Nach den Übergriffen in Köln geraten Polizei und Politik immer mehr in die Kritik. Wie sich nun herausstellt, hat NRW-Innenminister Ralf Jäger offenbar eine Verstärkung der Polizei an Silvester abgelehnt.

Köln: Laut Polizei-Protokoll war Staat nicht mehr Herr der Lage.

In der Silvesternacht hatten sich am Kölner Hauptbahnhof aus einer Menge von rund 1.000 Männern heraus kleinere Gruppen gelöst, die vor allem Frauen umzingelt, begrabscht und bestohlen haben sollen. Der Schock sitzt immer noch tief. Die Kölner Übergriffe werfen zahlreiche Fragen auf – unter anderem, wieso die Polizei die Geschehnisse nicht hatte verhindern können.

Wie sich jetzt herausstellt, soll die Landes-Polizeibehörde von NRW-Innenminister Ralf Jäger den Einsatz zusätzlicher Polizeikräfte verhindert haben. Nach Informationen des Nachrichtenmagazins "Focus" hat das Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste (LZPD) des NRW-Innenministers die Bitte der Kölner Polizei um eine zusätzliche Einsatz-Hundertschaft im Vorfeld abgelehnt.

Dies geht aus einem Einsatzleiter-Report hervor, der dem "Focus" vorliegt. Weil die Anfrage keinen Erfolg hatte, stellte die Kölner Polizei in jener Nacht lediglich 143 Beamte. Im Bahnhof selbst war die Bundespolizei mit 70 Leuten unterwegs.

Offenbar nur die halbe Wahrheit

Offenbar haben nach "Focus"-Informationen sowohl der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers als auch die neue parteilose Oberbürgermeisterin Henriette Reker der Öffentlichkeit nach den Vorfällen tagelang nur die halbe Wahrheit gesagt.

So behaupteten beide zu Beginn dieser Woche, bisher habe man keinen Verdächtigen gefasst.

Die Übergriffe in Köln beschäftigen die internationalen Medien. Sie kritisieren die Behörden, die auf die Ereignisse in der Silvesternacht bizarr reagiert hätten und warnen davor, voreilige Schlüsse zu ziehen und damit Ängste zu schüren.

Folglich könne man auch keine Zusammenhänge zur Flüchtlingsproblematik ziehen. Dabei hatte eine Frau nach "Focus"-Informationen die Polizei noch in der Silvesternacht auf einen Marokkaner aufmerksam gemacht, der ihr in den Schritt gefasst hatte.

Die Beamten nahmen den Mann in Polizeigewahrsam. Aus seinen Papieren ging hervor, dass er am 26. Dezember über Paris illegal nach Deutschland eingereist war. Den Grund seines Aufenthalts vermochten die Ermittler nicht mehr zu klären – der Verdächtige kam wieder frei und verschwand.

Überdies führte die Polizei zahlreiche Kontrollen und Festnahmen in jener Horrornacht durch: "Bei den Personalien-Feststellungen konnte sich der überwiegende Teil der Personen lediglich mit einem Registrierungsbeleg als Asylsuchender des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge ausweisen", heißt es in dem Focus vorliegenden Einsatzleiter-Report vom 2. Januar.

In diesem ist auch die Rede davon, dass auf den Plätzen vor dem Dom und dem Hauptbahnhof eine völlig "enthemmte" Menge von bis zu 1.500 Menschen überhaupt nicht auf die Anweisungen der Ordnungshüter reagierte.

Weitere Vorfälle nach der Silvesternacht

Auch in den folgenden Nächten schlugen Asylbewerber nach "Focus"-Informationen mit derselben Masche zu – wieder am Hauptbahnhof. Erneut wurden Reisende in die Gasse gelockt, bestohlen und sexuell genötigt.

Am 3. Januar gegen 04:35 Uhr lauerten fünf Personen einem jungen Paar auf. Sie verfolgten ihre Opfer, raubten ihnen Geld und Handys. Diesmal waren Fahnder der Bundespolizei vor Ort.

Silvester-Übergriffe in Köln: Was bisher bekannt ist - und was nicht.

Sie nahmen zwei Marokkaner, zwei Algerier und einen Syrer im Alter zwischen 20 und 24 fest. Der Syrer sagte laut Protokoll: "Ihr dürft mich nicht verhaften, ihr müsst mich freundlich behandeln. Frau Merkel hat mich eingeladen!"

Mit der Problematik der in Ermittlerkreisen "nordafrikanische Intensiv­täter" (Nafris) genannten Kriminellen beschäftigen sich deutsche Fahnder nach Informationen des Magazins bereits seit Jahren.

NRW-Polizei warnt intern vor Nafris

Die Düsseldorfer Kripo beispielsweise hat inzwischen hierarchisch organisierte Klaubanden mit gut 2.250 Mitgliedern ausgemacht. Die Hälfte von ihnen sind Marokkaner. Der Großteil wohnt in Asylheimen. Zwischen Juni 2014 und Herbst 2015 zählten die Ermittler knapp 4.400 Straftaten in ihrem Sprengel.

Wie der "Focus" weiter berichtet, hat die NRW-Polizei intern eine Warnung unter dem Titel "Eigensicherungshinweise NAFRI" herausgegeben.

Darin heißt es: Immer häufiger setzten sich die Delinquenten bei Festnahmen durch "Schlagen, Treten, Beißen zur Wehr. Dabei werden auch Waffen und gefährliche Gegenstände eingesetzt." Also: Messer, Pfefferspray, Schlagringe, Glas- und Spiegelsplitter. (far)

Köln, Hamburg, Stuttgart: In mehreren deutschen Großstädten hat es massive sexuelle Übergriffe auf Frauen gegeben. Das Ausmaß der Vorfälle schockiert die Polizei. Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, rechnet damit, dass es auch in Zukunft zu solchen Delikten kommen wird.