Essen/Burbach (dpa) - Die massiven Gewaltvorwürfe gegen Sicherheitspersonal in Flüchtlingsheimen wiegen schwer. Während die Polizei ermittelt, berichten die Bewohner einer Essener Notunterkunft von Gewalt und schlechten Lebensbedingungen.

"Sie behandeln uns wie Tiere", sagt Dendawi Reda aus Algerien. Zusammen mit rund 500 weiteren Flüchtlingen lebt er seit einiger Zeit in einer Notunterkunft in Essen, die das Land Nordrhein-Westfalen vor acht Wochen in einem ehemaligen Krankenhaus eingerichtet hat.

Am Tag nach dem Bekanntwerden der Gewaltvorwürfe gegen Wachpersonal hier und im siegerländischen Burbach machen die Bewohner auf dem Hof ihrer Unzufriedenheit Luft. Es sei dreckig, das Essen mies. Immer wieder berichten sie auch von Aggression und Übergriffen der privaten Sicherheitskräfte. Zwei Anzeigen hat es bei der Essener Polizei in diesem Zusammenhang gegeben.

Auch Yousra Fakitt ist zur Polizei gegangen. Die Frau aus dem Libanon berichtet davon, wie ein Sicherheitsmann ihr eine Tür in die Schulter gerammt habe, nachdem es zu einem Streit über eintönige Mahlzeiten gekommen sei. "Sie schreien dich an, behandeln dich überhaupt nicht mit Respekt", klagt die Journalistin und Mutter eines 13-jährigen Sohnes. Andere berichten von Beschimpfungen und Schlägen, weil sie zu später Stunde nicht zurück in die Unterkunft wollten. "Das ist doch hier kein Gefängnis, oder?", fragt Dendawi.

Die Version des Heimbetreibers European Homecare wirft ein anderes Licht auf Täter und Opfer: Ein Wachmann habe einen Bewohner beim Kiffen erwischt. Es kam zum Eklat, der Mann vom Sicherheitsdienst habe sich gegen einen Angriff verteidigt. In der Folge sei eine ganze Gruppe Bewohner aufgetaucht und habe dem Wachmann gedroht. Die Ermittlungen der Polizei dauern an.

Von schlimmen Zuständen jedenfalls hat auch der stellvertretende Regierungspräsident Volker Milk gehört. Es ist sein erster Besuch vor Ort. Personal seiner Behörde sei hier bislang nicht eingesetzt gewesen, räumt er ein.

Vor den Augen der Presse macht Milk sich daher selbst ein Bild. Er testet die ihm präsentierte Tiefkühl-Mahlzeit "Tafelspitz in Meerrettich-Soße" und sieht im Flur gerade noch den Putztrupp verschwinden. "Ich habe mich davon überzeugen können, dass dies eine durchaus menschenwürdige Unterkunft ist - auch wenn es sicherlich nur eine Notunterkunft ist", sagt er anschließend. "Sie sollten jeden Tag kommen", sagt ein Bewohner zu den anwesenden Journalisten, "dann wird hier auch geputzt".

Die Misshandlungsvorwürfe kann der Vize-Regierungspräsident mit seinem Besuch nicht aus der Welt räumen. "So etwas wie in Burbach darf nie wieder in einer Einrichtung in Nordrhein-Westfalen passieren", betont er. European Homecare habe sich inzwischen verpflichtet, keine weiteren Subunternehmer zu beschäftigen und Mitarbeiter auf etwaige Vorstrafen zu überprüfen. Zehn zusätzliche Mitarbeiter der Bezirksregierung sollen künftig als Task-Force in allen Landeseinrichtungen nach dem Rechten sehen.

Auch European Homecare betreibt Schadensbegrenzung. "Wir sind selbst total fassungslos", sagt Sprecherin Renate Walkenhorst. Man habe bei den Sicherheitskräften stets den Anspruch gehabt, dass sie den Bewohnern mit Respekt begegnen. "Was jetzt passiert ist, ist eine Katastrophe", so Walkenhorst. Dass es sich um mehr als Einzelfälle handeln könnte, weist sie von sich. "Anscheinend hat sich da eine Gruppe von Wachkräften irgendwie verselbstständigt", sagt sie.

Auch in Burbach im Siegerland hätten sich nach Bekanntwerden der Vorfälle weitere Flüchtlinge gemeldet, die der Polizei von Übergriffen berichteten, sagt Ricardo Sichert, Leiter der Einrichtung. Das bestätigt auch die Polizei in Hagen. Seit Freitag ermittelt sie wegen fünf angezeigter Gewalttätigkeiten in dem Heim. In drei Fällen soll das Sicherheitspersonal beteiligt gewesen sein.

Sicher fühlen sich die Flüchtlinge in Burbach aber weiterhin. "Wir sind froh, in Deutschland zu sein", sagen viele. Dass dort seit Samstag neues Sicherheitspersonal eingesetzt wird, macht sie aber froh: "Vorher blöd, jetzt gut", sagt einer in gebrochenem Deutsch.

Inzwischen mehren sich die Stimmen, dass viele der Probleme in Burbach auch mit Alkohol zu tun haben könnten. Einige Flüchtlinge bemängeln, dass ihre Mitbewohner für die Schwierigkeiten auch selbst verantwortlich seien, weil sie immer betrunken seien.

Die Polizei musste hier häufig eingreifen - mal wegen Diebstahl, aber auch wegen kleinerer und größerer Auseinandersetzungen. 300 Einsätze habe es dort gegeben, seit das Heim vor einem Jahr öffnete, so die Polizei. Bei einigen Auseinandersetzungen seien auch Sicherheitsleute beteiligt gewesen. In welcher Rolle, das prüft nun die Polizei.© dpa