Freital, Clausnitz, Bautzen: Diese Städte in Sachsen sind zum Symbol geworden für Fremdenhass. Warum häufen sich rechte Straftaten in Sachsen? Eine Spurensuche.

Das hässliche Deutschland hat einen Namen, schreibt die "Hamburger Morgenpost" - und tauft es auf den Namen "Sachsen". Der Freistaat macht seit Monaten Schlagzeilen, die sich ganz gewiss nicht für eine Image-Broschüre eignen.

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Pegida in Dresden, die Ausschreitungen von Freital, nun die erschütternden Berichte aus Clausnitz und Bautzen: Einfach eine zufällige Häufung von rechten Demonstrationen und Straftaten? Oder ein spezifisch sächsisches Phänomen?

Bernd Stracke muss es wissen. Er leitet das Institut B3, das Kommunen in Sachsen bei Problemen mit Anti-Asyl-Protesten berät und begleitet. Stracke kennt die sächsischen Verhältnisse gut, lebt selbst in der Oberlausitz.

"Der Reflex der Soziologen ist: Es ist kein sächsisches Problem, wir haben das nicht nur dort, nicht nur im Osten, sondern überall", sagt Stracke im Gespräch mit unserer Redaktion. "Aber die Zahlen sagen etwas anderes."

Spitze bei der Islamfeindlichkeit

Diese Zahlen lassen tatsächlich auf einen unrühmlichen Ausnahmestatus schließen: Im vergangenen Jahr gab es 109 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Sachsen, das sind im Pro-Kopf-Vergleich die meisten aller 16 Bundesländer. Die Zahl der Ermittlungsverfahren wegen rechten Straftaten stieg von 159 im Jahr 2014 auf 208 im Jahr 2015.

Der Chef des Operativen Abwehrzentrums, Bernd Merbitz, sagte in der "Leipziger Volkszeitung", der Rechtsextremismus habe sich flächendeckend ausgebreitet. Der Verfassungsschutz konstatierte in seinem jüngsten Bericht, die Neonazi-Szene erlebe einen Zulauf wie seit vielen Jahren nicht mehr.

Den Anfang nahm dieser Trend mit der Zunahme der Flüchtlingszahlen in Deutschland. Die "Welt" hat auf einer interaktiven Karte die Proteste und Straftaten gegen Asylbewerber seit Januar 2014 gesammelt.

Sachsen erscheint dort tiefrot, nirgendwo sonst sind so viele Einträge verzeichnet. Doch schon weit vor der Flüchtlingskrise, schon weit vor Pegida hatte das Land ein Problem mit rechten Strukturen, rechter Gewalt und rechten Einstellungen.

Die Studien zur "gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" ergaben für Sachsen in den 2000er Jahren besorgniserregende Befunde: Zwei Drittel der Befragten sagten, es gebe zu viele Ausländer in Deutschland.

Ein Drittel würde Muslimen den Zuzug verweigern. Rund 17 Prozent vertraten die Ansicht, Weiße seien zurecht führend in der Welt.

Bundesregierung verurteilt Übergriffe als "zutiefst beschämend".

All diese Werte lagen weit über denen aus altdeutschen Bundesländern. Den allerhöchsten Wert überhaupt verzeichnete Sachsen bei der Islamfeindlichkeit.

Das schlägt sich auch in den Wahlergebnissen nieder: Zusammen genommen erreichten die AfD, NPD und andere rechtspopulistische und rechte Gruppen in dem Freistaat im Durchschnitt etwa 15 Prozent bei den Landtags-, Kommunal- und Europawahlen im Jahr 2014.

Das Tal der Ahnungslosen

Warum aber ist Sachsen eine Hochburg der Rechten? Bernd Stracke muss bei dieser Frage seufzen. Die Ursachen sind vielfältig, viele haben historische Wurzeln. "Es hat viel mit dem Erbe der DDR zu tun", sagt Stracke, der schon mehrere Pegida-Demonstrationen beobachtet hat.

"Wenn ich da hingehe, sehe ich dieses DDR-Spießertum, dieses Kleinkarierte, mit einer bösartigen Sprache." Die Gegend um Dresden galt zu Ostzeiten als uninformiertes "Tal der Ahnungslosen", weil die Menschen dort kein Westfernsehen sehen konnten.

"Klar ist da was dran", sagt Stracke. "Wenn wir früher da hingekommen sind, haben wir gedacht: Mein Gott, die kriegen ja gar nichts mit."

Ironischerweise waren die Menschen im "Tal der Ahnungslosen" laut einer Studie die auf Stasi-Akten basiert unzufriedener mit dem DDR-Regime als ihre Mitbürger, die sich den Westen wenigstens ins Fernsehen holen konnten.

Auch in Dresden gab es Montagsdemonstrationen, allerdings wurden dort laut Frank Richter von der Bundeszentrale für Politische Bildung mehr sächsische Fahnen geschwenkt als schwarz-rot-goldene.

Richter machte im Gespräch mit dem Nachrichtenportal n-tv.de darauf aufmerksam, dass der sächsische Regionalpatriotismus extrem ausgeprägt sei.

Die NPD mischt mit

Die neue Regierungsform nach der Wende wurde wie auch im Rest der neuen Bundesländer häufig noch kritisch beäugt. "Hier hinten in Ostsachsen gibt es kaum gute Demokratieerfahrungen", sagt Bernd Stracke. "Die humanistischen Gedanken der friedlichen Revolution von 1989, die sind hier nicht richtig angekommen."

Stattdessen machten sich gleich nach der Wende rechte Strukturen in Sachsen breit. Franz Walter, Politikprofessor in Göttingen, hat in einem lesenswerten Essay am Beispiel von Freital aufgezeigt, wie die Rechten dabei eine Vakanz füllen, die nach der Zerschlagung sozialdemokratischer und zivilgesellschaftlicher Strukturen durch die SED entstanden war.

In dieser Zeit erstarkten vor allem Kameradschaften wie die berüchtigten "Skinheads Sächsische Schweiz". Solche Organisationen spielten auch eine mutmaßliche Rolle bei der Unterstützung des "Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU)", der seinen Unterschlupf in Zwickau in Sachsen hatte.

Im Jahr 2004 zog die NPD in den Dresdner Landtag ein, ein Schritt zur "Professionalisierung" der Strukturen, wie es Frank Richter von der Bundeszentrale für politische Bildung bei n-tv.de ausdrückte. "Seitdem konnten sie den Sockel des politischen Rechtsextremismus' festigen."

Vor allem linke Parteien und Gruppierungen bemängeln zudem seit Jahren, dass die Politik in Sachsen zu wenig gegen Rechts tut. Auch in der aktuellen Debatte um Clausnitz und Bautzen wird dieser Vorwurf erhoben. Tatsächlich steht die CDU von Ministerpräsident Stanislaw Tillich weiter rechts als in anderen Bundesländern.

Video von Vorfall in Sachsen zeigt, wie Frauen und Kinder vor Angst weinen.

Dazu kommen immer wieder Meldungen über eine Nähe zwischen Polizei und rechten Kräften – und Bilder wie die aus Clausnitz, als Polizisten wenig zimperlich mit minderjährigen Flüchtlingen umgingen.

Zwar hat sich die NPD im Landtag selbst zerfleischt, sie bleibt aber aktiv. "Gerade im ländlichen Raum fungiert die NPD bei den Pegida-Ablegern als Anmelder, die Leute sind aber im Erscheinungsbild nicht wahrnehmbar", sagt Bernd Stracke.

Die Teilnehmer der Demonstrationen wüssten nicht unbedingt, wem sie da folgen: "Auch wenn es komisch klingt: Das hat Volksfestcharakter. Die Menschen da sind hochmotiviert, die schwimmen auf einer Art revolutionärer Welle. Die fragen nicht nach, wer die Demonstration angemeldet hat oder wer da redet."

Keine guten Zukunftsaussichten

Sorgen machen Stracke genau diese Menschen: "Da laufen viele mit, die sind über 50, kommen aus der bürgerlichen Mitte, die haben Job, Haus und Auto." Warum sie mitlaufen? "Die haben Angst um ihre dörfliche Ruhe." Offenbar spielt die Abgeschiedenheit der sächsischen Dörfer eine Rolle bei den Protesten gegen Asylunterkünfte.

Frank Richter von der Bundeszentrale sagte, in den Dörfern herrsche teilweise eine Stimmung "wie in einer Männer-WG". Rassismus und Vorurteile könnten so gut gedeihen.

Stracke merkt an, dass es oft kein Korrektiv gebe. "Viele junge Leute ziehen weg, weil es an Kultur mangelt, an Angeboten für die Jugend. Gerade in diesem Bereich spart Sachsen ein. Und wer wegzieht, kommt nicht zurück", sagt er. "Diese Leute fehlen uns: Junge, dynamische, gut gebildete Menschen."

Das sei in vielen Bereichen problematisch: In der Wirtschaft, weil Familienfirmen nicht mehr übernommen würden. In der Zivilgesellschaft, wo die Führungsstrukturen der Vereine überaltert seien. Und in der Politik, in der ein Generationenwechsel mit weltoffenen und liberaleren Ideen überfällig sei.

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