"Für Muslime ist Deutschland inzwischen Heimat" – so sieht es Yasemin El-Menouar, Islam-Expertin der Bertelsmann Stiftung. Doch sie sind nicht überall willkommen. Seit dem Anschlag auf das Pariser Satiremagazin "Charlie Hebdo", der mindestens zwölf Todesopfer forderte, waren zahlreiche muslimische Einrichtungen in Frankreich Übergriffen ausgesetzt. Längst rumort es auch in Deutschland, wo die Pegida-Bewegung seit Wochen die öffentliche Diskussion um Migranten und Religionsfreiheit befeuert. Sie könnte aus der Situation Kapital schlagen. Und auch die Alternative für Deutschland hat sich zu Wort gemeldet.

Es ist ein Anschlag mitten im Herzen Europas. Von Stadt der Liebe mag keiner reden, seit kurz vor Mittag zwei schwarz maskierte Männer mit Kalaschnikows und einem Granatwerfer in die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo gestürmt sind und mehr als zwölf Menschen töteten - unter ihnen zwei Polizisten sowie Journalisten der Zeitung - auch Chefredakteur und Zeichner Stéphane Charbonnier.

AfD-Vizesprecher Alexander Gauland sagte nur Stunden nach den tödlichen Schüssen in der französischen Hauptstadt: "All diejenigen, die bisher die Sorgen vieler Menschen vor einer drohenden Gefahr durch den Islamismus ignoriert oder verlacht haben, werden durch diese Bluttat Lügen gestraft." Frauke Petry, Vorsitzende der AfD in Sachsen, fand sogar unterstützende Worte für Pegida: Es gebe durchaus "inhaltliche Schnittmengen" mit der Bewegung, die sie als "glaubwürdig" bezeichnete.

Der brutale Anschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo erschüttert Europa. Sicherheitsexperte Joachim Krause erklärt im Interview, was diesen Terrorakt so besonders macht und ob das Anschlagsrisiko auch bei uns gestiegen ist.

Die AfD rührt die Werbetrommel, denn Ende Januar kommt sie zum Bundesparteitag zusammen und schon im Februar stehen in Hamburg Wahlen an. Sie könnten darüber entscheiden, ob die Partei auch in den westlichen Bundesländern Fuß fassen kann. Wissenschaftler und Rechtsextremismus-Experte Alexander Häuser an der Fachhochschule Düsseldorf hält das für möglich: "Die Themen Pegida und Islam sind für die Partei von großer Bedeutung." Denn seit dem Führungsstreit seien die Umfragewerte der AfD gesunken, nun könnte sie aus dem Anschlag neuen Auftrieb gewinnen.

Europäische Nationalisten "geschickter" als AfD

Auch auf Europaebene werden die Stimmen der Islamkritiker lauter, fürchtet Häuser. Nicht nur der Niederländer Geert Wilders wird mit seiner "Partij van de Vrijheid" die Anschläge für seine Zwecke missbrauchen. Besonders Marine Le Pen, die Chefin des populistischen Front National aus Frankreich wird die Situation für sich nutzen: "Sie macht das besonders geschickt, nicht so polternd wie ihr Vater", erklärt der Wissenschaftler. So habe sie nach den Anschlägen eine für sie eher "vorsichtige Wortwahl" gewählt, die die AfD deutlich "überholt" habe.

Das sieht auch der EU-Abgeordnete Arne Lietz (SPD) so: Er habe Bernd Lucke bereits persönlich mitgeteilt, dass er es unmöglich finde, wie die AfD "gemeinsame Sache mit dem rechten Pack" mache. Sollte die Pegida-Bewegung die Anschläge aufgreifen und für sich nutzen und die AfD sich nicht deutlich davon distanzieren, "gerät sie immer tiefer in den Sumpf" und manövriere sich damit aus dem "Parteienspektrum, zu dem es sich ja zählt". Zudem vermischten viele Menschen die Religion der Muslime mit den Taten der Terrormiliz Islamischer Staat in Syrien und dem Irak – "auch durch Pegida", betont der Politiker.

AfD grenzt sich nicht von Pegida ab

Beatrix von Storch, EU-Abgeordnete der AfD, entgegnete auf Anfrage unseres Portals: "Die AfD ist die AfD und Pegida ist Pegida. Wir grenzen uns nicht von Bürgersorgen ab, machen uns aber auch nicht mit anderen Organisationen gemein, zumal wenn wir nicht wissen, wer dahinter steckt." Jede Partei sei gut beraten, die Sorgen so vieler Menschen ernst zu nehmen. "Das Politikversagen an dieser Stelle ist evident und es ist genau das, was so viel Unmut verursacht und Zehntausende auf die Straßen getrieben hat."

Auch aus diesem Grund rief Liez seine Berliner Kollegen dazu auf, den Ereignissen nicht "müde hinterherzulaufen", sondern aktiv zu werden. So pocht er auf eine bessere Religionslehre, die schon in der Schule beginnen müsse: "Religion muss anders vermittelt werden", fordert er. "Wir brauchen ein höheres Grundwissen, damit Ängste wie die, die die Pegida schürt, gar nicht erst fruchten können."

Umfragen stimmen nachdenklich

Doch die jüngste Studie der Bertelsmannstiftung zeichnet ein anderes Bild: Etwa vier Millionen Muslime leben in der Bundesrepublik. Doch besonders da, wo wenige von ihnen leben, fühlen sich demnach mehr Menschen bedroht. Dabei spielen weder die politische Orientierung, noch das Bildungsniveau oder der soziale Status eine Rolle. Stattdessen deutet die Umfrage auf eine Altersschere hin: So fühlen sich 61 Prozent der über 54-Jährigen vom Islam bedroht, dagegen nur 39 Prozent der unter 25-Jährigen. Und während in Nordrhein-Westfalen, wo etwa ein Drittel der deutschen Muslime leben, nur 46 Prozent darin ein Problem sehen, tun dies 70 Prozent in Thüringen, wo kaum Muslime ansässig sind.

Doch obwohl sich 95 Prozent der Deutschen für Toleranz und Religionsfreiheit aussprechen, lehnen gleichzeitig 57 Prozent den Islam ab. "Das muss uns sehr nachdenklich stimmen", fordert die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Aydan Özoguz.

Großteil der Muslime fest in der Gesellschaft verankert

Dabei sind die meisten Muslime stark in der Gesellschaft verankert, betont Özoguz. Die Hälfte aller Muslime habe ebenso viel Kontakt zu Nichtmuslimen wie zu Menschen ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft. Häuser befürchtet, dass rechtsextreme Gewalt nach den Anschlägen in Paris zunehmen könnte. Yasemin El-Menouar von der Bertelsmannstiftung rechnet dagegen nicht mit verstärkten Übergriffen. "Es gibt zahlreiche Gegenbewegungen zu Pegida", erklärt sie. Und gerade nach Anschlägen wie in Paris wachse deren Zusammenhalt.