Die AfD versucht, von den Kölner Übergriffen politisch zu profitieren: Mit massiven Angriffen gegen die Kanzlerin und Stimmungsmache gegen Flüchtlinge wollen die Rechtspopulisten punkten.

Die deutsche Frau, angeblich bedroht vom fremden Mann - mit diesem Vorurteil lässt sich bei der Anhängerschaft der AfD punkten. "Die Angsträume werden größer in unserem Land", rief Björn Höcke. "Gerade für blonde Frauen werden sie leider immer größer." Im Herbst war das, bei einer von ihm organisierten Kundgebung in Erfurt. Einige Tausend Teilnehmer jubelten dem Landes- und Fraktionschef der Thüringer "Alternative für Deutschland" zu.

Köln: 31 Verdächtige identifiziert - darunter auch Deutsche.

Höcke, der jüngst mit Äußerungen über die "Reproduktionsfähigkeit" von Afrikanern von sich reden machte und dafür vom AfD-Bundesvorstand lediglich gerügt wurde, fühlt sich nach den Übergriffen auf Frauen in Köln bestätigt. Auf seiner Facebook-Seite hat er jetzt ein selbstgebasteltes Motiv des AfD-Landtagsabgeordneten Thomas Rudy geteilt. Es zeigt Höcke in Denkerpose, darunter steht: "Höcke hatte Recht." Höcke ist von der Komposition seines Parteifreundes angetan. "Danke, Thomas!", schreibt er.

Die AfD konnte seit Beginn der Zuwanderungsbewegung in Umfragen bundesweit auf neun, im Osten sogar auf 16 Prozent zulegen und sieht sich durch die Silvestervorfälle in Köln beflügelt. Im Internet, auf Facebook, auf Twitter, überall in den sozialen Medien wird das Thema in den Kreisen der Rechtspopulisten eifrig kommentiert. Die Nächte von Köln und Hamburg werden von vielen direkt mit der Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel in Verbindung gebracht. Erste Berichte über polizeiliche Hinweise, wonach sich auch Flüchtlinge an Übergriffen beteiligt haben sollen, verbreiten sich rasch im Netz unter den AfD-Anhängern.

Petry vergleicht Köln mit 1945

Auch ganz oben wird eine direkte Linie von der Flüchtlingspolitik zu Köln gezogen. "Ist Ihnen nach der Welle an Straftaten und sexuellen Übergriffen Deutschland nun 'weltoffen und bunt' genug, Frau Merkel?", schrieb AfD-Vorstandssprecherin Frauke Petry auf Facebook. Wenig später brachte die Parteichefin die Vorgänge in einen Zusammenhang mit den Vergewaltigungen deutscher Frauen durch Soldaten der Roten Armee im Frühjahr 1945. "Massenhafter Missbrauch in Köln erinnert an rechtlose Zustände zum Kriegsende", schrieb sie.

Übergriffe in Köln beschäftigen internationale Medien.

Auch der Thüringer Rechtsaußen Höcke hat auf Facebook noch einmal in den vergangenen Stunden nachgelegt: "Merkel ist schuld an Attacken des Einwanderer-Mobs auf Frauen in Köln und anderen deutschen Städten."

Massive Attacken gegen Merkel, Zuspitzungen, Übertreibungen, Unterstellungen, schiefe historische Vergleiche, hämische Angriffe auf den politischen Gegner - so versucht die AfD aus Köln Kapital zu schlagen. Der Sprecher der Bundespartei, Christian Lüth, twitterte ein Bild der Grünen-Politikerin und Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth, auf dem diese mit heruntergezogenen Mundwinkeln zu sehen ist. Dazu der Satz: "Ach wäre ich Neujahr nur nach Köln gefahren."

Sachsen-Anhalts AfD-Landeschef löscht Tweet

Klar ist: Die AfD hofft auf Profite. In drei Landtagen - Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt - wird am 13. März gewählt, überall rechnet sie sich gute Chancen aus. Nachdem AfD-Vize Alexander Gauland schon die Flüchtlingskrise als solche jüngst als Geschenk für seine Partei bezeichnet hatte, könnten die Übergriffe von Köln noch einen zusätzlichen Schub geben - so das Kalkül.

Der sachsen-anhaltinische Landeschef André Poggenburg ging in diesen Tagen am weitesten. Auf Twitter postete der 40-Jährige ein Bild, auf dem drei weiße Mädchen ein Stoffbanner mit der Aufschrift "Refugees welcome" halten, darüber steht die Überschrift "Köln; Oktober 2015".

Gleich darunter ist das Bild einer vor Schreck zusammenzuckenden weißen Frau, die von einem schwarzen Mann in den Nacken gebissen wird, dazu die Überschrift "Köln, Januar 2016". Poggenburg schrieb: "Köln, Hamburg, Stuttgart und bald auch ganz in Ihrer Nähe? So ist das halt mit Multi-Kulti ohne Sinn und Verstand."

Mit diesen Forderungen reagieren Politiker auf Übergriffe in Köln.

Das aber war auch der AfD zu starker Tobak. Und offenbar hatte die Partei, von deren Anhängern viele die Medien als "Lügenpresse" beschimpfen, Angst, selbst der Lüge bezichtigt zu werden - das Bild kursiert seit Jahren im Netz, seine Herkunft ist unklar.

Inzwischen hat Poggenburg, der mit Höcke eng zusammenarbeitet, seinen Tweet gelöscht.© SPIEGEL ONLINE