Wien (dpa) - 13 000 Zentrifugen zur Uran-Anreicherung sind abgebaut, von fast zwölf Tonnen angereichertem Uran liegen nur noch wenige hundert Kilogramm auf Lager, der Kern des Schwerwasserreaktors Arak ist mit Beton zugeschüttet.

Der Iran hat nach dem historischen Atom-Deal vom Sommer 2015 in Windeseile alle Punkte des Abkommens erfüllt.

Die Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien attestierte der Islamischen Republik am Samstag eine deutliche Verringerung ihrer Atomkapazitäten. "Heute ist ein großer und guter Tag für die ganze Welt", so das Motto von Irans Außenminister Dschawad Mohammed Sarif schon vor Beginn der letzten entscheidenden Gesprächsrunde.

Offenkundig wollten die Reformer um Präsident Hassan Ruhani noch vor den Parlamentswahlen am 26. Februar von der Aufbruchstimmung im Land profitieren. Denn mit dem nun anstehenden Ende der Wirtschaftssanktionen scheint national wie international eine Wende zum Besseren verbunden.

So reibungslos wie gedacht liefen die Schlussgespräche am Samstag in Wien nicht. Zehn Stunden lang wurde erneut um Details gefeilscht.

Ein politischer Paukenschlag verdeutlichte aber das generelle Tauwetter: Die USA und der Iran einigten sich auf einen Gefangenenaustausch. Teheran ließ den "Washington-Post"-Reporter Jason Rezaian und drei weitere US-Gefangene frei, im Gegenzug erklärten sich die USA zur Freilassung sieben iranischer Häftlinge bereit. US-Außenminister John Kerry meinte, beide Themen hätten zwar nicht zwingend etwas miteinander zu tun, aber mit dem Abschluss des Atom-Deals im Sommer 2015 sei auch in die Gefangenenfrage neuer Schwung gekommen.

Das Tauwetter bereitet auch den Boden für vielversprechende wirtschaftliche Aussichten. So wird die deutsche Industrie von der Aufhebung der Sanktionen profitieren. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) geht davon aus, dass die deutschen Exporte in den Iran binnen vier Jahren von 2,39 Milliarden in 2014 auf zehn Milliarden Euro mehr als vervierfacht werden können. Deutschland war früher wichtigster Warenlieferant für den Golfstaat.

Aus den Erzfeinden USA und Iran werden nicht über Nacht neue Freunde, aber "Wandel durch Annäherung" - ein Motto aus den deutsch-deutschen Beziehungen - liegt in der Luft. Der Deal im Sommer wurde von vielen der 78 Millionen Perser jedenfalls gefeiert wie andernorts der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft.

Auch für die USA hat der Iran-Deal eine sehr große Bedeutung. Präsident Barack Obama schreibt sich die friedliche Einigung mit Teheran als einen seiner größten außenpolitischen Erfolge auf die Fahnen. Außenminister John Kerry wird als zum Erfolg entschlossener Verhandler nicht müde, das Thema Iran als leuchtendes Beispiel für das Gelingen von Diplomatie zu preisen. "Die Welt hat so einen weiteren Krieg vermieden", sagte Obama in seiner jüngsten Rede zur Lage der Nation - und lobte damit Kerrys beeindruckenden Einsatz in den zweijährigen Verhandlungen.

Washington hat Tempo und Entschlossenheit Teherans gleichwohl unterschätzt, rechnete mit einem deutlich längeren Zeitraum zur Umsetzung. Robert Einhorn von der Denkfabrik Brookings sagt: "Die iranische Regierung will die möglichen Vorteile aufgehobener Sanktionen ganz klar noch vor den Wahlen im Februar nutzen."

Für die Republikaner ist der Iran-Deal des Teufels. Im Allgemeinen, weil man mit fundamentalistischen Mullahs nicht verhandeln dürfe. Im Speziellen, weil genau das vorgelegte Tempo dazu führe, dass der Senat zu wenig Zeit für die Prüfung zentraler Dokumente hatte. Diese Auffassung teilen auch demokratische Senatoren.

Das Verhältnis zwischen Washington und Teheran ist seit Jahrzehnten bestenfalls angespannt. Außerhalb der Atomverhandlungen unterhalten beide seit 35 Jahren keine diplomatischen Beziehungen. Wenn es nach den Bewerbern der Republikaner für das Weiße Haus geht, soll das auch genau so bleiben. Längst wird das Thema hitzig auch im Wahlkampf verhandelt. Die gravierende Verschlechterung der Beziehungen zwischen Iran und Washingtons wichtigem Verbündeten Saudi-Arabien machen das alles nicht einfacher.

Ohnehin ist mit dem Beginn der Umsetzung des Abkommens nicht sofort alles gut. Das Misstrauen - der Iran hat nach Überzeugung der IAEA bis 2003 tatsächlich zumindest an der Entwicklung einer Atombombe gearbeitet - hat eine höchst intensive Überwachung des Irans durch die Experten der IAEA zur Folge. Sollte der Verdacht keimen, dass sich Teheran nicht an die Regeln hält, ist ein Wiedereinsetzen der UN-Sanktionen möglich. Der "snapback"-Mechanismus kann nicht durch ein Veto im UN-Sicherheitsrat gestoppt werden. "Das ist ein ganz scharfes Schwert", sagt ein Diplomat. Das wäre aber auch das Ende der Annäherung.© dpa