Istanbul/Freiburg (dpa) - Der Selbstmordattentäter von Istanbul ist nach türkischen Angaben vor seinem Terroranschlag auf eine deutsche Reisegruppe als Flüchtling in die Türkei eingereist.

Es handele sich um einen Syrer, der nicht als Terrorverdächtiger unter Beobachtung gewesen sei, sagte der türkische Regierungschef Ahmet Davutoglu am Mittwoch. Seine Regierung macht die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) für die Tat verantwortlich. Der IS bekannte sich jedoch bislang nicht dazu. Bei dem Anschlag waren zehn Deutsche getötet worden.

"Nach bisherigem Ermittlungsstand liegen keine Hinweise darauf vor, dass der Anschlag gezielt gegen Deutsche gerichtet war", sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) in Istanbul. In der kommenden Woche soll in Berlin bei deutsch-türkischen Regierungskonsultationen über die Lage beraten werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach den Angehörigen der getöteten Deutschen ihr Mitgefühl aus. "Ich trauere um unsere Landsleute", sagte sie bei einer Veranstaltung des Walter Eucken Instituts am Mittwoch in Freiburg. "Wir denken voller Anteilnahme an die Familien, denen mit dem Verlust eines geliebten Menschen unendlich viel Leid zugefügt worden ist." Deutschland dürfe sich dem Terrorismus auch nach tödlichen Angriffen nicht geschlagen geben.

Der Selbstmordanschlag von Istanbul hat sich nach Einschätzung der Bundesregierung nicht gezielt gegen Deutsche gerichtet.

"Ziel des internationalen Terrorismus ist es, unser freies Leben in freien Gesellschaften anzugreifen", sagte die Kanzlerin. Dies werde nicht gelingen. "Das freiheitliche Leben ist stärker als der Terror", betonte sie. "Unsere Entschlossenheit, gemeinsam gegen den Terror vorzugehen, und unsere Freiheit werden sich gegen den Terror durchsetzen. Davon bin ich überzeugt."

Das Auswärtige Amt teilte mit, in Krankenhäusern in Istanbul seien noch sieben weitere Bundesbürger, fünf von ihnen auf der Intensivstation. Der türkische Innenminister Efkan Ala sagte, insgesamt würden elf Verletzte noch in Krankenhäusern behandelt, darunter auch ein Norweger und ein Peruaner.

Davutoglu sagte am Mittwoch zu den Todesopfern des Anschlags: "Gestern haben wir zehn unserer ausländischen Gäste verloren." Zwei getötete Touristen kamen aus Mainz, einer aus Bad Kreuznach in Rheinland-Pfalz, zwei aus Falkensee/Brandenburg, jeweils einer aus Berlin und Leipzig, zwei aus Dresden und einer aus Hessen.

Die Zahl der im Zuge der Ermittlungen zum Anschlag Festgenommenen erhöhte sich nach Regierungsangaben auf fünf. Am Mittwoch sei es zu vier weiteren Festnahmen gekommen, sagte Davutoglu. Nach Angaben von Ala war ein erster Verdächtiger bereits am Dienstagabend festgenommen worden.

Die Nachrichtenagentur DHA meldete unter Berufung auf die Polizei, bei seiner Registrierung als Flüchtling seien dem Attentäter namens Nabil Fadli am 5. Januar in Istanbul Fingerabdrücke abgenommen worden. Diese hätten nun dabei geholfen, den 27-Jährigen als Attentäter zu identifizieren. Fadli sei bei der Registrierung von vier Menschen begleitet worden. Unklar blieb, ob es sich bei diesen vier Gesuchten um die Festgenommenen vom Mittwoch handelte, von denen Davutoglu sprach.

Innenminister de Maizière hält beim Besuch des Anschlagsorts inne.

Nach Angaben de Maizières wurde der Attentäter hingegen durch Personaldokumente von den türkischen Sicherheitsbehörden identifiziert. "Man hat diesen Mann insoweit identifiziert, dass es ein Personaldokument gibt, aber ob dieses Personaldokument zu diesem Mann gehört, ist alles noch Gegenstand der Aufklärung", sagte er den ARD-"Tagesthemen".

De Maizière betonte trotz des Anschlags: "Ich sehe keinen Grund, von Reisen in die Türkei abzusehen." Man dürfe dem Terror nicht nachgeben. "Wir wollen unser Verhalten, unser Leben nicht verändern. Wir werden vor dem Terrorismus nicht zurückweichen."

Er sagte weiter, Deutschland und die Türkei wollten ihre Zusammenarbeit im Kampf gegen Terrorismus verstärken: "In der nächsten Woche wird nicht nur mein türkischer Kollege nach Berlin kommen, sondern die Spitze der Regierung zu deutsch-türkischen Regierungskonsultationen."

Die arabische Tageszeitung "Al-Hayat" zitierte am Mittwoch einen Sprecher des saudischen Innenministeriums, wonach der Attentäter in Saudi-Arabien geboren wurde. Er habe aber die syrische Staatsbürgerschaft gehabt und Saudi-Arabien bereits 1996 im Alter von acht Jahren mit seiner Familie verlassen.© dpa