Pretoria (dpa) - Das Ringen um die Bestrafung des südafrikanischen Paralympics-Stars Oscar Pistorius wegen der fahrlässigen Tötung seiner Freundin geht in die letzte Phase.

Verteidigung und Anklage sollen an diesem Freitag ihre abschließenden Plädoyers zum Strafmaß vortragen. Das erklärte Richterin Thokozile Masipa am Donnerstag nach der Anhörung der letzten Zeugen. Ihre Entscheidung über Art und Umfang der Strafe könnte sie Anfang der kommenden Woche bekanntmachen, hieß es in Justizkreisen. Möglich sind laut südafrikanischem Recht bis zu 15 Jahre Haft, aber auch nur ein weit kürzerer Hausarrest.

Zuvor hatten die Anwälte noch einmal alle Register gezogen: Verteidiger Barry Roux warnte, Pistorius' Leben wäre akut gefährdet, wenn er ins Gefängnis geschickt würde. Vor dem Obersten Gericht in Pretoria verwies er auf Drohungen des im Gefängnis sitzenden Chefs einer Gangsterbande, den prominenten Sportler umzubringen.

Demnach hatte der Boss der berüchtigten "26er" der Zeitung "Pretoria News" im März gesagt, Pistorius werde es nicht gelingen, sich im Gefängnis ein angenehmes Leben zu erkaufen. Stattdessen werde er "fertiggemacht". Anstelle einer Haftstrafe sollte Pistorius nach den Vorstellungen des Anwalts mit Hausarrest in Kombination mit gemeinnütziger Arbeit davonkommen.

Demgegenüber pochen die Staatsanwaltschaft und die Familie des von Pistorius erschossenen Models Reeva Steenkamp darauf, dass das einstige Sportidol für lange Zeit hinter Gitter kommt. "Herr Pistorius muss für das bezahlen, was er meiner Familie angetan hat", erklärte eine Cousine der Getöteten vor Gericht.

Der heute 27-jährige Sprinter hatte seine 29-jährige Freundin im Februar 2013 in seinem Haus bei Pretoria durch eine geschlossene Toilettentür hindurch erschossen. Er beteuert, sie mit einem Einbrecher verwechselt zu haben. Pistorius wurde im September der fahrlässigen Tötung schuldig gesprochen. Jetzt geht es noch um das Strafmaß.

"Jemandem zu erschießen, verlangt eine angemessene Strafe", sagte Steenkamps Cousine Kim Martin, die in Abstimmung mit der Familie als Zeugin der Anklage auftrat. Hausarrest sei dafür keineswegs angemessen.

Ebenfalls als Zeuge der Anklage erklärte der amtierende Chef des südafrikanischen Strafvollzugs, Zach Modise, auch Behinderte könnten in Südafrikas Gefängnis menschenwürdig untergebracht werden. Er widersprach Angaben der Verteidigung, wonach der beidseitig beinamputierte Pistorius schutzlos der Gewalt brutaler Mithäftlinge ausgesetzt wäre. Zu den angeblichen Todesdrohungen des mutmaßlichen Chefs der "26er"-Gang habe er keine Erkenntnisse.

Es gebe in Südafrika durchaus Haftanstalten, die auf Behinderte eingestellt sind, sagte Modise. Dies gelte für Hygiene-Einrichtungen ebenso wie für die Zellen und den Zugang zu medizinischer und psychologischer Betreuung. Eine Gutachterin der Verteidigung hatte am Vortag erklärt, Pistorius müsse befürchten, dass man ihm seine Hightech-Prothesen wegnimmt. Er wäre Gewalttaten schutzlos ausgeliefert, erklärte sie.

Sollten die Anwälte am Freitag ihre Strafmaß-Plädoyers wie geplant abschließen, könnte die Richterin ihre Entscheidung bis Dienstag fällen, erklärten Strafrechtsexperten. Masipa, die am Donnerstag 67 Jahre alt wurde und im Gerichtssaal Glückwünsche entgegennahm, hatte zuvor noch erklärt, sie habe ab Montag drei Wochen lang andere Verpflichtungen. Freitagnachmittag hieß es dann jedoch, sie habe ihren "Dienstplan für die kommende Woche bereinigt".

Dass Pistorius im Fall einer Haftstrafe gleich ins Gefängnis muss, halten Experten für unwahrscheinlich. Die Verteidigung könnte - ebenso wie die Staatsanwaltschaft bei einer aus ihrer Sicht zu milden Strafe - Berufung einlegen. Dann könnte Pistorius bis zur Entscheidung durch den höchsten Gerichtshof weiterhin gewährt werden, auf Kaution in Freiheit zu bleiben.© dpa