Hubschrauber, Elite-Soldaten, Spionageflugzeuge: US-Präsident Barack Obama will die Terrorfürsten des IS von einer Spezialeinheit ausschalten lassen. Doch die Strategie gerät in die Kritik.

Die amerikanische Hauptstadt Washington wird am Donnerstag praktisch abgeriegelt. US-Präsident Barack Obama versammelt Staats- und Regierungschefs aus 51 Ländern zum "Nuclear Security Summit".

Offiziell geht es um die Frage, wie die Verbreitung von Atomwaffen in der Welt verhindert werden kann. Doch bei der Konferenz dürfte gleichzeitig vor allem über ein Thema geredet werden: den Kampf gegen den "Islamischen Staat" (IS).

Obama will den IS in Syrien und im Irak bis zum Ende seiner Amtszeit zum Jahreswechsel weitgehend besiegen. Sein Nachfolger (oder seine Nachfolgerin) solle sich damit nicht herumärgern müssen, lässt er verbreiten. Deshalb will Obama die Konferenz auch nutzen, um nach den Anschlägen in Brüssel einmal mehr seine Entschlossenheit im Ringen mit den Terrorfürsten zu demonstrieren.

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Auf Befehl von Obama intensivieren die Amerikaner seit Wochen den Kampf gegen den IS in Syrien und im Irak. Neben US-Luftschlägen in Zusammenarbeit mit irakischen und kurdischen Bodentruppen, spielt dabei mehr und mehr der Einsatz von Spezialkräften eine Rolle. Die Elite-Soldaten der US-Armee sind für sogenannte "Kill-or-Capture-Einsätze" zuständig. Das heißt: Sie töten oder fangen IS-Kader. Ziel ist es, die Führungsstruktur des Terrornetzwerks zu zerstören oder mindestens zu schwächen.

Offiziell halten sich das Weiße Haus und das Pentagon mit Informationen über diese "Schattenkrieger" zwar zurück. Doch weil Obamas Strategie im Kampf gegen den IS auch in den USA immer mehr in die Kritik gerät, bemüht sich die Regierung, die Erfolge der Spezialeinheiten hervorzuheben. In Washington sickern immer mehr Details über die jüngsten Einsätze durch. US-Verteidigungsminister Ashton Carter bestätigte, die US-Spezialkräfte würden nach und nach das gesamte "IS-Kabinett eliminieren". Nummer eins auf ihrer Most-Wanted-List ist Abu Bakr al-Baghdadi, der selbsternannte Kalif.

Die neue Spezialeinheit firmiert unter dem Titel "Expeditionary Targeting Force" und besteht aus 200 Elite-Soldaten. Sie kommen überwiegend aus der Delta Force, einer Kommando-Truppe der US-Armee, die seit mehr als 30 Jahren auf Anti-Terror-Einsätze spezialisiert ist.

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Die Operationen der Kämpfer in Syrien und im Irak laufen meist in etwa so ab wie jüngst der Einsatz gegen den "Finanzminister" des IS, Abdul al-Kaduli.

Zunächst werden die Aufenthaltsorte von IS-Anführern ausgekundschaftet. Etwa mit Hilfe von Satelliten, Spionen am Boden oder Aufklärungsflugzeugen wie dem britischen Spezialflieger "Sentinel", der aus 400 Meilen Entfernung Telefongespräche abhören kann. Die Delta-Force-Soldaten sollen bereits mehrere IS-Leute lebend gefasst haben. Auch im Fall Kaduli war wohl zunächst eine Festnahme geplant. Der zweitwichtigste Mann des Kalifats sollte in ein irakisches Gefängnis ausgeflogen werden, um ihn zu verhören. Die Amerikaner sind vor allem auf der Suche nach Informationen über geplante Anschläge oder den Aufenthaltsort anderer Terror-Chefs. Nachdem Aufklärer Kadulis Fahrzeugkonvoi im IS-Gebiet identifiziert hatten, nahm laut CNN ein Delta-Force-Kommando in Hubschraubern die Verfolgung auf. Kampfjets überwachten die Aktion, um im Falle eines stärkeren Gefechts eingreifen zu können. Unklar ist bislang, was dann geschah: Offenbar ging jedoch etwas schief. Denn statt Kaduli mitzunehmen und zu verhören, erschossen die Spezialkräfte den Mann, seine Begleiter wurden ebenfalls getötet.

Obama und seine Berater sind davon überzeugt, dass die Spezialkräfte im Einsatz gegen den IS extrem wirksam sind, weil man mit den Schlägen gegen die Chefs die Organisation insgesamt schwächen könne. Tatsächlich hat der IS wohl Schwierigkeiten, erfahrene Kräfte wie al-Kaduli zu ersetzen.

Man müsse gegen den IS kämpfen, aber man müsse dabei intelligent vorgehen, meint Obama. "Wir können nicht nur einfach irgendwo hingehen und etwas in die Luft jagen, nur um dann hinterher zu Hause sagen zu können: Wir haben etwas in die Luft gejagt."

Auch wenn die Einsätze der Spezialkräfte in den USA grundsätzlich gutgeheißen werden, gibt es zunehmend Kritik an Obamas Gesamtstrategie. Kritikern reicht die Kombination aus Luftschlägen und Spezialtruppen nicht aus. Fast alle republikanischen Präsidentschaftskandidaten haben im Wahlkampf verkündet, sie würden weit härter als Obama gegen den IS vorgehen. John Kasich sprach sogar davon, 30.000 US-Soldaten nach Libyen zu schicken, um dort den IS zu bekämpfen.

Im Senat fordern die Republikaner John McCain und Lindsey Graham, dass mehr reguläre US-Bodentruppen zusammen mit Peschmerga-Kämpfern und Irakern gegen die IS-Hochburgen vorgehen sollten. Die US-Armee ist mit gut 3000 Soldaten im Irak vertreten, sie übernimmt hauptsächlich Berater- und Koordinierungsfunktionen.

Obama will dagegen an seinem Kurs festhalten. Das wird er wohl auch bei dem Treffen mit den 51 Staats- und Regierungschefs am Donnerstag in Washington deutlich machen. Denn, so lautet Obamas Mantra, ein "Plan B" im Kampf gegen den IS sei nicht erforderlich.© SPIEGEL ONLINE