Am 11. September jährt sich der Terroranschlag auf das New Yorker World Trade Center zum 13. Mal. Seitdem haben insbesondere die USA dem internationalen Terrorismus den Kampf angesagt. Im Gespräch zieht der Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, Dr. Hans-Dieter Heumann, Bilanz.

Wo stehen wir nach 13 Jahren Terrorismusbekämpfung?

Dr. Hans-Dieter Heumann: Wir haben heute eine gefährliche Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus. Und zwar nicht nur für den Westen, sondern auch für Staaten des Nahen Ostens bis hin zu Pakistan und Indonesien. Aktuell haben wir es mit einer Doppelbedrohung durch Al Kaida und den Islamischen Staat zu tun. Beide Organisationen teilen eine antiwestliche Einstellung, ansonsten sind sie in ihren Taktiken sehr verschieden. Al Kaida setzt auf einzelne, spektakuläre Anschläge wie den am 11. September 2001 und ist dezentral organisiert. Das Gefährliche am Islamischen Staat ist die Landnahme. Eine Landnahme in einem Gebiet des Nahen Ostens, das an Europa grenzt, und die die Ordnung, die nach dem Ersten Weltkrieg geschaffen wurde, auflösen könnte.

Dann sind die unzähligen Anschläge im Irak und Afghanistan also ein Indiz für ein Erstarken des Terrorismus?

Die Welt ist nicht sicherer geworden: Hans-Dieter Heumann, Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik.

Der Krieg in Afghanistan richtete sich gegen die Schreckensherrschaft der Taliban. Man wollte nicht dabei zusehen, wie ein Rückzugsgebiet für den islamistischen Terror entsteht. Außerdem hat man versucht, dort Strukturen aufzubauen, die den Afghanen ermöglichen, den Terrorismus selbst einzudämmen. Aber es stellt sich die Frage, ob die lokalen Streitkräfte tatsächlich bereits aus eigener Kraft in der Lage sind, heute nicht nur gegen die Taliban, sondern auch Warlords, Drogenbarone und gewalttätige Stämme vorzugehen. Deswegen sollte man mit Afghanistan nicht den ursprünglichen Ansatz der Terrorismusbekämpfung infrage stellen. Im Irak wurden nach dem Krieg 2003 keine derartigen Strukturen aufgebaut. Stattdessen wurde ein Regime unter dem Ministerpräsident Nuri al-Maliki installiert, das die Macht systematisch bei den Schiiten konzentriert und andere Kräfte wie die Sunniten außen vor gelassen hat. Das sind jetzt zum Teil diejenigen, die heute an der Seite des Islamischen Staats kämpfen.

Wie groß ist die Schlagkraft, die vom internationalen Terrorismus ausgeht, heute?

Eine Gefahr stellt vor allem der Islamische Staat dar. Immerhin geht es hier um den Versuchsaufbau einer völlig neuen territorialen Ordnung, eines Kalifats. Aber der Anspruch könnte auch noch weiter gehen. Für uns in Europa sind jedoch die europäischen Dschihadisten bedenklicher, die in Syrien und im Irak kämpfen. Dabei sind auch Deutsche, die irgendwann zurückkommen und zu einer Bedrohung unserer inneren Sicherheit werden können. Aus diesen Gründen ist der Islamische Staat im Augenblick ungleich gefährlicher als Al Kaida.

Der Schweizer Kriegsberichterstatter Kurt Pelda schätzt viele IS-Kämpfer als "Jünglinge mit wenig militärischer Erfahrung" ein.

Das mag sein, aber die militärischen Erfolge des Islamischen Staats sind spektakulär. Genau deswegen versucht man jetzt, regionale Kräfte wie die Kurden zu stärken. Dafür gibt es eine Koalition unter amerikanischer Führung mit Briten, Deutschen und Franzosen. Es bestehen immerhin durchaus Chancen, den Islamischen Staat wieder zurückzudrängen. Vor allem, wenn es gelingt, Staaten wie Saudi Arabien, Ägypten und andere regionale Mächte dafür zu gewinnen. Auch der Iran hat sicherlich kein Interesse daran, dass der von Sunniten kontrollierte Islamische Staat weiter vorrückt.

Was können internationale Organisationen wie die Nato dem entgegensetzen?

Tausende Helfer leiden an den gesundheitlichen Konsequenzen.

In der Ukraine-Krise sieht die Nato durchaus ihre Rolle. Auf dem Gipfel in Wales hat sie deshalb beschlossen, eine schnelle Eingreiftruppe zu stellen. Im Nahen Osten ist das nicht der Fall. Der Beschluss, dem Islamischen Staat entgegen zu treten, ist bewusst eine Koalition von Freiwilligen. Das ist eine ganz andere Strategie. Hier tragen einzelne Staaten eine Verantwortung, nicht die Nato. Das ist meiner Ansicht nach auch richtig so. Denn die Nato ist eine Organisation der kollektiven Verteidigung. In Osteuropa ergibt ein Engagement mehr Sinn.

Inwiefern nutzt das Internet heutigen Terroristen?

Wir haben beobachtet, dass das Internet dazu beitragen kann, dass sich Gruppen schneller organisieren. Das war auch während des 'Arabischen Frühlings' der Fall. Die sozialen Medien hatten einen großen Anteil daran, wenn sich Leute schnell auf dem Tahrir-Platz in Kairo zusammengefunden haben, um zu protestieren. Aber das Internet ist nur ein Mittel. Es bringt keine Terroristen hervor und verstärkt den Terrorismus auch nicht. Dschihadisten nutzen es zwar ausgiebig und die Jugend holt sich dort ihre Informationen. Trotzdem sollte man seine Rolle nicht überschätzen.

Es scheint, als ob heutzutage nur noch von islamistischem Terror die Rede ist. Ist Terror mittlerweile ein ausschließlich religiös motiviertes Phänomen?

Ein Großteil des Terrorismus ist islamistisch, das ist richtig. Was aber oft vergessen wird: 2004 gab es eine aufrüttelnde Studie, den 'Arab Human Development Report' der Vereinten Nationen. Dieser von arabischen Professoren verfasste Bericht stellt die soziale und wirtschaftliche Lage in den arabischen Staaten als eine Katastrophe dar. Das heißt, es gibt wirtschaftliche und soziale Bedingungen, die die Unzufriedenheit der jungen Menschen hervorgerufen haben. Hinzu kommt als Folge der Globalisierung eine Zunahme von Identitätskrisen. Hier erst kommt Religion ins Spiel. Denn sie wird allzu oft als Mittel zum Zweck missbraucht. Aber bereits beim Islamischen Staat sehen wir, dass man sich nicht nur gegen die vom Westen vertretene Moderne richtet, sondern es stehen sich auch Muslime gegenüber. Terrorismus hat also soziale und wirtschaftliche Ursachen. Religion ist nur ein Instrument, was hierfür missbraucht wird.

Seit einigen Tagen werden mehrere Passagierflugzeuge vermisst, die in die Hand libyscher Rebellen gelangt sein sollen. Die USA warnen schon vor einem zweiten "9/11". Sie auch?

Ich habe keine konkreten Hinweise dafür. Aber Libyen ist ein gutes Beispiel dafür, wie fatal es ist, keine funktionierenden staatlichen Strukturen aufzubauen. Das Verhalten der USA nach dem 11. September 2001 können wir überhaupt nur begreifen, wenn man diesen Anschlag in all seinen psychologischen Dimensionen wirklich ernst nimmt. Das war ein Trauma! Die heutige amerikanischen Innen- und Außenpolitik ist zu großen Teilen damit zu verstehen und zu erklären.

Dr. Hans-Dieter Heumann ist deutscher Diplomat und seit 2011 Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in Berlin.