Ist mit Papst Franziskus im Vatikan tatsächlich die Revolution ausgebrochen? Zumindest werden in diesen Tagen in Rom versöhnliche Töne gegenüber Homosexuellen angeschlagen. Was sich sonst noch in der katholischen Kirche tut? Hier ein Überblick.

Als Papst Franziskus vor anderthalb Jahren seinen Dienst als Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche antrat, dachten nicht wenige, die Zeit des erzkonservativen Katholizismus sei endgültig vorbei. Ein Irrglaube, wie etwa der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bischofkonferenz, Kardinal Karl Lehmann erklärt: "Ein großer Teil der Leute hat ein völlig unkatholisches Bild vom Papst. Sie meinen, wenn er kommt, wird schlagartig alles anders". Doch der Papst müsse auch die anderen mitnehmen, warnte Lehmann. Also diejenigen, die wenig von einem radikalen Kurswechsel halten.

Es ist also gar nicht so leicht, gleichzeitig Papst und Revoluzzer zu sein. Anhand der folgenden Thesen lässt sich leicht veranschaulichen, ob mit Papst Franziskus tatsächlich ein Revolutionär auf dem Stuhl Petri Platz genommen hat.

1. Mehr Politiker, weniger Theologe

"Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung", hieß es in seinem ersten Apostolischen Schreiben, dem "Evangelii gaudium" ("Die Freude des Evangeliums"), einer Art Regierungserklärung. "Diese Wirtschaft tötet. Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht." Der Papst als Kapitalismuskritiker? Sicher ist: Mit Franziskus ist das Papstamt eindeutig politischer geworden. Er mischt sich in den Syrienkrieg ein und fordert eine andere Asylpolitik in Europa.

2. Kirchliche Lehren auf dem Prüfstand

Der Pontifex will eine offene, weniger hierarchische Kirche, in der Priester und Bischöfe gemeinsam mit Laien entscheiden. Etwa wenn es darum geht, ob geschiedene und wiederverheiratete Paare die Kommunion empfangen können. Obwohl laut katholischer Lehre verboten, halten sich in Deutschland längst viele Priester nicht mehr an dieses Dogma. Und auch Franziskus fordert mittlerweile mehr Erbarmen in der Sache. Die Eucharistie-Feier sei "Nahrung für die Schwachen". Wir sollten Menschen, die in ihrer Liebe scheitern, "begleiten, nicht verurteilen", so der Papst in einer Predigt. Kirchliche Lehren seien nicht für die Ewigkeit gemacht. "Haben wir keine Angst sie zu revidieren!"

3. Auf Augenhöhe?

"Gebt keine Ruhe, seid unbequem, geht gegen Ungerechtigkeit auf die Straße!", rief Franziskus auf dem Weltjugendtag 2013 in Rio De Janeiro vor allem jungen Menschen entgegen. Eine "klare, frische Sprache" attestierte ihm der ehemalige Erzbischof Robert Zollitsch. Doch auch die energische Sprache, der neue Ton, den Franziskus in der Debatte um das Erscheinungsbild der katholischen Kirche angeschlagen hat, kann nicht über ihre schwerfällige Traditionshörigkeit hinwegtäuschen. So sind Frauen für Franziskus in der Kirche "unabdingbar". Das Priestertum, daran lässt aber auch Franziskus keinen Zweifel, bleibt allein Männern vorbehalten. Damit hält er sich an Dokumente von Johannes Paul II. und von Benedikt XVI., die sagen, dass Frauen nicht geweiht werden können.

4. Reformieren statt revolutionieren

Eine Gemeinschaft von rund 1,2 Milliarden Katholiken in wenigen Jahren von Grund auf neu zu formieren, ist wohl auch von einem so verheißungsvollen Papst wie Franziskus zu viel verlangt. Wer von dem Argentinier eine Liberalität im europäisch-bürgerlichen Sinne erwartet, wird schnell enttäuscht sein. Abtreibung bleibt auch für Franziskus eine Todsünde. Die Ehe ist in seinen Augen grundsätzlich nur zwischen Mann und Frau möglich. "Franziskus ist kein 'Revoluzzer' oder 'Anti'", sagte etwa der Präfekt des Päpstlichen Hauses, Erzbischof Georg Gänswein in einem Interview mit dem Magazin der Süddeutschen Zeitung. "Wer mit Papst Franziskus in ständigem Kontakt ist, lernt zu unterscheiden zwischen einem Außenbild und der konkreten Persönlichkeit", so Gänswein.

Eines muss man Franziskus lassen: Er hat es geschafft, dass selbst glühende Kirchenverächter ihm Respekt zollen. Er fährt Fiat statt Mercedes, ist nicht in den Papstpalast eingezogen, geht unbefangen auf Leute zu und demonstriert so, was ihn am ehesten auszeichnet: seine Glaubwürdigkeit.