Was ist los in good old Germany? Die Ereignisse in Köln elektrisieren Amerika. In US-Medien gibt es sogar erste Rücktrittsforderungen an Angela Merkel.

In Donald Trumps Reden hat Deutschland inzwischen einen festen Platz. Aus Sicht des US-Milliardärs ist die Bundesrepublik ein abschreckendes Beispiel dafür, was passiert, wenn man zu viele fremde Menschen ins eigene Land lässt. "Schaut euch an, was in Köln geschah", rief er am Wochenende bei einem Wahlkampfauftritt in Iowa: "Die erschütternden Verbrechen, die Silvesternacht, die Vergewaltigungen und das gesamte Gemetzel." Wir sollten die Grenzen dicht halten, so seine Botschaft.

Das ist die zynische Trumpsche Weltsicht, klar. Aber selbst wenn man vom Republikaner mal absieht: Die Geschehnisse in Deutschland und insbesondere die in der Silvesternacht vor dem Kölner Hauptbahnhof spielen in den USA dieser Tage eine bemerkenswert große Rolle. Auch etliche von Trumps Rivalen zeigen auf Deutschland, im Fernsehen gibt es Bilder von Pegida-Demonstrationen, und die Zeitungen sind voll von Berichten der Berliner Korrespondenten.

Mit wachsender Sorge beobachten die Amerikaner die Stimmung jenseits des Atlantiks. Dass die Behörden wegen der sexuellen Übergriffe in Köln auch gegen Flüchtlinge ermitteln und gleichzeitig der rechte Protest anschwillt, elektrisiert viele Amerikaner. "Das Pendel schlägt um", schreibt die "Los Angeles Times" über die Lage in Deutschland.

Strafanzeigen drastisch gestiegen: 40 Prozent Sexualstraftaten.

Von einem "Test" für die Kanzlerin schreibt der "New Yorker", aus Sicht der "Huffington Post" droht das Vertrauen der Deutschen in den Kurs Angela Merkels "zu erodieren". Und der TV-Sender CNN hält seine Zuschauer seit Tagen darüber auf dem Laufenden, wie viele Flüchtlinge inzwischen wegen der Kölner Vorfälle ins Visier der Behörden geraten sind.

"Das bedeutet, dass Angela Merkel gehen muss"

Schneller als in Deutschland selbst, so scheint es, werden in den USA die Kölner Ereignisse mit der Flüchtlingspolitik verknüpft. Besonders dramatisch las sich am Wochenende ein Meinungsstück, das die "New York Times" zwar nicht auf der eigenen Kommentarseite, aber unter den Gastbeiträgen veröffentlichte. Unter der Überschrift "Deutschland auf der Kippe" rechnete der Autor Ross Douthat mit der Kanzlerin und der deutschen Flüchtlingspolitik ab. Die Kölner Vorfälle seien von den Behörden zunächst bewusst heruntergespielt worden, da sie mit Blick auf "Merkels Politik eines Massenasyls ungelegen" gekommen seien, mutmaßt Douthat, der seit einigen Jahren für die "New York Times" eine der konservativen Stimmen ist.

Gefahr von Übergriffen kann verringert, aber nicht gebannt werden.

Mit der hunderttausendfachen Aufnahme von überwiegend muslimischen Flüchtlingen bewege man sich auf völlig unbekanntem Terrain, so der Kolumnist.

"Wenn Sie glauben, dass eine alternde, säkulare und weitgehend homogene Gesellschaft eine Zuwanderung solcher Größe und solcher kultureller Unterschiede friedlich auffängt, dann haben Sie eine große Zukunft als Sprecher der derzeitigen deutschen Regierung", schreibt Douthat: "Aber Sie sind auch ein Idiot." Eine solche Transformation bringe automatisch eine Polarisierung und eine höhere terroristische Gefahr mit sich.

Dazu müsse es nicht kommen. Aber um eine politische Gewalt wie in den Dreißigerjahren zu verhindern, müsse Deutschland umgehend umsteuern, schreibt Douthat: "Das bedeutet, dass Angela Merkel gehen muss - damit ihr Land und der Kontinent, der es trägt, vermeiden kann, einen zu hohen Preis zu zahlen für ihren wohlmeinenden Wahnsinn."

Debatte in den USA verschiebt sich nach rechts

Dass solche Töne auch jenseits von Fox News und einzelnen Tea-Party-Publikationen im Internet zu hören und zu lesen sind, zeigt auch, wie sehr der von rechten Tönen dominierte Vorwahlkampf die Debatte in den USA verschoben hat. Des Themas Einwanderung nehmen sich plötzlich so ziemlich alle Medien an, und Deutschland ist für sie ein interessantes Fallbeispiel.

Was dort passiert, könnte bald auch bei uns geschehen - so ist jedenfalls die Lesart vieler konservativer Amerikaner. Es ist angesichts der mickrigen Zahl der von den USA aufgenommen Flüchtlinge eine hysterische Sichtweise, aber eine, die im Jahr der Präsidentschaftswahl leicht verfängt.

Erfolglose Täter-Suche nach Übergriffen in Köln löst Kritik aus.

Natürlich steuern wichtige Teile der Medien noch immer bewusst dagegen. Die "Washington Post" veröffentlichte am Wochenende einen Meinungsbeitrag, der den Amerikanern veranschaulichte, welch enormer Aufgabe sich Deutschland verschrieben hat.

Rund 2000 Flüchtlinge hätten allein den Kreis Dachau in Bayern erreicht, wohingegen die USA in den vergangenen beiden Jahren lediglich 2000 Asylsuchende aufgenommen hätten, rechnete der Autor Michael Gerson seinen Lesern vor. Für Merkel fand Gerson anerkennende Worte, bezeichnete sie als "wichtigste Anführerin in Europa".

Auch die "NYT" stellte dem Stück von Ross Douthat eine eigene Sichtweise gegenüber. Ebenfalls am Wochenende veröffentlichte das Blatt einen Leitartikel, der sich der europäischen Flüchtlingspolitik widmete. Erwähnt wurde auch die Kanzlerin. Die Zeitung zitierte aus ihrer Neujahrsansprache, in der sie die Flüchtlingskrise auch als Chance für die Zukunft beschrieb.

"Das", so die "NYT", "ist eine Neujahrsansprache, die alle in Europa beachten sollten."© SPIEGEL ONLINE