Wer sind die Täter, die in der Silvesternacht Dutzende Frauen angegriffen haben? Die Ermittlungen sind schwierig. Doch die Attacken erinnern an das Vorgehen von Trickdieben, die seit längerem in Köln ihr Unwesen treiben.

Gut, dass Köln eine Metropole ist, denken jetzt womöglich die Ermittler. Denn anders als in den kleineren Nachbarstädten wird der Hauptbahnhof am Dom zumindest videoüberwacht.

Also gibt es Bilder von den Ereignissen in der Silvesternacht, sie zeigen Tausende Menschen, es ist mühsam, darauf einzelne Personen zweifelsfrei zu erkennen.

Doch die Aufnahmen sind immerhin ein Anfang bei dem Versuch, diejenigen zu fassen, die Dutzende Frauen sexuell belästigt und bestohlen haben sollen. "Trotzdem ist es die Suche nach der Nadel im Heuhaufen", sagt ein Beamter.

Denn auch die Aussagen der Opfer helfen meist nicht weiter. "Sie haben große Probleme, Tatverdächtige zu identifizieren", sagt Kölns Polizeipräsident Wolfgang Albers.

Die Straftaten seien aus Gruppen heraus begangen worden, so dass auch den Betroffenen nicht immer klar gewesen sei, wer ihnen was angetan habe. "Wahrscheinlich wollten die Opfer möglichst schnell der Situation entkommen", mutmaßt Albers.

Köln, Hamburg, Stuttgart: In mehreren deutschen Großstädten hat es massive sexuelle Übergriffe auf Frauen gegeben. Das Ausmaß der Vorfälle schockiert die Polizei. Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, rechnet damit, dass es auch in Zukunft zu solchen Delikten kommen wird.

Die minutiöse Rekonstruktion der zehnköpfigen Sonderkommission "Neujahr", wer wann wen wie bedrängt oder beklaut hat, wird daher wohl nur in wenigen Fällen vollständig gelingen. Auch in Hamburg kam es am Neujahrsmorgen zu ähnlichen Vorfällen.

Als tatverdächtig gelten in Köln Männer, die "dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum" stammen, wie die Polizei mitteilte.

"Ich weiß, wie professionell die Kollegen der Kölner Kripo arbeiten", sagt der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), Sebastian Fiedler. "Wir müssen aber sehen, ob am Ende ihrer Arbeit tatsächlich zahlreiche Verurteilungen stehen werden."

Ermittlungen zu Straftaten, die aus Menschenmengen heraus begangenen werden, seien immer besonders schwer. Das allgemeine Getümmel, die Dunkelheit, der angetrunkene Zustand vieler Zeugen erschwerten die Beweisführung enorm.

"Man darf sich keinen Illusionen hingeben, die Videoaufnahmen liefern nicht in jedem Fall beweis- und gerichtsfeste Fakten. Dass mit den Aufnahmen den Tätern individuell und konkret Straftaten nachgewiesen werden können, ist unwahrscheinlich", sagt der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizei-Gewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt.

Sorge vor "innenpolitischer Bombe"

"Die Politik macht einen großen Fehler, wenn die Kripo hier nicht sofort zusätzliche Ressourcen bekommt, um zu ergründen, welche Strukturen womöglich hinter den Diebesbanden stehen", so Fiedler.

"Ich habe die große Sorge, dass das kein isoliertes Kölner Problem ist. Das könne sich zu einer "innenpolitischen Bombe" entwickeln, sagt er, wenn rechte Rattenfänger damit Stimmung machten.

Anwesende und Zeugen berichten von der Horror-Nacht in Köln.

Fiedler verweist darauf, dass der BDK immer wieder auch auf die Bedeutung von Prävention zur Verhinderung solcher Straftaten hingewiesen habe. "Es gibt gute Konzepte", sagt der Kripo-Gewerkschafter, "leider hat die Politik daran bislang lang kein gesteigertes Interesse erkennen lassen."

Wichtiger als am Ende vielleicht vereinzelt Bewährungsstrafen zu verhängen, sei es, "den Tätern unsere gesellschaftlichen Werte und die geltende Rechtsordnung ganz klar zu machen", so Fiedler. "Wir müssen ihnen sagen, was hier Sache ist."

Nach Erkenntnissen der Ermittler könnten die Täter aus dem Milieu der aus Nordafrika stammenden Trickdiebe stammen, die als sogenannte "Antänzer" seit längerer Zeit in Köln ihr Unwesen treiben. Zu diesem Thema hat Spiegel TV im Jahr 2014 einen Film gedreht:

Diese Art von Seriendiebstählen ist ein massives Sicherheitsproblem in der Stadt am Rhein. "In Köln haben wir 12.000 Delikte im Jahr", sagte Kriminalhauptkommissar Günther Korn im Sommer 2014 zu Spiegel TV. "Das sind 5.000 mehr als 2007."

Und das obwohl die Beamten in dem Zeitraum dreimal mehr Trickdiebe gefasst hätten als 2007. "Wir können gar nicht so viele Täter festnehmen wie nachwachsen", so Korn. Die geringen Strafen, die in Deutschland für Eigentumsdelikte verhängt werden, schrecken offenbar nur wenige Täter ab.

"Wir nehmen es nicht hin"

Im Interview mit "Spiegel Online" hatte der Braunschweiger Kripo-Chef Ulf Küch vor einiger Zeit das Problem mit Kriminellen unter anderem aus Nord- und Zentralafrika beschrieben. Der Großteil der Flüchtlinge werde hingegen nicht straffällig, betonte Küch. "Wir stellen fest, dass zwar nur sehr wenige Zuwanderer als Straftäter auffallen, diese dann aber häufig eine Vielzahl von Delikten begehen", so der Kriminaldirektor. Erhebungen des Bundeskriminalamts stützen seine Beobachtung.

Köln: Justizminister spricht von neuer "Dimension organisierter Kriminalität".

Kriminalistisch lässt sich das Problem von marodierenden Banden jedoch kaum lösen, weshalb eine bloße Demonstration von Stärke der Bevölkerung das Gefühl von Sicherheit zurückgeben soll.

Die Beamten sollten nun "zur Abschreckung" stärker Präsenz zeigen, verfügt der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD). "Wir nehmen es nicht hin, dass sich nordafrikanische Männergruppen organisieren, um wehrlose Frauen mit dreisten sexuellen Attacken zu erniedrigen", so Jäger.

Es gebe in Köln keinen rechtsfreien Raum, sagt wiederum Polizeipräsident Albers. Man sei mit starken Kräften im Einsatz gewesen. Aber die Kräfte waren offenkundig nicht stark genug, um die Taten zu verhindern oder die Täter festzunehmen.

Bei einem Krisentreffen mit der Kölner Polizei und der für Bahnhöfe zuständigen Bundespolizei will Oberbürgermeisterin Henriette Reker am Dienstag daher neue Sicherheitskonzepte erarbeiten. Denn: Am 8. Februar ist Rosenmontag.© SPIEGEL ONLINE