen Moschee beispielsweise in jedem Viertel für alle Muslime. Aktuell ist das in vielen deutschen Städten anders, da findet sich in einem Stadtteil zum Beispiel die türkische Moschee, die der Regierung nahesteht, nur wenige Meter entfernt von der türkischen Moschee, die der Opposition zugehörig sein soll. Dann gibt es nebenan eine Moschee, in die vorwiegend Palästinenser gehen, dann eine, in die vorwiegend Somalier gehen und so weiter.

Eine abschließende Frage: Wie gefährlich schätzen Sie die europäische Islamistenszene ein?

Im Einzelnen kann und will ich das gar nicht beurteilen. Ich kann nur allgemein sagen: Der neuerliche Abdruck der Karikaturen in "Charlie Hebdo"– und das zeigen auch die zum Teil sehr heftigen Reaktionen in einigen islamischen Ländern am vergangenen Freitag – ist eigentlich nur Wasser auf die Mühlen der Rekrutierer.

Souad Mekhennet, geboren 1978 in Frankfurt am Main, ist Journalistin, Autorin und Sicherheitsexpertin. Sie arbeitet unter anderem für die Washington Post und das ZDF. Zuletzt veröffentlichte sie das Buch "Dr. Tod. Die lange Jagd nach dem meistegsuchten NS-Verbrecher." Außerdem forscht Mekhennt zu dem Thema an der Harvard University, bei John Hopkins in Washington DC und dem Geneva Center for Security Policy. Sie ist 2014 zum "Young Global Leader" des World Economic Forum in Davos ernannt worden.