Bei dem schweren Zugunglück im bayerischen Bad Aibling waren Dutzende Feuerwehrleute, Ärzte, Sanitäter und Polizisten vor Ort. Die Erfahrung zeigt: Manche Ersthelfer benötigen nach solchen Katastrophen psychologische Unterstützung – vor allem die vermeintlich harten Jungs, verrät uns ein Experte.

Psychologe Prof. Wilfried Echterhoff ist Vorsitzender der Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland e.V. und Mitglied der Gesellschaft für Psychotraumatologie.

Herr Prof. Echterhoff, wer hilft nach einem solchen Unglück wie im bayerischen Bad Aibling überhaupt den Helfern?

Prof. Wilfried Echterhoff: Die Erstbetreuung übernehmen in der Regel kirchliche Notfallseelsorger. Sie kümmern sich sowohl um Unfallopfer, aber auch um Einsatzkräfte, die ein Gespräch benötigen. Daneben beschäftigen einzelne Unternehmen wie Bahngesellschaften psychologisch ausgebildete Ersthelfer.

Was ist bei der Betreuung vor Ort wichtig?

Da geht es darum, für die Menschen da zu sein und ihnen ein Gespräch anzubieten. Wenn ein Helfer unter Schock steht, muss er aus der Situation raus und zur Ruhe kommen, etwa in einem abgetrennten Bereich wie einem Zelt. Wenn ihn die belastenden Bilder nicht loslassen, kann in der Zeit danach der Gang zum Psychologen nötig sein.

Was ist für bei einem Unglücksfall das Belastendste?

Zugunglück: Mann soll Sicherheits-System abgeschaltet haben.

Oft sind es gar nicht besonders schreckliche Eindrücke, sondern das Gefühl der Hilflosigkeit. Wenn ein Arzt oder Feuerwehrmann nicht helfen konnte, weil die Situation ihn überfordert hat, – beispielsweise wegen der hohen Zahl von Verletzten oder weil die Einsatzpläne nicht gegriffen haben – kann das eine große Belastung sein. Diese Hilflosigkeit erleben die Betroffenen als viel schlimmer als ein Bild von Unfallopfern.

Wie viel Prozent der Helfer benötigen selbst Hilfe?

Das ist nur ein ganz geringer Prozentsatz – aber es sind eben meist jene, die bei einem Einsatz Hilflosigkeit erlebt haben. Allerdings ist der Anteil der Bedürftigen leider größer als die Zahl derjenigen, sie sich wirklich behandeln lassen.

Wer blockt ab?

Meist sind es Männer, die draufgängerisch wirken und meinen, sie hätten so etwas nicht nötig. Es gibt junge Berufsfeuerwehrleute, die in einen Einsatz gehen wie John Wayne. Sie wollen keine Hilfe. Im Nachhinein zeigt sich, dass es gerade sie sind, denen ein Gespräch gut getan hätte.

Bei Frauen gibt es diese Tendenz nicht?

Männer verweigern eine psychologische Nachbetreuung deutlich häufiger.

Was sind Anzeichen, dass Hilfe benötigt wird?

Albträume, Schlaflosigkeit, Bilder, die immer wieder auftauchen, ein emotionales Sich-Verschließen oder Aggressionen. Meist liegt eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder eine akute Belastungsreaktion vor. Die Psyche besitzt wie der Körper gute Selbstheilungskräfte, aber wenn Bilder immer wieder kommen, ist das ein klares Warnsignal und eine Aufforderung: Tue etwas!

Können solche Bilder noch viel später auftauchen?

Das ist selten, kommt aber vor. Ich hatte einen Patienten, der nach mehr als 20 Jahren ein vergleichbares Unfallgeschehen noch einmal fast identisch erlebt hat. Den ersten Vorfall ließ er nicht behandeln: Bei der Wiederholung kam alles wieder hoch.

Wovon hängt es ab, ob ein Trauma zurückbleibt?

Experte erklärt, was vor Zugunglück geschehen sein könnte.

Neben dem schon angesprochenen Gefühl der Hilflosigkeit spielt auch die psychische Grundverfassung des Betroffenen eine Rolle. Menschen, die so tun als ob keine Krise ihnen etwas antun könnte und die angeblich immer alles unter Kontrolle haben, sind besonders anfällig. Entscheidend ist es auch, fachkundige Hilfe bei einem psychologischen Psychotherapeuten zu suchen. Es ist unzureichend, sich Medikamente bei einem Psychiater verschreiben zu lassen.

Können Ersthelfer einer Traumatisierung vorbeugen?

Ja, sie müssen die eigene Hilflosigkeit und die Begrenztheit voraus denken. Es kann immer ein Szenario geben, in dem man den Opfern vielleicht nicht so helfen konnte wie es ideal gewesen wäre. Was passiert, wenn ich scheitere? Was, wenn ich seelischen Schaden nehme? Es hilft ungemein, solche Fragen vorab zu stellen.

Ist es ratsam, auch mit Angehörigen über belastende Erlebnisse zu sprechen?

Davon rate ich ab. Sie können nur begrenzt helfen. Die Lebenspartner möchten oft, dass der Geschädigte einfach wieder so ist wie früher. Ihnen fehlen in Gesprächen häufig die nötige Distanz und das fachlich geprägte Verständnis.

Ist Deutschland eigentlich gut aufgestellt, was Hilfe für die Helfer betrifft?

Da gibt es erhebliche regionale Unterschiede. In bevölkerungsarmen Gebieten mit geringer Kirchen- und Psychologendichte wie in Teilen Ostdeutschlands ist die Lage sehr schlecht. Da gibt es teils erhebliche Probleme – vor allem in der psychologischen Nachbetreuung. Zudem kritisiere ich, dass es deutschlandweit keine einheitliche Anlaufstelle gibt, die die Koordinierung der Notfallseelsorger und die Überweisung zu Psychologen zusammenführt. Das geschieht mehr oder weniger zufällig.

Zur Person: Prof. Wilfried Echterhoff (73) ist Vorsitzender der Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland e.V. und Mitglied der Gesellschaft für Psychotraumatologie. In Köln gründete er das Institut für Psychologische Unfallnachsorge (IPU).

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