Tausende Menschen schlafen bei Temperaturen unter Null auf dem kalten, feuchten Erdboden. Die syrischen Flüchtlinge harren an der Grenze zur Türkei aus. Bringt ein Treffen von Angela Merkel mit Staatschef Erdogan eine Lösung?

Nur einige hundert Meter liegen für Anas al-Chatib zwischen der tödlichen Gefahr durch Luftschläge und der Chance auf Sicherheit und Schutz. Doch die türkische Grenzstation Öncüpinar ist geschlossen, und wie viele andere syrische Flüchtlinge kann er nur eines tun - warten.

Während Merkel und Davutoglu über Flüchtlinge sprechen, ertrinken in der Ägäis wieder Menschen, wird die Lage Zehntausender an der türkisch-syrischen Grenze immer verzweifelter.

"Die humanitäre Lage hier ist wirklich dramatisch", sagt der 20-Jährige am Telefon von der syrischen Seite der Grenze. "Die Menschen fühlen sich an der Grenze nicht sicher. Es ist gefährlich hier", fügt er hinzu.

Zehntausende Flüchtlinge warten an der Grenze

Unter freiem Himmel harren die Flüchtlinge aus, in Wind und Wetter. Familien versuchen, unter Bäumen Schutz zu finden. Sie wickeln ihre Kinder in Decken ein, damit zumindest sie es warm haben.

"Die Menschen haben nur die Kleider, die sie am Leib tragen", beschreibt Al-Chatib die Lage. "Viele haben nicht einmal Taschen. Sie sind nur mit dem weggelaufen, was sie haben."

Er hofft, dass die Türkei ihm und den Zehntausenden anderen Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem umkämpften Aleppo doch noch Einlass gewährt. Nach unterschiedlichen Angaben warten seit Tagen zwischen 30.000 und 50.000 Menschen in der Nähe der syrischen Stadt Asas.

Die türkische Führung rechnet laut Medienberichten mit rund 70.000 Schutzsuchenden und will die Flüchtlinge zunächst auf der syrischen Seite der Grenze versorgen. Zelte, Wasser und Essen werden über die Grenze geliefert, aber die Hilfsgüter reichen nicht aus. Die Menschen streiten sich um Brot.

Seit Jahresbeginn kamen knapp 70.000 in Griechenland an.

Die Flüchtlinge fühlen sich gefangen - fallen gelassen von ihren Verbündeten in der Türkei und im Westen. Von einer Seite droht Beschuss durch Regierungstruppen, auf der anderen lauert die Terrormiliz Islamischer Staat.

"Unsere Freunde haben uns im Stich gelassen", sagt Mahmud. Er hält seine vier Monate alte Tochter Amina im Arm. "Wir wollen eine Lösung für diesen Krieg. Die Europäer und Amerikaner schicken uns Zelte und Essen, aber das ist nicht die Art von Hilfe, die wir brauchen."

Vor zwei Wochen sei sein Haus in der Provinz Aleppo bei einem Luftangriff zerstört worden. Mit seiner Mutter, Frau und Baby Amina überquerte er illegal die Grenze in die Türkei. 500 US-Dollar verlangten die Menschenschmuggler dafür. Aber auch diese Routen seien jetzt unpassierbar.

Jeden Tag habe es Explosionen gegeben, erzählt er über die letzten Tage in seinem Dorf. "Es waren Hunderte, jeden Tag - Luftschläge, Splitterbomben, Mörsergranaten." Nervös fingert er an dem Kohleofen, der in dem von der Familie gemieteten kleinen Kellerraum steht.

2,5 Millionen Syrer in der Türkei

In Aleppo bereiten sich Tausende Menschen auf die Flucht vor, die Armee ist mit russischer Luftunterstützung weiter in Richtung der Großstadt vorgerückt. Die Türkei beherbergt jetzt schon etwa 2,5 Millionen syrische Flüchtlinge, sollten die Grenzen geöffnet werden, könnten viele Tausend weitere folgen.

"Ich bin der Meinung, dass Europa seine Grenzen für uns öffnen muss, das würde helfen", sagt ein Aktivist am Telefon aus Aleppo. "Die Türkei kann nicht alle aufnehmen. Es sind zu viele Flüchtlinge."

Am Montag wird Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan über Begrenzung der Zahl der Flüchtlinge sprechen, die über die Türkei in die Europäische Union weiterziehen.

Mahmud, mittlerweile in Sicherheit in der Türkei, hat ein schlechtes Gewissen, dass er seine Heimat verlassen hat. "Wenn alle weggehen, dann überlassen wir das Land letztendlich dem IS", sagt er.

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