Die Fluchtwege über den Balkan sind faktisch geschlossen, schon bahnt sich eine neue Migrationswelle über die zentrale Mittelmeerroute an. Experten rechnen mit bis zu 200.000 Flüchtlingen, die im Bürgerkriegsland Libyen auf die Überfahrt nach Italien warten. Das Mittelmeer droht erneut zum Massengrab zu werden.

Für viele Menschen ist der Frühling die schönste Jahreszeit überhaupt, für Ruben Neugebauer von der privaten Seerettungsinitiative Sea Watch sind steigende Temperaturen gleichbedeutend mit Elend und Tod.

Verschiebung der Hauptfluchtroute

Obwohl in den letzten Monaten die große Mehrheit der Flüchtlinge auf dem Seeweg zwischen der Türkei und Griechenland in die EU gelangt sind, rechnet der 26-Jährige mit einer Verschiebung der Hauptfluchtroute zurück aufs zentrale Mittelmeer – mit dramatischen Folgen.

"Wenn sich das Wetter etwas beruhigt hat, werden wir ähnliche Bilder wie im vergangenen Jahr sehen", sagt Neugebauer im Gespräch mit unserer Redaktion.

Auch Vassilis Tsianos von der Universität Hamburg ist von diesem Szenario überzeugt. "Selbstverständlich wird es eine Reaktivierung der zentralen Mittelmeerroute geben", erklärt uns der Soziologe im Interview.

Griechischen Medien liegen Flugblätter mit Anweisungen für Flüchtlinge vor.

Die Experten sind sich einig: Es droht die Gefahr, dass das Mittelmeer erneut zu einem Massengrab werden könnte. 3.400 Menschen ertranken 2015 beim Versuch, die Festung Europa zu erreichen – allein 2.800 auf der langen und gefährlichen Zentral-Passage.

Bis zu 200.000 Menschen warten in Libyen

In den ersten drei Monates des Jahres sind nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) schon knapp über 100.000 Asylsuchende über das Mittelmeer nach Europa gekommen. Mehr als 90 Prozent über die Ägäis, jene schmale Meerenge an der Westküste der Türkei.

In Italien suchten nur zirka 8.000 Menschen Zuflucht. Der Grund ist die raue See, die die knapp 300 Kilometer lange Überfahrt von der libyschen Küste – meist mit dem Ziel Lampedusa – in den Wintermonaten noch gefährlicher macht.

Doch die Zahlen werden sich in den kommenden Monaten vervielfachen: 150.000 bis 200.000 Menschen sollen allein in Libyen auf die Startkommandos der Schleuser warten. Im Juni beginnt die Hochphase für die Schlepperbanden.

Neugebauer will mit seinen 50 Mitstreitern von Sea Watch alles dafür tun, damit sich die Schreckensbilder der Vorjahre nicht wiederholen. Ein nahezu unmögliches Unterfangen. An der Rettung Hunderter Flüchtlinge waren die Freiwilligen 2015 beteiligt.

Häufig, indem sie sie auf Rettungsflößen in Sicherheit brachten, bis sie von der italienischen Marine oder anderen geeigneten Schiffe aufgenommen werden konnten.

Auch dieses Jahr wird die durch Spenden finanzierte Initiative aus Brandenburg wieder in den internationalen Gewässern im Dreieck Libyen-Tunesien-Malta patrouillieren.

Derzeit befinden sich zwei Schnellboote vor der griechischen Insel Lesbos im Einsatz, zwei größere Kutter werden aktuell für den Einsatz im Mittelmeer fit gemacht.

"Wir bleiben weiter in der Ägäis aktiv", sagt Neugebauer. "Aber wir wollen so flexibel wie möglich sein, um auf eine Änderung der Flüchtlingsbewegungen reagieren zu können."

Österreichs Außenminister will "Durchwinken" beenden.

Auch die deutsche Marine führt seit Mai 2015 als Teil der EU-Mission "Eunavfor Med" Rettungsaktionen im Mittelmeer durch. In erster Linie sollen aber die Schleppernetzwerke vor der libyschen Küste bekämpft werden - in einem Seegebiet von der Größe Deutschlands.

"Lieber im Meer sterben"

Die faktische Schließung der Balkanroute könnte nun dazu führen, dass die Anzahl der Syrer und Iraker auf der zentralen Mittelmeerroute zunimmt. Derzeit harren in Libyen vor allem Flüchtlinge aus Eritrea, Nigeria und Somalia aus.

"Das Dichtmachen des Balkans wird Auswirkungen haben", befürchtet Neugebauer. "Aber wir werden im zentralen Mittelmeer keine Größenordnungen wie in der Ägäis sehen, weil es eine eher dünne Route ist", gibt Soziologe Vassilis Tsianos zu Bedenken.

Die lange Passage auf offener See sei für Kinder und Familien wegen ihrer Gefährlichkeit weniger geeignet. Im Gegensatz zur Ägäis sind dort meist größere, aber oft völlig seeuntaugliche und überfüllte Boote im Einsatz.

Nach Angaben der europäischen Grenzschutz-Organisation Frontex haben zwischen Januar und Ende Oktober 2015 rund 140.000 Menschen die Überfahrt zwischen Libyen und Italien gewagt. Zirka eine Million Flüchtlinge kamen im Vorjahr insgesamt übers Mittelmeer nach Europa.

"Viele Menschen, die wir gerettet haben, sagten uns: 'Wir würden lieber im Meer sterben als nach Libyen zurückzugehen'", berichtet Neugebauer, der als Crewmitglied selbst an dramatischen Rettungsaktionen beteiligt war.

Alternative Routen: Zypern, Gibraltar, Schwarzes Meer

Noch ist nicht absehbar, wie groß die Auswirkungen der geschlossenen Balkanroute auf das zentrale Mittelmeer tatsächlich sein werden. Noch ist unklar, ob sich die Balkanroute überhaupt dauerhaft abriegeln lässt.

Bundespolizei in Ägäis soll Flüchtlinge direkt an Griechenland übergeben.

Die Diskussion über alternative Fluchtwege hat unterdessen längst begonnen. "Ich rechne mit der Aktivierung der Adria-Route zwischen Albanien und Italien, neuen Fluchtpassagen über das Schwarze Meer sowie durch die Ukraine und Polen", prognostiziert Soziologe Tsianos.

Neugebauer hält es für möglich, dass die Insel Zypern im östlichen Mittelmeer oder das britische Überseegebiet Gibraltar an der Südspitze der Iberischen Halbinsel "relevant werden könnten".

Die südöstliche Mittelmeerroute von Ägypten nach Süditalien, die westliche Mittelmeerpassage von Tunesien oder Algerien nach Spanien sowie die westafrikanische Route auf die Kanarischen Inseln waren in den Vorjahren eher unbedeutend.

Für Ruben Neugebauer steht derweil fest: "Es werden wieder viele Schiffe kommen." Und es werde trotz Initiativen wie Sea Watch wieder viele Tote geben. Die Frage ist nicht, ob Menschen sterben werden. Die Frage ist nur: wo.