Der sogenannte "Islamische Staat" hat eine Regierung, betreibt Schulen und Universitäten und hat offenbar auch eine eigene Währung. Nun hat die US-geführte Koalition nach eigenen Angaben ein Gebäude zerstört, in dem viel IS-Geld lagerte.

Für den IS hätte das gravierende Konsequenzen, sagt Nahost-Experte Günter Meyer.

Denn das Geld, so der Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz, sei für die Terrormiliz extrem wichtig.

Finanzquelle ausgebombt?

"Der IS hat bislang die Gehälter der Beschäftigten im gesamten öffentlichen Dienst garantiert und einen relativ hohen Sold an seine Kämpfer gezahlt." Bei einer Vernichtung erheblicher Geldmengen wäre der IS "im Kern getroffen".

In dem Gebäude in der irakischen Stadt Mossul, das nun offenbar zerstört wurde, soll ein Geldbetrag in erheblicher Höhe gelagert worden sein.

Um welche Währung es sich handelte, wurde nicht gesagt. Der "Islamische Staat" hat aber schon vor einiger Zeit angekündigt, eine eigene Währung einführen zu wollen.

"Er möchte damit nach eigenen Angaben das 'US-dominierte Finanzsystem' zu Fall bringen", sagt Meyer. Die IS-Währung knüpfe an eine islamische Goldwährung vom Ende des 7. Jahrhunderts an.

Im Dezember seien entsprechende Goldmünzen erstmals vom IS in einem Video gezeigt worden. Ob sie schon im Umlauf sind, ging daraus aber nicht hervor.

USA treffen bei Luftangriff in Mossul Finanzlager der Terrormiliz.

Spezialeinheiten für Entführungen

Die Währung ist ein Baustein auf dem Weg zu einer wirklichen Staatwerdung des IS.

Viele andere Merkmale hat er schon: Günter Meyer beschreibt die Terrormiliz als perfekt organisiert mit einer Regierung, Ministerien, Stadt- und Regionalverwaltungen, Medien und Propagandaorganisationen sowie einem eigenen Geheimdienst.

Wissenschaftler und Journalisten haben sich eingehend mit der Struktur des IS befasst und sie in Organigrammen dargestellt.

Sie zeigen den Kalifen an der Spitze und mehrere Räte, wie etwa einen Militärrat und einen Sicherheitsrat.

Auf regionaler und lokaler Ebene gibt es, so hat das Magazin "Der Spiegel" vor einiger Zeit recherchiert, weitere Ämter und spezialisierte Einheiten, etwa für Ermordungen und Entführungen.

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Schulen und Universitäten

Zu einem Staat gehört auch ein Bildungssystem. Der IS betreibt Schulen, "die aber in erster Linie zur Indoktrinierung für den Dschihad genutzt werden, zum Teil auch für eine semi-militärische Ausbildung von Kindern", sagt Meyer.

In Mossul gebe es zudem eine Universität - allerdings mit einem ebenfalls sehr stark eingeschränktem Lehrangebot.

Viele der Professoren dieser Universität - einst die zweigrößte im Irak - seien nach dem Einmarsch des IS geflohen, die meisten der Bücher in den Bibliotheken als "unislamisch" verbrannt worden.

"Das stark reduzierte Lehrangebot konzentrierte sich vor allem auf eine religiöse und auf den Dschihad ausgerichtete Ausbildung."

Im Dezember seien die verbliebenen Studenten zusammengetrieben und an die Front in der Provinz Anbar deportiert worden, um die Kämpfer des IS zu unterstützen.

Viel über das Leben im IS und seine Verhaltensregeln hat der Journalist Jürgen Todenhöfer in seinem Buch "Inside IS - 10 Tage im 'Islamischen Staat'" berichtet.

Drakonische Strafen drohen

In Mossul gebe es etwa Flyer und Infobroschüren mit Titeln wie "Wie man seine Sklaven behandeln soll" und "Wie man sich als Frau zu benehmen und anzuziehen hat".

Rauchen und Musik seien verboten, auf Diebstahl und Gotteslästerung stehen drakonische Strafen bis hin zur Todesstrafe.

Es dürften nur überwachte Internetcafés aufgesucht werden, ergänzt Günter Meyer. Nutzern privater unkontrollierter Internet-Anschlüsse drohe eine öffentliche Hinrichtung.

Christen oder Angehörige anderer Religionen (oder anderer Strömungen innerhalb des Islam) gibt es in der Stadt kaum.

Sie wurden vertrieben oder getötet. Christen, so berichtete ein IS-Kämpfer Todenhöfer damals, dürften bleiben, wenn sie ein Schutzgeld zahlten und konvertierten.

Das Geld spielt eine entscheidende Rolle für den Machterhalt des "Islamischen Staats".

Neben München hatte Terrormiliz fünf weitere Orte in Europa im Visier.

Wurde bei dem jüngsten Bombardement tatsächlich das Gebäude, in dem ein großer Teil der Geldbestände des IS gelagert sein sollte, zerstört, "hätte das gravierende Konsequenzen für den IS", sagt Günter Meyer.

Zusammen mit den Bombardements der Ölförderanlagen durch Russen, Franzosen und Amerikaner, der weitgehenden Zerstörung der Tankerflotte zum Transport des Öls und den jüngsten Gebietsverlusten wäre das "ein erheblicher Rückschlag" für die Terrormiliz. "Es wird eng für den IS", sagt Meyer.