Pretoria (dpa) - Sie nennen ihn "General" und sie fürchten ihn mehr als jeden noch so grausamen Wärter. Von seinen 47 Lebensjahren hat Khalil Subjee bislang die meisten in Gefängnissen verbracht. Der Boss der Knastbande "26er" - und damit heimlicher Herrscher über Hunderte Häftlinge in verschiedenen Gefängnissen - ist als brutal und gnadenlos berüchtigt. Seine Macht könnte nun auch Südafrikas gefallenes Sportidol Oscar Pistorius zu spüren bekommen. Nach dem Willen der Staatsanwaltschaft soll der 27-jährige Paralympics-Star wegen der fahrlässigen Tötung seiner Freundin Reeva Steenkamp für lange Zeit hinter Gitter.

"Zehn Jahre sind das Minimum", erklärte Chefankläger Gerrie Nel am Freitag in seinem Schlussplädoyer vor dem Obersten Gericht in Pretoria. Ob Pistorius tatsächlich ins Gefängnis gehört - und wenn ja, für wie lange - wird Richterin Thokozile Masipa wohl an diesem Wochenende entscheiden. Am Dienstag will sie das Strafmaß verkünden.

Das Gesetz sieht für fahrlässige Tötung bis zu 15 Jahre vor. Allerdings könnte die 67-jährige Masipa auch den Argumenten der Verteidigung folgen. Die machte geltend, dass der weltbekannte Prothesen-Sprinter seine 29-jährige Freundin unter dramatischen Umständen aufgrund einer tragischen Verwechslung durch eine geschlossene Tür hindurch erschossen hat.

Hausarrest und gemeinnützige Arbeit, etwa mit behinderten Kindern - mehr dürfe es dafür nicht geben, so Rechtsanwalt Barry Roux. Doch selbst die letzten Fans des einst hoch verehrten Sportlers haben sich wohl auf eine Haftstrafe eingestellt. An die Bushaltestelle vor dem Gericht in Pretoria haben sie einen aufmunternden Spruch gemalt: "We will always honour your talent. Prison, it's not the end!" (Für immer ehren wir Dein Talent. Gefängnis - das ist nicht das Ende!)

Prozess gegen Oscar Pistorius in der Ticker-Nachlese.

Das sieht Roux anders. Eindringlich warnte er, sein Mandant wäre im notorisch gewalttätigen Strafvollzug Südafrikas akut gefährdet. Männer wie "General" Khalil Subjee würden ihm nach dem Leben trachten. In einem Telefon-Interview mit der Zeitung "Pretoria News" hatte der Bandenchef gedroht, man werde Pistorius "fertigmachen", falls er sich nicht unterordne: "Wenn er denkt, er kann hier mit seinem Geld ein tolles Leben führen, mit Computern und Mobiltelefonen und so, dann muss er wissen, dass dies nicht geschehen wird, solange es mich hier gibt."

Dagegen bot die Staatsanwaltschaft als Zeugen Zach Modise auf, den amtierenden Chef des südafrikanischen Strafvollzugs. Ihm lägen keine Erkenntnisse über eine Gefährdung von Pistorius vor, erklärte Modise. Auch die Behinderung des beidseitig beinamputierten Pistorius sei kein Grund, ihn nicht in ein Gefängnis einzuweisen. "Es sollte keine Zweifel geben, dass er wie jeder andere Verurteilte mit einer Behinderung angemessen untergebracht werden kann."

Staatsanwalt Nel schob nach, die Richterin müsse das Leid der Opfer-Familie stärker gewichten als die Sorge um den Täter. Das ist aber nach Ansicht der Bewährungshelferin Annette Vergeer, die Roux in den Zeugenstand gerufen hatte, verhängnisvolles altes Denken nach der gnadenlosen Rechtstradition des "Auge um Auge". Südafrika sei doch dabei, dies zu überwinden und zu einer "humanen Bestrafung" finden, die eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft ermögliche.

"Pistorius hat alles verloren", sagte Roux. "Er hat einen Menschen verloren, den er liebte, seine Selbstachtung, die meisten seiner Freunde, all sein Geld." An die Richterin gewandt fragte er: "Ist das ein Mensch, den sie aus der Gesellschaft entfernen müssen? Wir sagen: Nein."

Nach Ansicht von Experten wäre Pistorius allerdings - trotz aller vorherigen Drohungen - kein Häftling wie jeder andere der rund 160 000 Gefängnisinsassen in Südafrika.

Die Mehrheit von ihnen friste tatsächlich ein Dasein unter erbärmlichen Bedingungen, beklagt Organisation Wits Justice Project (WJP), die für Rechte von Gefangenen eintritt. "Aber Pistorius würde ohne Zweifel eine VIP-Behandlung bekommen", sagt die WJP-Aktivistin Robyn Leslie. Er würde den Krankenhaustrakt vermutlich nie verlassen müssen und daher kaum mit der ganz rauen Knastwirklichkeit in überfüllten Zellen mit stickiger Luft konfrontiert werden, meint auch der Kapstädter Strafrechtsexperte Keith Gess.© dpa