Washington (dpa) - Alle Demoskopen schreiben Obamas Demokraten schon vor der Wahl ab. Deren Schicksal könnte schon ganz schnell in der Wahlnacht besiegelt sein - oder aber erst in Wochen oder Monaten.

Man könnte US-Vizepräsident Joe Biden einen unerschütterlichen Optimisten nennen. "Ich stimme den Quotenmachern nicht zu. Ich prophezeie, dass wir den Senat behalten", twitterte Biden zu Beginn der Kongresswahl.

Das Problem für den Demokraten: Nach letzten Umfragen direkt vor der Abstimmung werden die Republikaner mit einer Sicherheit von 68 bis 96 Prozent auch die zweite Parlamentskammer erobern, den Senat.

Sollte dieser Fall eintreten, verschiebt sich die Machtbalance zwischen Präsident Barack Obama und dem Kongress. Als Folge könnte Obama seine Agenda für die verbliebenen zwei Jahre Amtszeit weitgehend abschreiben, die Republikaner würden alle seine Initiativen im Parlament blocken.

Deshalb stemmten Obamas Demokraten sich noch am Wahltag gegen die Niederlage. "Happy Election Day (Wahltag), geht wählen, hier sind die Adressen der Wahlbüros und die Wegbeschreibungen", schrieben sie in sozialen Netzwerken. Der Aufruf tut not, denn sechs von zehn Wahlberechtigten wollten lieber gleich Zuhause bleiben.

"Wir verstehen, dass die kommenden Zwischenwahlen nicht die oberste Priorität für normale Menschen haben dürften, die in der realen Welt leben", beschreibt die Globalstrategygroup die Wahlverdrossenheit. Obama äußerte im Wahlkampf selbst die Erkenntnis, dass viele Amerikaner den Eindruck gewonnen hätten, die Regierung sei nicht mehr fähig, auch nur irgendetwas auf die Reihe zu bekommen.

Die Schuld gab der Präsident allerdings den Republikanern - wegen ihrer Blockadehaltung im Parlament. Nur viele Amerikaner sehen das völlig anders. Frustrierte Bürger machten deshalb aus der Zwischenwahl eine persönliche Abrechnung mit dem einstigen Politstar und Hoffnungsträger - oder wählten erst gar nicht.

Kein Tag verging zuletzt ohne Obama-Bashing in den Medien - als ob der Präsident den Stillstand im Land allein zu verantworten hat. Persönlich angelastet wird ihm so etwa jede Krise während seiner zweiten Amtszeit - vom holprigen Start einer Website für eine staatliche Gesundheitsversicherung bis hin zu den peinlichen Enthüllungen des ehemaligen Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden. Zum Sündenregister zählt ebenfalls, dass Obamas Strategie nicht zu wirken scheint, den Vormarsch der Terrororganisation Islamischer Staat zu stoppen. Und dann tauchten auch noch die ersten Fälle der Ebola-Epidemie in den USA auf.

Der Wahlkater könnte bei den Demokraten ganz schnell einsetzen - oder aber erst in Wochen und Monaten. Schuld an dieser extrem vagen Voraussage sind Kopf-an-Kopf-Rennen mit Republikanern in einigen Bundesstaaten. Als Faustformel galt: Verlieren Obamas Demokraten in North Carolina oder New Hampshire, hat sich alle Hoffnung auf eine Senatsmehrheit zerschlagen. Die beiden Bundesstaaten waren die einzigen, in denen demokratische Kandidaten überhaupt in heißen Rennen knapp vorn lagen. Die Wahllokale sollten in beiden Staaten um 1.30 Uhr MEZ sowie 2.00 Uhr MEZ schließen.

Und dann gibt es da noch die Chaos-Staaten, wie sie der Demoskop Nate Silver nennt. Alaska beispielsweise, da dauerten die Auszählungen bei vergangenen Senatswahlen schon mal 15 Tage. Oder aber Georgia und Louisiana, da könnte es erst Anfang Dezember und Januar zu Stichwahlen kommen. Und dann könnten bei ganz knappen Rennen noch einmal die Stimmen ausgezählt werden. Auch das kann Wochen dauern.

Silver hält den Fall für möglich, dass beide Parteien jeweils 50 Sitze erobern oder aber nur einen denkbar knappen Vorsprung von einem Mandat haben. Dann bestehe beispielsweise die Gefahr, dass Senatoren die Seite wechselten, wie es in der Vergangenheit schon geschehen sei. Das Fazit des Demoskopen stimmt wenig verheißungsvoll: "Ein chaotischer Sieg der Demokraten oder Republikaner erzeugt später noch mehr Chaos."© dpa