Das US-Militär brüstet sich mit seinen Luftangriffen gegen den Islamischen Staat. Doch die Zahlen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der IS-Terror den Nahen Osten weiter in Atem hält. Denn am Boden nutzen die Islamisten jede Chance auf den Machterhalt: in Syrien das Chaos des Bürgerkrieges, im Irak die Schwäche der Armee.

Monatelang war über seine Gesundheit spekuliert worden, jetzt meldete sich Abu Bakr al-Bagdadi zurück. In einer Audiobotschaft wandte sich der Chef der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) an seine Anhänger. Sein Aufruf ist eindeutig: Es gebe keine Entschuldigung, dem Kalifat des IS nicht zu folgen. "Es ist die Pflicht eines jedes Muslims, sich dem Kampf anzuschließen", verkündete Baghdadi in seinem 34-minütigen Beitrag.

IS-Chef hat sich erstmals seit mehreren Monaten wieder gemeldet.

"Der Islamische Staat versucht damit, wieder an Boden zu gewinnen", schreiben die Geheimdienst-Analysten der Soufan Group. Al-Bagdadi wolle damit die Reihen schließen und seine Anhänger auf einen langen und zähen Kampf einschwören. Der IS stehe unter starkem Druck, so die Logik.

Islamischer Staat festigt Herrschaft im Kerngebiet

Dieser Argumentation folgt auch die amerikanische Regierung. Erst vergangene Woche veröffentlichte das US-Militär die jüngsten Zahlen zu den Luftangriffen in Syrien und Irak der vergangenen neun Monate. Demnach flogen die USA und ihre arabischen Verbündeten seit August 2014 insgesamt 3.731 Angriffe aus der Luft. Fast 80 Prozent (2.937 Stück) gehen dabei auf das Konto von Washington. Laut offiziellen Zahlen aus dem März wurden bisher rund 8.500 IS-Kämpfer getötet und etwa 6.000 Ziele zerstört.

"Der Gegner ist jetzt in einer Verteidigungshaltung und außerstande große Operationen durchzuführen", bilanzierte Lloyd Austin, General des US-Militärkommandos Centcom, das für den Kampf gegen den Islamischen Staat zuständig. Das klingt nach einem soliden Erfolg. Doch die Realität sieht anders aus.

"Der Islamische Staat hat sich gut an die Luftangriffe angepasst – die USA stehen inzwischen vor dem Problem, Ziele zu finden", sagt Florian Wätzel vom Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel (ISPK). Mit dieser Einschätzung ist der Wissenschaftler nicht allein. Auch Günter Meyer vom Geographischen Institut der Universität Mainz ist überzeugt: "Die Lage des Islamischen Staats im Kernbereich Syrien und Irak ist derzeit relativ stabil."

Schwache irakische Armee kann den IS nicht besiegen

Einerseits ist da der Irak mit Mossul, der zweitgrößten Stadt des Landes und Hochburg der Terrorkrieger: "Mossul ist unverändert unter der Kontrolle des IS", sagt Meyer, der ausgiebig arabische Medien auswertet. "Trotz der Angriffe konsolidiert sich der IS in den Gebieten, die er bereits beherrscht und baut dort weiter regierungsähnliche Institutionen auf", fügt Wätzel hinzu.

Die Stärke des IS in einigen Teilen des Landes hat aber viel mit der Schwäche der irakischen Armee zu tun. "Die Regierung ist nicht in der Lage, alle Gebiete zu sichern. Bei Angriffen der irakischen Armee startet der IS schnell Gegenoffensiven, um die Truppen in anderen Gebieten zu binden", sagt Wätzel – jüngst etwa in der Provinz Anbar, wo der IS Ende April etwa 180 irakische Regierungssoldaten hingerichtet haben soll.

In den Wochen zuvor hatte die irakische Armee die Stadt Tikrit zurückerobert, die Offensive galt als Lackmustest für größere Operationen. Zwar gelang es nach rund zwei Wochen die Islamisten aus der Stadt zu vertreiben – doch für eine 30.000 Mann-Offensive gegen schätzungsweise 500 bis 1.000 IS-Kämpfer ist das eine gefühlte Ewigkeit. "Die Eroberung von Tikrit hat gezeigt, dass die irakische Armee noch zu schwach für einen Angriff auf Mossul ist", sagt Meyer. Hinzu kommt, dass rund zwei Drittel der 30.000 Soldaten schiitischen Milizen angehört haben sollen. Mossul ist jedoch stark sunnitisch geprägt, was dem IS Rückhalt in der Bevölkerung verschafft.

In Syrien droht "eine Katastrophe für das kulturelle Erbe der Menschheit"

Noch finsterer dürfte das Bild in Syrien sein. Die Situation dort ist verworren, nach Jahren des Bürgerkrieges lässt sich von außen nur noch schwer ausmachen, wer welche Gebiete kontrolliert. Doch genau das ist der Vorteil des IS. "In Syrien stellt der IS die größte Oppositionsfront gegen das dortige Regime", sagt Wätzel. Seit dem Start der Luftangriffe im vergangenen Herbst hätten die Islamisten nach und nach begonnen, sich stärker auf Syrien zu konzentrieren und dort Gebiete zu erobern.

Jüngstes Beispiel: Das Flüchtlingslager Jarmuk im Süden der syrischen Hauptstadt Damaskus. Anfang April hatte der IS mit Hunderten Kämpfern das Lager gestürmt und unter seine Kontrolle gebracht. Seit einigen Tagen nähert der Islamische Staat außerdem der historischen Oasenstadt Palmyra – "die bedeutendste archäologische Stätte in Syrien überhaupt", wie Meyer sagt. Und er befürchtet das Schlimmste: "Hier droht eine neue Katastrophe für das kulturelle Erbe der Menschheit." Denn bereits im Frühjahr hatten IS-Anhänger mehrere Kulturstätten im Nordirak zerstört, darunter zum Beispiel die Grabungsstätte Ninive und Jahrtausende alte Stadt Nimrud.

Kämpfe an mehreren Fronten

Dabei ist Palmyra im Moment keinesfalls der einzig umkämpfte Ort – Meyer beobachtet noch weitere Fronten. Etwa in der syrischen Stadt Hassake, die im Nordosten des Landes liegt. Der IS versucht die Stadt einzunehmen, kurdische Medien berichteten zuletzt von Terrorangriffen. Umkämpft ist auch die Gegend rund um die größte irakische Erdölraffinerie in Baidschi, etwa 200 Kilometer von der Hauptstadt Bagdad entfernt. Die Raffinerie produzierte früher täglich rund 300.000 Barrel Öl und deckte damit die Hälfte des irakischen Bedarfs ab. "Doch die Raffinerie könnte bald vollständig zerstört sein", sagt Meyer.

Die Beispiele aus Syrien und Irak zeigen: Luftangriffe mögen den IS war stoppen oder zurückdrängen. Doch die meisten Experten sind sich einig, dass sich die Terrormiliz ohne starke Truppen am Boden nicht besiegen lässt. Solange die irakische Armee ihre Defizite nicht überwindet, kann der Islamische Staat seine Position in den kontrollierten Gebieten festigen. Das hat auch Folgen, die weit über die Region hinausgehen. "Wir sehen eine beachtliche Expansion im Ausland. Immer mehr Gruppen, die bisher zum Netzwerk von Al-Kaida gehörten, schließen sich dem IS an", erklärt Meyer. Ein Ende davon ist nicht in Sicht.