Die EU will Zehntausende Flüchtlinge in den Balkanländern halten. Doch die kennen weiter nur eine Richtung - Westeuropa. Ihre Durchreise läuft dabei immer reibungsloser und professioneller.

Feste beheizte Container statt Übernachtung im Freien oder in provisorischen Zelten. Exakte, aufeinander abgestimmte Fahrpläne von Bus und Bahn statt elend langes Warten in Regen und Matsch vor vorübergehend geschlossenen Grenzen: Die Durchreise Zehntausender Flüchtlinge über die Balkanroute von der Türkei nach Österreich und vor allem nach Deutschland läuft inzwischen wie am Schnürchen.

Auf griechischer Insel wird sogar das Essen für die 5.000 Flüchtlinge knapp.

Bis zur Grenzstadt Sid zahlen Flüchtlinge noch selbst

Das EU-Krisentreffen mit den Balkanländern vor zehn Tagen hatte jedoch noch eine andere Botschaft: Bis zu 100.000 Menschen sollten vorübergehend in diesen Ländern unterkommen, um den Andrang auf Österreich und vor allem Deutschland zu bremsen. Doch davon ist bisher keine Rede. Im Gegenteil. Die Länder in Südosteuropa haben den Appell des Brüsseler Treffens befolgt, nicht mehr gegen-, sondern miteinander zu arbeiten. Diese neue Absprache macht den Transit Zehntausender jedoch nur reibungs- und geräuschloser für die heimische Bevölkerung.

Von der griechischen Grenze kommen Flüchtlinge mehrmals täglich mit Sonderzügen nach Südserbien. Dort werden sie registriert und in Reisebussen privater Unternehmer in die serbische Grenzstadt Sid gebracht. Die in der Regel überteuerten Tickets in Mazedonien und Serbien müssen die Menschen noch selbst zahlen. "Ab hier ist alles kostenlos", beschreibt die UNHCR-Sprecherin Melita Sunjic die Lage.

Am Bahnhof Sid werden die Flüchtlinge schon von kroatischen Sonderzügen erwartet, die sie zum Drehkreuz Slavonski Brod transportieren. Dort ist seit dieser Woche ein neues Lager mit beheizten wintertauglichen Containern und Zelten in Betrieb. Nach ein paar Stunden Erholung geht es per Bahn weiter ins slowenische Städtchen Dobova. Auch dort dauert der Aufenthalt der Menschen nur wenige Stunden.

Frierende Kinder und zig Überstunden: Situation an Grenzen setzt Polizei zu.

Verkürzte Fluchtwege

Die slowenische Eisenbahn fährt die Menschen weiter an die österreichische Grenze zum Ort Sentilj. Seit vergangenen Sonntag steigen sie an einem eigens für sie gebauten provisorischen Bahnsteig aus. Von dort haben sie nur einen kurzen Fußweg. "Das ist gut für die Flüchtlinge, die Polizei und die örtlichen Einwohner", sagt Innenstaatssekretär Bostjan Sefic - Vorteile auf allen Seiten.

Die neue Kooperation der Balkanstaaten geht sogar so weit, dass slowenische Polizisten schon in kroatischen Zügen die Flüchtlinge registrieren. Das funktioniere ganz ausgezeichnet, sagt Sefic. Die Zusammenarbeit bedeutet nämlich auch, dass sich die Fluchtwege drastisch verkürzt haben. Gaben die Menschen noch vor Wochen an, sie seien Wochen oder gar Monate unterwegs, findet man heute viele, die in nur sieben bis acht Tage den Weg zurückgelegt haben.

Der Wunsch der Brüsseler Krisentagung, 100.000 Flüchtlinge in den Balkanstaaten aufzunehmen, stößt jedoch auf taube Ohren. "Kroatien wird kein Hotspot", wiederholt Regierungschef Zoran Milanovic gebetsmühlenartig. Das werde "zu 105 Prozent nicht geschehen". Unklar bleibt, wie in Kroatien aus dem Stand Massenunterkünfte bereitgestellt werden könnten. Ähnliche Fragen gibt es auch in den anderen Ländern, die zu den ärmsten Staaten Europas zählen.

Bewaffnete Konflikte bei Grenzschließung

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte noch am Montag ihre Befürchtung geäußert, die Flüchtlingskrise könne zu bewaffneten Konflikten auf dem Balkan führen, sollten Deutschland und Österreich ihre Grenzen schließen. Ihr kroatischer Kollege gab schon Stunden später Entwarnung. Das werde sicher nicht passieren, weil sein Land in diesem Fall die Grenzen viel schneller als Deutschland blockieren werde, sagte Milanovic.

Slowenien beklagt, dass von den in Brüssel als Soforthilfe zugesagten 400 Polizisten aus EU-Ländern nicht viel zu sehen ist. Bisher seien nur 32 von ihnen wirklich angekommen - 20 aus Litauen, 8 aus Österreich und 5 aus Deutschland, wie die Agentur STA in dieser Woche berichtete. Die Reaktion: Zäune an der Grenze rücken näher, kündigte Sloweniens Regierungschef Miro Cerar an.© dpa