Krieg, Hunger und Elend treiben Menschen aus aller Welt nach Europa. Die deutsche Gesellschaft hat sich noch nicht entschieden, wie sie damit umgehen soll. Die Reaktion der Öffentlichkeit reicht von Vorbehalten bis hin zu Rassismus, offenbart aber auch eine herzliche Willkommenskultur. In jedem Fall zwingt der Asylzuzug Deutschland zur Reflexion und zur Debatte. So werden Probleme offensichtlich, die schon lange existieren, nun aber gelöst werden müssen. Ein Überblick.

Christoph Strässer von der SPD mokierte sich bereits im August 2015: In der öffentlichen Wahrnehmung zum Asylzuzug nach Deutschland gehe es immer nur um die Kosten und Belastungen der Kommunen, so der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung gegenüber der "Tagesschau". Er vermisse, dass über die Chancen der Zuwanderung gesprochen werde, über die Fähigkeiten und Talente der Flüchtlinge.

Starkregen erschwert die Lage für Flüchtlinge an griechischer Grenze.

Denn inzwischen transportiert der öffentliche Diskurs über Migranten in Deutschland meist eher Skepsis denn Hoffnung: "Mit großer Sorge beobachten wir, dass die weit verbreitete öffentliche Stimmung gegen Geflüchtete auch durch Äußerungen bundesdeutscher PolitikerInnen begünstigt wird. (...) All dies erinnert uns fatal an die Zustände in Deutschland in den frühen 1990er-Jahren," schreibt das auf Rechtsradikalismusforschung spezialisierte Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) in einer Presseerklärung mit dem Titel "Das Problem heißt Rassismus".

Der aktuelle Asylzuzug stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Doch er zeigt auch innerdeutsche Probleme auf, die schon länger schwelen und jetzt akut werden. Wie beispielsweise die öffentliche Stimmungsmache gegen Flüchtlinge, die inzwischen auch vom bürgerlichen Lager artikuliert wird. Das DISS nennt als Beispiel Horst Seehofer, der unter anderem von "massenhaftem Asylmissbrauch" spricht.

Deutschland bewegt sich – weil es muss

Die Färbung des Diskurses ist gegenwärtig so hitzig und emotional, weil zuvor über Migration in Deutschland kaum und zu wenig geredet wurde. "Die aktuell permanente Debatte über Migration ist gut und wichtig, denn wir müssen jetzt darüber reden," sagt Historiker und Migrationsforscher Jochen Oltmer.

Nun gebe es teils absurde und radikale Stellungnahmen zur Flüchtlingsproblematik. Doch die seien eben nur so auffällig und überhaupt vorhanden, weil sich durch das vorherige Totschweigen die öffentliche Debatte finden müsse – und aktuell stehe diese enorm im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung, so der Professor am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück.

Doch es wurde in Deutschland nicht nur zu wenig öffentlich über Flüchtlinge gesprochen, es wurde auch auf konkret politischer Ebene jahrelang zu wenig getan. Deutschland ist seit Jahrhunderten ein Einwanderungsland: Die ursprünglich französischen Hugenotten prägten schon im 17. Jahrhundert Berlin und Teile des heutigen Hessens.

Gegen Ende des zweiten Weltkrieges strömten etwa 12,5 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene vor der Roten Armee nach Deutschland in seinen aktuellen Grenzen. Nach der Wiedervereinigung kamen Hunderttausende Spätaussiedler aus Osteuropa. Doch bis 1998 beharrte die damals noch regierende CDU darauf, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei.

Auf der anderen Seite hat die Politik auf EU-Ebene seit den 1990er Jahren begonnen, ein konkretes Flüchtlingsmanagement zu installieren. Sogenannte Mobilitätspartnerschaften mit Ländern wie Libyen, Marokko oder der Ukraine sollten verhindern, dass Flüchtlinge überhaupt nach Europa kommen.

"Diese Staaten haben den Job übernommen, Flüchtlinge zu verhindern," sagt Oltmer. Der Wissenschaftler bescheinigt der europäischen Politik dennoch "eine völlige Ahnungslosigkeit Europas angesichts der globalen Flüchtlingsfrage". Der Grund: Die Vorfeldsicherung ist in Teilen zusammengebrochen, weil viele der Partnerländer durch Bürgerkrieg oder Systemumbrüche mit ihrem eigenen Schicksal beschäftigt waren.

Deshalb nehmen die Flüchtlinge den gefährlichen Weg auf sich.

Das hat die Politik lange ignoriert. Nun ist sie gezwungen, zu reagieren. Also reist Angela Merkel in die Türkei; reden EU-Politiker von der Notwendigkeit, Flüchtlinge schon in ihrer Heimat so zu unterstützen, damit sie ihr Land gar nicht verlassen müssen. Ohne die Ereignisse des Jahres 2015 wäre es vermutlich nicht so weit gekommen.

Aufwacheffekt für die Politik

Die prägenden Ereignisse des vergangenen Jahres haben nicht nur einen Aufwacheffekt für die Politik bewirkt, sie haben auch die Menschen in Deutschland mit sich selbst und ihrer Einstellung gegenüber Hilfe- und Schutzbedürftigen konfrontiert. Viele haben daraus für sich den Schluss gezogen: Ich will helfen.

Sowohl das Deutsche Rote Kreuz (DRK) als auch die Caritas bestätigen auf Nachfrage einen deutlichen Anstieg des ehrenamtlichen Engagements. Es bleiben Bilder wie die vom Münchner Hauptbahnhof in Erinnerung, wo Flüchtlinge von Freiwilligen mit Lebensmitteln und Kleidung empfangen wurden.

Eine Studie zur ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit der HU Berlin bestätigt, dass die Zahl ehrenamtlicher Helfer in den vergangenen Jahren um 70 Prozent gestiegen sei. 70 Prozent davon seien weiblich, viele hätten selbst einen Migrationshintergrund.

"Die überwiegende Mehrheit der Befragten möchte mit ihrem Engagement nicht nur die humanitäre Situation der Flüchtlinge verbessern, sondern Gesellschaft gestalten", schreiben die Forscher. So sorgt die Hilfe für Partizipation. Das verbindet, das bildet die Basis zur Förderung demokratischer Strukturenund damit den Kern der deutschen Gesellschaft.

Und die besteht zweifelsohne aus Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund und verschiedenen Ethnien. Angaben des Ausländerzentralregisters des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zufolge lebten Ende 2014 etwa 8,2 Millionen Ausländer in Deutschland. Dieselbe Quelle weist insgesamt 16,4 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund aus.

Das sind 20 Prozent der Bevölkerung. Das heißt: Jeder fünfte Mensch hierzulande ist eingewandert oder das Kind einer Familie mit wenigstens zum Teil ausländischen Wurzeln. Deutschland ist eine pluralistische Gesellschaft. Und Diversität ist gut. Denn Vielfalt ist ein wesentlicher Faktor für eine positive wirtschaftliche Entwicklung.

"Das sieht man an den 'Global Cities' wie London, Paris, auch Berlin, den Zentren in der Computertechnologie in Kalifornien und auch an chinesischen Städten. Alle diese Städte mit ihrer hohen Innovationsfähigkeit sind stark durch Migration geprägt. Da gibt es einen direkten Zusammenhang," sagte Jochen Oltmer im Gespräch mit der Bundeszentrale für politische Bildung.

Wirtschaft: Deutschland profitiert von Migranten

Gerade Deutschlands Wirtschaft profitiert von Menschen mit ausländischen Wurzeln – und das schon lange. "Machen wir uns nichts vor – ohne Zuwanderung wären der demographische Hedonismus Deutschland und dieser Sozialstaat schon lange in die Knie gegangen oder hätte andere Anforderungen an die Empfänger von Sozialleistungen stellen müssen. Längst stellen Zuwanderer auch viele der hellsten, kreativsten und klügsten Köpfe, deren unternehmerischer Geist Fortschritt produziert," schreibt Wirtschaftsjournalist und Publizist Roland Tichy in seinem Blog.

Die arbeitsfähige Bevölkerung wird in Deutschland um mehr als fünf Millionen Menschen bis zum Jahr 2025 schrumpfen - Deutschland überaltert. In Zukunft werden es viele jungen Arbeitnehmer mit ausländischen Wurzeln sein, die erstens in den Sozialstaat einzahlen und damit zweitens der deutschen Nachkriegsgeneration ihre Rente mitbezahlen.

Ein Schlüssel dafür ist Bildung. Ein Drittel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland hat einen Migrationshintergrund – und durchschnittlich niedrigere Schulabschlüsse als Jugendliche ohne ausländische Wurzeln. Das muss sich ändern, wenn die völlige Etablierung eines elitären Zweiklassen-Schulsystems verhindert werden soll.

Das Problem liegt dabei bisher im deutschen Bildungssystem: "Zu den wesentlichen Versäumnissen gehört aus meiner Sicht, dass Migration nicht als Regelfall, sondern als Ausnahme von der Regel betrachtet wird," sagt Ingrid Gogolin, Professorin für interkulturelle und vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg.

Beim EU-Türkei-Sondergipfel geht es für Angela Merkel um ihr politisches Erbe.

Dabei seien internationale Mobilität und Migration der gesellschaftliche Normalfall – nicht erst heute, sondern schon in der Vergangenheit, und erst recht in der absehbaren Zukunft, so Gogolin weiter. Aktuell fehlt es nach Einschätzung der Expertin an Konzepten, die an den Erfahrungen und Fähigkeiten der Flüchtlinge ansetzen, zudem an Maßnahmen, die einen kontinuierlichen Bildungsprozess garantieren. "Beobachtbar ist, dass aktuell vor allem Maßnahmen ergriffen werden, die eine rasche Einführung in die deutsche Sprache erlauben sollen," so Gogolin.

Diese Bildungsmaßnahmen sind an sich zu wenig – aber vielleicht der erste Schritt zu weiteren langfristigen Maßnahmen. "In den 16 Bundesländern existieren je eigene Bildungskonzepte," sagt Jochen Oltmer. Die aktuelle Debatte wäre eine Chance, die teils veralteten Maßnahmen neu zu diskutieren, erklärt er weiter.

Außerdem würde die Anerkennung beruflicher Qualifikationen einer Neubewertung bedürfen. Überhaupt böte sich die momentane Lage an, vieles infrage zu stellen, was jahrelang unkontrolliert vor sich hin lief: "Integrationskurse gibt’s beispielsweise schon seit 2005. Sie sind zweifelsohne wichtig, aber seit zehn Jahren hat kein Mensch sie mal evaluiert. Dabei gäbe es einige interessante Ansätze. Wie es um die Sprachvermittlung steht etwa".

Was im Wohnungsbau passieren muss

Dringend auf den Prüfstein muss auch der Wohnungsbau in Deutschland. Horrende Miet- und Immobilienpreise sind in manchen deutschen Ballungszentren nicht mehr das dringendste Problem auf dem Wohnungsmarkt: Es sind wie beispielsweise im Großraum München überhaupt keine Flächen und Objekte mehr vorhanden.

Und der Zuzug aus dem Ausland wird den Wohnungsbedarf in Deutschland deutlich steigen lassen. Eine im Dezember 2015 vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) veröffentlichte Analyse schätzt, dass jährlich mehr als 400.000 Wohnungen gebaut werden müssen.

"Gemessen an der Bauleistung im Jahr 2014 impliziert das eine Ausweitung der Bautätigkeit um mehr als 75 Prozent. In einigen Ballungsräumen hinkt die Bautätigkeit schon seit einigen Jahren der Nachfrage hinterher. Ursächlich sind vor allem fehlende Neubauflächen, aber auch immer weiter steigende Kosten im Neubau aufgrund steigender Standards," sagt Philipp Deschermeier vom IW.

Die Wohnkosten würden weiter steigen, so der Ökonom. Der Experte fordert darum eine schnelle Anpassung der Planung, die Ausweisung neuer Flächen für mehr Neubau und ein verstärkter Einbezug des Umlandes, wo oft noch Leerstände vorhanden seien oder aber zumindest leichter gebaut werden könne.

Neben der Tatsache, dass Wohnraum geschaffen werden muss, sei auch die Art, wie in Deutschland zukünftig gebaut werden soll, überarbeitenswert, so Deschermeier. Denn Immobilien werden meist mehrere Jahrzehnte lang genutzt.

"Um die aktuellen Herausforderungen zu meistern, bedarf es jedoch Lösungen mit einem kürzeren Zeithorizont, die gegebenenfalls auch mit geringeren Kosten verbunden sind. Hier ist die Kreativität von Architekten, Stadtplanern und Immobilieninvestoren gefragt, um Wohnlösungen zu finden, die einerseits den aktuellen Bedarf decken, andererseits aber auch flexibel anderen Nutzungen zugeführt werden können, sollte der Bedarf wieder rückläufig sein," so Deschermeier.

Das mag für Menschen in Hamburg, Stuttgart oder München momentan absurd klingen. Doch es zeigt, wie schnell sich Problemlagen und dafür notwendige Lösungen verändern können. Flexibilität sowie schnelle Reaktions- und Anpassungsfähigkeit helfen Gesellschaften, auf wandelnde Herausforderungen zu reagieren. Vielleicht muss Deutschland das besser machen – in Zeiten des aktuellen Asylzuzugs und darüber hinaus.