Nach den sexuellen Übergriffen vor dem Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht warnen Politiker und Polizeivertreter: No-Go-Areas für Frauen dürfe es in Deutschland nicht geben. Schon in vier Wochen wird sich zeigen, ob sie die Lage in den Griff bekommen – dann beginnt der Kölner Karneval.

Zerrissene Strumpfhosen, schief sitzende Röcke, verheulte Gesichter: Die massenhaften sexuellen Übergriffe vor dem Kölner Hauptbahnhof haben eine Debatte über die Sicherheit im öffentlichen Raum entfacht. "Ich habe noch nie so viele heulende Frauen gesehen", berichtete eine Augenzeugin SZ Online.

Aus einer Menschenansammlung von rund 1.000 Personen wurden in der Silvesternacht Dutzende, wenn nicht sogar Hunderte Frauen und Mädchen von einzelnen Gruppen begrapscht, bepöbelt und bestohlen. Sogar einer Zivilpolizistin soll in die Hose gefasst worden sein.

Wie sinnvoll die geplanten Maßnahmen in Köln wirklich sind.

Rund 170 Anzeigen gingen nach aktuellem Stand bei der örtlichen Polizei ein, drei Viertel davon hatten einen sexuellen Hintergrund. Von "Straftaten einer völlig neuen Dimension" hatte der inzwischen in den Ruhestand versetzte Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers gesprochen. Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) erklärte gegenüber der "B.Z.", "No-Go-Areas für Frauen" dürfe es in deutschen Städten nicht geben.

20 Anzeigen auf Oktoberfest, 170 in Köln

Müssen Frauen nun Angst vor weiteren Übergriffen haben? "Ich bin leider davon überzeugt, dass uns das in Zukunft noch weiter begleiten wird", sagte Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft. Schon beim Kölner Karneval, der in vier Wochen beginnt, wird angesichts von Hunderttausenden Besuchern mit neuen Übergriffen gerechnet.

Dass vermutlich nur ein Teil der Täter der Silvesternacht für sein Vergehen belangt werden kann, dürfte eher noch als Ermunterung für weitere Taten gelten. "Während des Karnevals kommt es immer wieder zu zahlreichen Straftaten – von Taschendiebstahl, über Raub, Körperverletzungen und Sexualstraftaten", erklärt Rüdiger Thust, Vorsitzender des Bezirksverbandes Köln des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, unserer Redaktion. "Bisher geschah dies jedoch nicht aus einer solchen Gruppe heraus."

Und auch nicht in dieser Größenordnung. Bei anderen großen Volksfesten wie dem Oktoberfest in München werden immer wieder Sexualdelikte zur Anzeige gebracht. 2015 waren es bei 5,9 Millionen Wiesn-Besuchern in rund zwei Wochen 20 Fälle (2014:11, 2013:16). Selbst bei einer angenommenen Dunkelziffer wird klar, dass die Silvester-Angriffe in Köln mit bisher fast 400 Anzeigen eine völlig neue Dimension besitzen.

"Überall aufmerksam und vorsichtig sein"

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus, wenn die Polizei die öffentliche Sicherheit wegen Überbelastung und fehlender Stellen teilweise nicht mehr gewährleisten kann? Sollten gewisse Plätze in Köln von Frauen gemieden werden? "Köln ist seit Jahren mit Kriminalität stark belastet, die Frauen, Männer, Junge und Alte gleichermaßen betrifft", betont Polizeigewerkschafter Thust. Es sei nicht sachgerecht, dies auf einige wenige Orte zu reduzieren. "Man muss überall aufmerksam und vorsichtig sein, leider." Dies gelte auch für Frauen, die sich im öffentlichen Raum bewegen.

Kölner Bürgermeisterin rät Frauen zu einer Armlänge Abstand.

Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) empfahl Frauen, zu Fremden immer "eine Armlänge Abstand" einzuhalten und in der Gruppe zu bleiben, um sich gegen Übergriffe zu schützen.

Mehr Polizeipräsenz, mehr Videoüberwachung

Als Reaktion auf die Vorfälle will die Stadt zudem die Sicherheitsmaßnahmen bei Großveranstaltungen erhöhen. Dazu gehören mehr Polizeipräsenz, der Einsatz uniformierter und ziviler Sicherheitskräfte, Meldeauflagen für polizeibekannte Taschendiebe sowie mobile Videoüberwachung. "Mit Videoüberwachung kann man nicht immer Straftaten verhindern, aber man kann gewiss Einfluss auf Täter und ihr Verhalten nehmen, wenn man erkennbar darauf hinweist", erklärt Rüdiger Thust, der auf den Rückgang von Delikten in Parkhäusern nach der Installation von Kameras verweist. Überwachungskameras seien aber "auch kein Allheilmittel", so Thust.

Darüber hinaus ist zu erwarten, dass einige Frauen auf bessere Selbstverteidigung setzen werden: Bereits in den vergangenen Monaten war der Umsatz von erlaubnisfreiem Pfefferspray deutschlandweit deutlich gestiegen. Dieser Trend wird sich nun wahrscheinlich fortsetzen.

Wie es zu den Übergriffen von Köln kommen konnte.

Andere Frauen reagieren dagegen mit Vermeidungsverhalten. "Wir würden uns nie wieder an solchen Tagen zum Hauptbahnhof bewegen", schilderte eine Augenzeugin gegenüber "Focus Online" ihre Erlebnisse. "Wenn ich es vermeiden kann, geh ich jetzt nicht mehr nach Köln, vor allem nicht abends. Ich vermeide Menschenmassen und Ansammlungen und gehe nicht mehr auf Partys und Veranstaltungen."

Sie waren zum Feiern gekommen, aber die Kölner Silvesternacht werden viele Mädchen und Frauen nun aus ganz anderen Gründen so schnell nicht vergessen.

Zur Person: Rüdiger Thust (70) ist Vorsitzender des Bezirksverbandes Köln des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK).