Kein Konflikt war in ihrer Kanzlerschaft bisher so gravierend wie die Flüchtlingskrise. Merkel wehrt sich gegen deutsche Abschottung und kämpft um internationalen Zusammenhalt. Und um ihr politisches Erbe. Eine womöglich entscheidende Wegmarke: Der EU-Türkei-Sondergipfel.

Es ist ein schöner Sommertag, als Angela Merkel diesen Satz sagt: "Wir schaffen das". Wahrscheinlich hat sie nicht geahnt, was diese drei Worte auslösen würden. Sie werden für immer mit ihrer Kanzlerschaft verbunden bleiben.

Ein Ruck geht durch das Land; Deutschland wird für Flüchtlinge zum Sinnbild der Hoffnung. Heute bezweifeln viele Einheimische, dass sie das schaffen mit der Integration hunderttausender, vor allem muslimischer Flüchtlinge.

Umfragewerte für Merkels CDU sinken, die Nervosität vor den Landtagswahlen in drei Bundesländern am 13. März steigt. CSU-Chef Horst Seehofer, obwohl politischer Verwandter, ist Merkels schärfster Kritiker geworden.

Der anhaltende Zoff in der Flüchtlingsdebatte birgt Gefahren.

Die Kanzlerin reist nach London, Ankara, Brüssel, Paris, spricht mit Griechen, Franzosen, Irakern, Libanesen und schlägt sich bei Gipfeln die Nächte um die Ohren. Sie spricht von einer historischen Bewährungsprobe für Europa.

Gegen alle Widerstände kämpft sie für ihren Plan von der Bekämpfung der Fluchtursachen, dem Schutz der EU-Außengrenzen und der Steuerung des Flüchtlingszuzugs samt Rückkehr zum grenzfreien Schengenraum.

In dieser Zeit entscheidet sich, was einmal über Merkel in den Geschichtsbüchern stehen wird. Ein Ausschnitt aus vier Wochen Krisenmodus einer Kanzlerin.

LONDON, 4. FEBRUAR, GEBERKONFERENZ: Angela Merkel wirkt etwas kurzatmig, als sie am Nachmittag in London ins Mikrofon spricht. Das mag daran liegen, dass sie in Eile ist, weil noch viele Regierungschefs nach ihr etwas sagen wollen. Oder an der Größe des Ergebnisses.

Bei der internationalen Geberkonferenz für notleidende Menschen in Syrien und den Nachbarregionen wurden knapp elf Milliarden Euro zugesichert. Deutschland gibt davon 2,3 Milliarden Euro bis 2018. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon jubelt: "Noch nie wurde an einem Tag so viel Geld für eine einzelne Krise eingesammelt."

In Deutschland sinken Merkels Beliebtheitswerte und die Umfrageergebnisse für die CDU - und das so kurz vor den Landtagswahlen am 13. März in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt.

"Merkel muss weg", verlautet zwar nur vereinzelt in der Partei. Doch noch vor kurzem wäre auch das undenkbar gewesen. Die Kanzlerin kann von London aus eine wichtige Botschaft nach Hause senden: Die internationale Gemeinschaft hat verstanden, dass sie Fluchtursachen bekämpfen muss. Merkels Credo.

ANKARA, 8. FEBRUAR, TREFFEN MIT MINISTERPRÄSIDENT DAVUTOGLU:

Die Türkei ist Angela Merkel eher fremd. Der Kurdenkonflikt, der kritikwürdige Umgang mit den Menschenrechten, die so andere Kultur haben die Kanzlerin all die Jahre auf Abstand zu dem Land am Bosporus gehalten.

Nie wollte Merkel die Türkei als Vollmitglied in der Europäischen Union haben. Und nun sucht die Christdemokratin Ankaras Nähe. Denn ohne Hilfe der Türkei kann die EU ihre Außengrenze - auch eine Wassergrenze zu Griechenland - nicht gegen Schlepper schützen.

EU-Ratspräsident appelliert an Flüchtlinge und kündigt Ende des Durchwinkens an.

Merkel reist zu einem erneuten Treffen mit Ministerpräsident Ahmet Davutoglu nach Ankara. Sie verhandelt mit einem Land, das selbst 2,5 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen hat, und nun für die Europäische Union zwar die Kohlen aus dem Feuer holen, aber nicht Clubmitglied werden soll.

Davutoglu dankt Merkel jedoch für "Sensibilität". Er scheint es ernst zu meinen. Durch Merkels Vorgehen wird die Türkei international aufgewertet. Das lenkt vom blutigen Kurdenkonflikt ab. Sie vereinbaren eine stärkere Kooperation ihrer Polizeien zur Grenzsicherung und wollen am 18. Februar in Brüssel mit anderen EU-Ländern weiter verhandeln. Doch dazu kommt es nicht.

BRÜSSEL, 18./19. FEBRUAR, EU-GIPFEL:

Am Vorabend des Gipfels geht in Ankara eine Bombe hoch. Dutzende Menschen sterben. Davutoglu sagt seinen Besuch in Brüssel ab. Damit fällt auch ein geplantes Treffen mit einer "Koalition der Willigen" aus, die mit der Türkei über das weitere Vorgehen beraten wollte. Österreich verkündet außerdem, dass es Tageskontingente von 80 Flüchtlingen einführt.

Die anderen rund 3.000 täglich an der Grenze zu Österreich ankommenden Menschen sollen abgewiesen oder nach Deutschland durchgewunken werden. Die EU wird wieder einen Tag verstreichen lassen, ohne in der Flüchtlingsfrage weiterzukommen. Merkel ist stinksauer.

Am Abend wird bei Kabeljau mit Weißbier- Emulsion immerhin über die schreckliche Not der Bürgerkriegsopfer in Syrien und die Zehntausenden Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa gesprochen. Hilfe wird aber nicht vereinbart.

Dennoch tritt Merkel in der Nacht um 2.30 Uhr vor die Presse und sagt: "Ich bin sehr zufrieden mit der Diskussion." Anfang März wird es einen zweiten EU-Türkei-Sondergipfel geben. Aus der am Vormittag geplatzten Koalition der Willigen ist am Abend wieder die Einheit aller 28 Staats- und Regierungschefs entstanden.

Merkel wertet das als Erfolg. Es sind sehr kleine Schritte, die die EU macht - "einfach nur beschämend", meint ein deutsches Regierungsmitglied intern.

BERLIN, 28. FEBRUAR, FERNSEHAUFTRITT IN DER ARD:

Wenn es sehr schwierig wird, geht Merkel ins Fernsehen. Gern zu Anne Will von der ARD. Es ist keine Rede an die Nation. Aber ein Gespräch für die Bürger. Diese erleben eine unverstellte, authentische Kanzlerin, die kämpft. Und nicht wankt.

Außenminister verteidigt Österreichs harte Position in Flüchtlingskrise.

Einen Plan B hat sie nicht. Sagt sie. Und auch CSU-Chef Seehofer bekommt wieder eine Abfuhr für seine Forderung nach einer deutschen Flüchtlingsobergrenze. Da kann er noch so oft mit Klage gegen seine eigene Bundesregierung drohen.

Merkel hält eine Begrenzung für unrealistisch, weil sie vermutlich nicht zu halten sei. Immer wieder hat sie in den vergangenen Wochen gemahnt, dass Menschen weiter aus Aleppo fliehen, wenn der syrische Machthaber Baschar al Assad mit Hilfe Russlands die Stadt in Schutt und Asche legt.

Wer tausende Kilometer vor Krieg und Terror flieht und alles aufgibt, lässt sich von Sperren nicht abschrecken, sagt Merkel. An der griechisch-mazedonischen Grenze reißen derweil Menschen mit Stöcken und Schaufeln Stahlzäune mit Nato-Draht nieder.

Die Kanzlerin sagt, ihr Weg sei der richtige. Aber auch: "Leider glauben so viele nicht daran. Und deshalb wünsche ich mir möglichst viele, die mit dran glauben. Dann kann man auch Berge versetzen." Glaube versetzt Berge. Das passt nicht zur Naturwissenschaftlerin Merkel. Aber vielleicht zu ihr als Pfarrerstochter.

BRÜSSEL, 7. MÄRZ, EU-TÜRKEI-SONDERGIPFEL - EIN AUSBLICK:

Europa droht auseinanderzufallen, Staaten entlang der Balkanroute schotten sich ab, in Griechenland "stauen" sich die Flüchtlinge, westliche EU-Staaten beschäftigen sich mit anderen Sorgen. Merkel wirkt isoliert.

In Deutschland hoffen Bürger auf Lösungen, die ihnen die Ängste nehmen, sie könnten überfordert werden. Das Erstarken der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD), die fremdenfeindlichen Übergriffe will Merkel nicht als Spaltung der Gesellschaft verstehen, aber als "Polarisierung".

An diesem Montag will sie in Brüssel wieder über die Nato-Operation gegen Schlepper in der Ägäis, die Zusammenarbeit mit der türkischen Polizei und Küstenwache und die drei Milliarden Euro für Ankara sprechen. Alles bereits vereinbart, aber immer noch nicht umgesetzt.

Und wenn das alles nichts wird bei diesem EU-Türkei-Sondergipfel? Dann gibt es am 17./18. März wieder einen EU-Gipfel, hat Merkel bei Anne Will gesagt. Selbst wenn sie die Bedeutung herunterspielt - auch diese Gipfel entscheiden darüber, wie Merkel den Menschen einmal in Erinnerung bleiben wird: Als Flüchtlingskanzlerin, die eine große Krise meisterte - oder an ihr scheiterte.© dpa

Flüchtlingskrise: keine Entspannung in Griechenland

Kein Ende des Flüchtlingszustroms in der Ägäis: In der griechischen Hafenstadt Piräus sind am Mittwoch mehr als 1.000 Migranten von den Ägäisinseln angekommen. Keine Entspannung auch an der griechisch-mazedonischen Grenze bei Idomeni. (mit Material der dpa) © 1&1 Mail & Media