Langeweile, Enge, Ungewissheit - mancher Flüchtling spült seine Sorgen mit Alkohol runter. Dabei sind Bier und Schnaps in den Unterkünften tabu. Ein Besuch in einer Flüchtlingsunterkunft im schwäbischen Ellwangen.

Ali Shan trinkt gerne. Am Wochenende geht der 19-Jährige meist mit Freunden los, sie kaufen sich zwei oder drei Flaschen Wodka, manchmal Rum, dazu meist Hühnchen und Chips. Dann setzen sie sich an die Bahnstation in Ellwangen und trinken.

Heppenheim: Etwa 50 Erwachsene gingen offenbar aufeinander los.

"Aber nur am Wochenende", sagt Ali in gebrochenem Englisch. Seit eineinhalb Monaten lebt der Asylbewerber in der Flüchtlingsunterkunft im schwäbischen Ellwangen. In seiner pakistanischen Heimat hat er nie getrunken. "Nein!", ruft Ali Shan entsetzt. "Mein Vater würde mich umbringen, wenn er das wüsste."

Alkohol ist nicht die Regel

Alkoholkonsum ist nicht die Regel unter Flüchtlingen. Diesen verbietet den meisten von ihnen schon der muslimische Glaube. "Ein bisschen dürfen Muslime auch trinken", findet Ali Shan aber. Und in mancher Unterkunft ist das Trinken unter jungen Männern trotz des Glaubens weit verbreitet - und stellt nicht nur eine Quelle für Konflikte, sondern auch eine Gefahr für die Flüchtlinge selbst dar.

"Asylbewerber sind besonderen Risiken ausgesetzt, in einen riskanten, missbräuchlichen oder abhängigen Konsum zu geraten", warnt Ingo Schäfer, Geschäftsführer des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg. "Sie hatten in der Jugend nicht die Chance, einen ausgewogenen Umgang mit Alkohol zu lernen - und treffen hier auf massenhafte Verfügbarkeit."

In der Landeserstaufnahmeeinrichtung (Lea) Ellwangen trinke rund ein Drittel der derzeit 900 Flüchtlinge täglich Alkohol, schätzt Sicherheitsmann Norman Schmidt, der dort mit seinem Team für Ruhe und Ordnung sorgen soll. "Denen ist langweilig, und sie haben Probleme." Größeren Ärger gebe es deswegen allerdings selten.

Mit Alkohol könne man sein Trauma eben kurzfristig ausknipsen, sagt Lea-Leiter Berthold Weiß: "Vielleicht trinken sie aus dem gleichen Grund wie die Leute hier auch trinken - weil man vergessen will."

Die Flüchtlinge kaufen sich Schnaps im Shop der Tankstelle oder im Supermarkt, nur wenige Hundert Meter die Straße runter. "Schlimm ist es, wenn es Taschengeld gab, dann gehen sie los und kaufen ein, von der Dose Bier bis zum Wodka", berichtet Schmidt. Rund 140 Euro bekommt ein alleinreisender Flüchtling im Monat.

Trinken im Heim ist tabu

Viele trinken am Kreisverkehr, auf der Wiese, in der Stadt. Denn auf im Flüchtlingsheim ist Alkohol absolut tabu. Immer wieder versuchen Asylbewerber aber, Getränke reinzuschmuggeln. Schmidt kennt die Tricks. Wodka-Flaschen werden über den Zaun geworfen, Rum unter dicken Jacken versteckt, Schnaps in leere Sprudelflaschen umgefüllt.

Es gibt bisher keine spezifischen Beratungsangebote für Flüchtlinge zum Thema Alkohol. Die Betroffenen seien noch nicht im deutschen Suchthilfesystem angekommen, die Kostenübernahme etwa für Dolmetscher sei häufig ungeklärt, bemängelt Suchtforscher Schäfer. "Zunächst sind die Betreiber aufgefordert, das zu beobachten, mit den Leuten zu reden und für einen verantwortungsvolleren Umgang mit Alkohol zu sorgen", erläutert die Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums, Doris Berve-Schucht.

Grüne wollen Flüchtlinge so schnell wie möglich regulär in Betriebe bringen.

"Alkohol spielt bei Auseinandersetzungen in Heimen, wo es um Streitereien, Bedrohungen und Schlägen geht, häufig eine Rolle", sagt der Sprecher des Landesinnenministeriums, Rüdiger Felber. Aber: Alkohol sei ja auch bei Straftaten von Deutschen häufig im Spiel.

"Das sind Einzelfälle, ein Großteil der Flüchtlinge ist unauffällig", sagt ein Sprecher des Integrationsministeriums. "Die Deutschen gehen in die Kneipe und saufen sich voll, nur hier fällt es auf, weil es verboten ist", formuliert es Sicherheitsmann Schmidt.© dpa