Vergewaltigt und misshandelt - bis zu 1.000 traumatisierte IS-Opfer will Baden-Württemberg aus dem Nordirak nach Deutschland holen. Niedersachsen beteiligt sich ebenfalls, Hessen denkt darüber nach. Sicherheit ist bei der Arbeit in Dohuk das oberste Gebot.

Die Fahrer sind bewaffnet, die Fahrzeuge gepanzert, ohne Personenschutz geht keiner der Beamten aus Deutschland im nordirakischen Dohuk auf die Straße. "Das ist ein Kriegsgebiet - ob man will oder nicht", sagt der baden-württembergische Psychologe und Trauma-Experte Jan Ilhan Kizilhan. Gemeinsam mit elf Kollegen arbeitet er für die grün-rote Landesregierung in Stuttgart. Sie will in einem bundesweit einzigartigen Projekt bis zu 1.000 traumatisierte Opfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aus dem Nordirak nach Deutschland holen. Doch nicht nur die Sicherheitslage fordert das deutsche Team in Dohuk nahe der türkischen Grenze.

Im Oktober 2014 verkündete Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) das Sonderprogramm. Mittlerweile werden 436 sexuell missbrauchte Frauen und Kinder in Baden-Württemberg betreut, dazu 64 in Niedersachsen, wie das Staatsministerium in Stuttgart mitteilt. Schleswig-Holstein wolle sich ebenfalls einbringen. Hessen diskutiert noch eine mögliche Beteiligung.

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Rund alle zwei Wochen kommt ein Team mit fünf oder sechs Beamten für eine Woche nach Dohuk. Die Männer und Frauen arbeiten in einer Vier-Zimmer-Wohnung der Osnabrücker Hilfsorganisation Luftbrücke Irak.

Sarah - schwarze Haare, braunes Kopftuch, schwarzer Rock - sitzt vor Kizilhans Schreibtisch. Sie erzählt, wie sie von IS-Terroristen verschleppt wurde, verkauft, vergewaltigt, geschlagen. Und wie sie in der Geiselhaft überlegt hat, sich umzubringen. Die 20-Jährige gehört der religiösen Minderheit der Jesiden an. Sie werden vom IS als "Ungläubige" und "Teufelsanbeter" verfolgt, weil sie neben Gott unter anderem an den "Engel Pfau" glauben.

Bei Überfällen auf jesidische Dörfer im August 2014 verschleppten IS-Kämpfer mehr als 7.000 Frauen und Mädchen, wie Kizilhan sagt. Mittlerweile hätten rund 2.000 Frauen fliehen können oder seien von der Regierung freigekauft worden. Das Programm richtet sich allerdings nicht nur an Jesiden.

Die Namen der Frauen, die in Deutschland Hilfe und eine neue Zukunft finden sollen, kommen vom Gesundheitsamt, der Regierung, von Hilfsorganisationen und von den Betroffenen selbst, die sich bewerben. Manche Frauen hat Kizilhan in den Camps gesucht. Über die Frauen werden Akten angelegt - 1.200 bisher. Eine Frauenärztin untersucht sie. Ziel sei es, besonders schwere Fälle nach Deutschland zu holen, sagt Kizilhan. Das jüngste vergewaltige Mädchen sei acht Jahre alt gewesen. Der promovierte Orientalist und Psychologe spricht den Dialekt der Frauen, Kurmandschi, und ist getaufter Jeside.

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Entscheidend für die Teilnahme an dem Programm sei, dass die Frauen und Kinder in IS-Geiselhaft gewesen waren, traumatisiert seien und ihnen in Deutschland geholfen werden könne, sagt der 48-Jährige. Projektleiter Michael Blume betont, dass stets der Traumafachmann, er und eine Visa-Kollegin über die Aufnahme in das Programm entschieden. Kizilhan empfiehlt IS-Opfer Sarah für das Projekt.

Manche versuchen, an dem Leid der Frauen auch noch zu verdienen. Einmal habe ein Jeside versucht, Frauen Geld für eine Vermittlung in das Programm abzuknöpfen, erzählt Blume. Mehrfach sei ihnen nahegelegt worden, Geld für Genehmigungen zu zahlen. Korruption ist im Irak allgegenwärtig.

95 Millionen Euro stellt Baden-Württemberg in den kommenden drei Jahren für die Versorgung der Frauen bereit. "Wir sind der Überzeugung, dass das (Sonderkontingent) richtig und wichtig ist", sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) im vergangenen Jahr. Es gehe darum, geschundenen Frauen zu helfen.

Die im Nordirak tätige Jiyan Foundation sieht das Programm kritisch. "Wir sind der Meinung, wenn man die Leute im Land rehabilitieren kann, dann sollte man das auch tun", sagt die Projektkoordinatorin für den Irak, Friederike Regel.

Die kurdische Seite lobt das Projekt hingegen. Der Direktor der Gesundheitsbehörde in Dohuk, Nezar Ismet Taib, fordert allerdings mehr Informationen darüber, wie es den Frauen in Deutschland gehe.

Das größte Problem für das Kontingent waren die Visa gewesen, sagt der Traumatologe. Nur eine Handvoll konnte das Generalkonsulat in Erbil pro Woche ausstellen. Nun bereitet das Team alle Unterlagen selbst vor - die Geräte dafür stellt das Auswärtige Amt. Dadurch könne das Generalkonsulat in zwei Wochen bis zu 80 Visa erstellen, sagt eine Mitarbeiterin.

Die 20-jährige Sarah hofft nun darauf, bald nach Deutschland zu kommen. Sie will die Schule beenden und studieren. "Sie hat hier nichts mehr", übersetzt Kizilhan. "Es gibt für sie keinen Grund, in diesem Land zu bleiben, das ihr nur Schlimmes gebracht hat."© dpa