Mainz (dpa) - Mit organisierter Kriminalität hatte der einzelne Bürger bislang wenig Berührung. Doch das ändert sich, sagt das Bundeskriminalamt. Findige Verbrechergruppen nehmen den Normalverbraucher ins Visier.

Jeder Wohnungseinbruch schockt die Opfer: Wertsachen sind fort, alles ist durchwühlt, das Gefühl der Sicherheit in den eigenen vier Wänden zerstört. Früher hätte die Polizei den Täter womöglich ein paar Straßen weiter gefunden. Doch den Anstieg der Einbrüche in Deutschland der letzten Jahre führen Ermittler auf straff geführte, ausländische Banden zurück, die in wenigen Stunden ganze Nachbarschaften heimsuchen und mit ihrer Beute verschwinden.

"Die organisierte Kriminalität ist an den Haustüren der Bürgerinnen und Bürger angekommen", sagt Sabine Vogt, Abteilungsleiterin beim Bundeskriminalamt (BKA), am Donnerstag in Mainz. Es ist die Hauptthese der BKA-Herbsttagung von Polizisten und Sicherheitsexperten: Internationale kriminelle Banden greifen immer häufiger den normalen Bürger an.

Organisierte Kriminalität wird immer dreister

Bislang hatte der Einzelne wenig mit organisierter Kriminalität (OK) zu tun. Als Unbeteiligter in eine Mafia-Schießerei zu geraten, kommt wohl meist nur im Film vor. Wer Drogen kauft, weiß immerhin, dass es ein kriminelles Geschäft mit Milliarden-Gewinnen ist. Ein Freier im Bordell oder auf dem Straßenstrich betritt ein Milieu, in dem sexuelle Ausbeutung, Menschenhandel, Rocker-Kriminalität eine Rolle spielen. Das sind die klassischen Felder organisierter Kriminalität, doch das Verbrechen rückt näher. Einige Beispiele:

  • Wohnungseinbrüche: 150 000 Fälle registrierte die deutsche Polizei 2013, nicht einmal jeder sechste Einbruch wurde aufgeklärt. Mobile Einbrecherbanden stammen nach BKA-Angaben aus den neuen EU-Mitgliedern Rumänien und Bulgarien und anderen osteuropäischen Ländern. Aber es gibt auch ortsfeste Täter: Im Frühjahr 2012 hob die Ermittlungsgruppe "Fußball" in Berlin eine Bande aus, die wöchentlich in bis zu 20 Wohnungen und Geschäfte einbrach.
  • Auto-Diebstähle: Auch der Autodieb ist eher nicht der Nachbarjunge, der eine Spritztour macht. Knapp 37 500 Fälle von Kfz-Diebstahl gab es 2013. Vor allem Banden aus Polen und Litauen stehlen teure Autos und verfrachten sie in die Heimat.
  • Telefon-Kriminalität: Der unbekannte Anrufer verkündet die frohe Botschaft, man habe in einem Glücksspiel gewonnen. Leider müsse man Verwaltungskosten überweisen, um an den Gewinn zu kommen. Das ist nur einer von vielen Tricks beim Call-Center-Betrug, der durch massenhafte Anrufe immer mehr Opfer findet. "Die mehr als eine Million Geschädigten und ein Schaden von 117 Millionen Euro zeigen die Bedeutung solcher Massenkriminalität", sagt Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) zu Beginn der BKA-Tagung.
  • Medikamentenfälschung: Wer Medikamente vermeintlich billig im Internet ordert, riskiert seine Gesundheit, warnt das BKA. Oft sind die Präparate gefälscht. Die Fälscherlabore stehen in Indien oder Osteuropa. Für die Täter ist es ein Geschäft mit wenig Risiko, aber leichten Gewinnen, wie de Maizière sagt.
  • Cyber-Kriminalität: Die OK schafft es nicht nur an die Haustür und in die Wohnung, sondern bis in den eigenen Computer. E-Mail-Konten werden gehackt, vermeintlich sichere Zahlungen können abgeschöpft werden. In der digitalen Welt greifen Kriminelle Geldautomaten an, fälschen Kreditkarten, illegale Inhalte wie Kinderpornografie verbreiten sich in Sekundenbruchteilen. Das ist die Welle, die Kriminalisten fürchten, weil sie rechtlich und technisch kaum mithalten können. "Wir werden konfrontiert mit Millionen von Opfern", sagt die BKA-Vertreterin Vogt. Den Ausweg sieht der Internet-Experte Troels Oerting von der Polizeibehörde Europol nicht nur in verstärktem staatlichen Handeln. Mehr Prävention sei nötig, also Vorsorge und Vorsicht des einzelnen Bürgers.

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