In Rom hat ein großer Mafia-Prozess begonnen, er dürfte sich weit ins neue Jahr hineinziehen. Doch mit Prozessen alleine ist dem organisierten Verbrechen nicht beizukommen, glauben Experten. Das Grundübel der Korruption müsse schärfer angegangen werden.

Die Atmosphäre im "Bunker" von Rebibbia wirkt ein wenig gespenstisch. Auf der einen Seite des hochgesicherten Gerichtssaals in einem Gefängnis am Stadtrand Roms ist eine weiße Wand, auf der anderen eine lange Reihe Gitterstäbe. Hinter den Gittern zeichnen sich Gestalten ab.

Ab und an streckt die eine oder andere Hände oder Knie durch die Gitter, während sie der Verhandlung im Saal lauscht, wo Rechtsanwälte, Staatsanwälte, Protokollführer, Journalisten sowie einige der als weniger gefährlich geltenden Angeklagten in langen Bankreihen Platz genommen haben.

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Unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen ist im November in Rom der Prozess gegen die "Mafia Capitale", die Hauptstadtmafia, angelaufen. Laut Anklage handelt es sich um ein Netz aus korrupten Politikern, Unternehmern und Schwerverbrechern, das jahrelang die Vergabe öffentlicher Aufträge in der Stadt unter sich ausmachte.

Angeklagten drohen lange Haftstrafen

4 der 46 Angeklagten, unter ihnen der frühere neofaschistische Terrorist Massimo Carminati, gelten als so gefährlich, dass sie der Verhandlung nur aus ihren Gefängnissen per Videokonferenz folgen dürfen. Ein gutes Dutzend sitzt hinter den Gittern im Gerichtssaal. Die übrigen Angeklagten, die als eher kleine Fische nicht in Untersuchungshaft sitzen, reisen zu den jeweiligen Verhandlungen selber an.

Das Ganze nennt sich in Italien "Maxi Processo", also Maxi-Prozess. Solche wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gegen das organisierte Verbrechen vor allem im Süden des Landes geführt.

"Pate" war 2014 aus Italien nach Deutschland geflohen.

Gelingt es den Staatsanwälten, nachzuweisen, dass es sich um eine mafiaartige Vereinigung handelte und nicht nur - wie die Verteidiger glauben machen wollen - um ein x-beliebiges Schmiergeldkartell, dann drohen den Angeklagten hohe Haftstrafen. Lang ist bereits die Liste einst mächtiger Bosse der sizilianischen Cosa Nostra, der kalabrischen 'Ndrangheta oder der in Neapel heimischen Camorra, die den Rest ihres Lebens hinter Gittern verbringen müssen.

Der Maxi-Prozess in Rom läuft schleppend, und schon jetzt ist abzusehen, dass sich die von Richterin Rosanna Ianniello angesetzten 136 Verhandlungstage nicht bis Ende Juli 2016 durchziehen lassen. Begleitet wird das Verfahren von der Diskussion darüber, warum sich die Mafia trotz aller Fahndungserfolge und drakonischer Strafen nicht kleinkriegen lässt und Mafia-Organisationen, wie in Rom, ganz neu entstehen können.

Mafia-Problem nie strategisch angegangen

Italiens Senatspräsident Pietro Grasso, als Staatsanwalt einst selber ein prominenter Mafia-Jäger, kritisierte jüngst, dass die Politik das Mafia-Problem immer nur sprunghaft, aber nie strategisch angegangen sei. Sie reagiere auf Bluttaten oder Skandale und kehre dann zum Alltag zurück.

Zugleich beklagte er "den ethischen und moralischen Verfall des politischen und des Verwaltungssystems", der auch das Aufkommen der "Mafia Capitale" möglich gemacht habe. Der Chef der italienischen Antikorruptionsbehörde, Raffaele Cantone, beklagte, dass Rom nicht die nötigen "Antikörper" gegen das Übel habe und erklärte zugleich Mailand zur "moralischen Hauptstadt" des Landes.

Süditalien stirbt nach und nach aus. Auch, weil Rom lange zugeschaut hat.

Nach Ansicht des in Oxford lehrenden italienischen Mafia-Experten Federico Varese reichen Verhaftungen und Strafen nicht aus, um mit der Mafia fertig zu werden. "Die Wurzel des Übels ist das ineffiziente Justizsystem, vor allem im Zivilrecht", sagt Varese der Deutschen Presse-Agentur.

Verfahren dauerten in Italien viel zu lange, das ineffiziente Rechtswesen begünstige die Korruption und damit das organisierte Verbrechen. "Ich glaube, dass die jetzige Regierung das Problem erkannt hat und zumindest beginnt, etwas zu ändern", sagt er.

Davon hänge letztlich auch der Wohlstand der Italiener ab. "In Italien sind die Auslandsinvestitionen niedrig, und das hängt sehr stark mit der Korruption und dem Rechtssystem zusammen. Italien wird nicht aus der Wirtschaftskrise herauskommen, wenn es dieses Problem nicht löst", sagt Varese.© dpa

Hinter den Kulissen des Vatikans scheint ein Glaubenskrieg zu toben.