Das Martyrium der 49-Jährigen dauert Wochen. Langsam verdurstet und verhungert sie vor den Augen von Mann und Tochter. Vor Gericht zeigen diese wenig Reue.

Als die 49-Jährige stirbt, besteht sie nur noch aus Haut und Knochen. Sie ist überall wund gelegen, Gewebe und Knochen haben sich stellenweise schon zersetzt. Ein entsetzlicher Tod, der so einfach hätte verhindert werden können.

"Ein einziger Anruf hätte gereicht", sagt der Vorsitzende Richter Joachim Grebe. Doch der Mann und die Tochter schauen wochenlang tatenlos zu, wie die 49-Jährige immer stärker verfällt. Hilfe rufen sie erst, als sie tot ist.

Sieben Jahre Haft für den Mann

Totschlag durch Unterlassen urteilt das Landgericht in Verden am Montag. Der 50-Jährige wird zu sieben Jahren Haft verurteilt, die 18-Jährige zu einer dreijährigen Jugendstrafe.

Mehr als zwei Stunden nimmt sich Grebe für die Urteilsbegründung. Ausführlich schildert er den furchtbaren Anblick, der sich Rettungssanitätern und Polizisten im März 2015 in der Wohnung der Familie in Thedinghausen bietet.

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Im Prozess werden diese später erzählen, wie teilnahmslos der 50-Jährige und seine Tochter an dem Abend wirken. Keine Spur von Betroffenheit oder Trauer, eher eine Art Erleichterung.

Auch den Worten von Grebe folgt der 50-Jährige ungerührt. Hin und wieder schüttelt er den Kopf, zieht die Augenbrauen skeptisch in die Höhe und flüstert seinem Verteidiger etwas zu.

Seine Tochter weint, als der Richter von ihrer traurigen Kindheit und dem zerrütteten Familienleben berichtet.

Tochter litt unter Alkoholsucht der Mutter

Sie habe jahrelang unter der Alkoholsucht der Mutter gelitten und sich für diese geschämt, sagt Grebe. Die Frau baut mit der Zeit immer mehr ab, lehnt aber eine Therapie vehement ab. Die Wohnung vermüllt und verdreckt. Die Leute in dem kleinen Ort meiden die Familie.

Zur Tragödie kommt es schließlich, als sich die 49-Jährige im vergangenen Januar den Oberschenkel bricht - wahrscheinlich bei einem Sturz in der Wohnung.

Hilflos liegt sie auf dem Sofa, vegetiert über Wochen vor dem Fernseher vor sich hin. Ihr Mann und ihre Tochter seien die einzigen gewesen, die sie hätten retten können, sagt Grebe. "Was beiden Angeklagten zweifelsfrei bewusst war." Wieso unternehmen sie nichts?

Wieso ließen sie sie sterben?

Hilflosigkeit, Überforderung und psychische Erkrankungen sind nach Angaben des Polizeipsychologen Adolf Gallwitz oft der Grund, wieso Menschen ihre kleinen Kinder oder pflegebedürftigen Angehörigen vernachlässigen.

In manchen Fällen würden sie Schäden aber auch billigend in Kauf nehmen, sagt der Professor für Psychologie an der Polizeihochschule Baden-Württemberg. Dies sei aber oft schwer nachzuweisen, weil sich die Menschen durch Nichtstun schuldig machten und nicht durch aktive Handlungen.

Im Fall der 49-Jährigen haben die Verdener Richter keine Zweifel: Dass die Frau ohne Hilfe sterbe werde, sei ihrem Mann und ihrer Tochter spätestens zwei Wochen vor dem Tod klar gewesen, sagt Grebe. "Es wurde nichts verdrängt. Sie haben selbst zugegeben, was sie gesehen haben." Wegen der familiären Nähe seien die beiden verpflichtet gewesen, etwas zu unternehmen. Die Verteidigung sieht das anders. Sie will nun Revision beim Bundesgerichtshof einlegen.© dpa