Es fehlt an Polizisten, Übersetzern und vor allem an Zeit: Der Start des EU-Flüchtlingsabkommens mit der Türkei hat Griechenland am Sonntag ins Straucheln gebracht. Der von den Staats- und Regierungschefs ausgehandelte Plan lasse sich nicht "in nur 24 Stunden" umsetzen, sagte Griechenlands Koordinator für Einwanderungspolitik, Giorgos Kyritsis, der Nachrichtenagentur AFP. Auf den griechischen Inseln trafen erneut zahlreiche Flüchtlingsboote ein.

Eigentlich gilt seit Sonntag die zwischen Ankara und Brüssel geschlossene neue Rücksendevereinbarung. Darin hat sich die Türkei verpflichtet, Flüchtlinge, die auf illegalem Weg von ihrem Staatsgebiet nach Griechenland gelangen, wieder zurückzunehmen. Für jeden in die Türkei zurückgebrachten syrischen Flüchtling will die EU einen Flüchtling aus dem Land aufnehmen.

Die griechische Regierung steht nun vor der Mammutaufgabe, alle eintreffenden Flüchtlinge zu registrieren. Die tatsächliche Rücksendung soll laut Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 4. April beginnen. Um Griechenland die Aufgabe zu erleichtern, sollen 2300 Sicherheits- und Rechtsexperten vor Ort eingesetzt werden. Die Bundesregierung und Frankreich wollen bis zu 600 Experten schicken, sobald die griechische Regierung ihren Bedarf konkretisiert hat.

Abkommen mit Türkei ist in Kraft, doch viele Details sind ungeklärt.

Regierungskoordinator Kyritsis sagte nun, bei einer Kabinettssitzung am Samstagnachmittag sei zwar ein Plan aufgestellt worden und Regierungschef Alexis Tsipras habe dabei auch die sofortige Umsetzung des Abkommens gefordert. "Aber de facto braucht man Strukturen, das Personal muss vorbereitet sein und das dauert ein bisschen länger als 24 Stunden", gab der Koordinator zu bedenken.

Große organisatorische Herausforderungen

"Wir wissen noch nicht, wie wir die Beschlüsse in der Praxis handhaben sollen", sagte auch ein Polizeivertreter auf Lesbos zu dem Dilemma. "Wir warten vor allem dringend auf das von der EU versprochene Personal, um die Asylgesuche rasch bearbeiten zu können, die Übersetzer, Anwälte, Polizisten", fuhr er fort. "Allein schaffen wir das nicht." Die Regierung stellte unterdessen Fähren bereit, um die Flüchtlinge von den Inseln in Lager aufs Festland zu bringen.

Die Zahlen sind erdrückend: Offiziellen Angaben vom Wochenende zufolge harren derzeit rund 47.500 Flüchtlinge in Griechenland aus, davon mehr als 8000 auf den griechischen Inseln und etwa 10.500 in dem notdürftigen Massenlager in Idomeni an der verriegelten mazedonischen Grenze.

Ungeachtet der drohenden Rücksendung erreichten am Sonntag außerdem etliche weitere Flüchtlinge die griechischen Inseln. Allein auf Lesbos trafen 15 Boote mit jeweils rund einem Dutzend Schutzsuchenden ein. Der Behörde von Koordinator Kyritsis zufolge waren es am gesamten Wochenende fast 900 Menschen. Polizei und Rettungskräften zufolge starben bei der Überfahrt mindestens vier Flüchtlinge: Zwei kleine Mädchen ertranken vor der Insel Ro, zwei syrische Flüchtlinge erlitten bei ihrer Ankunft auf Lesbos eine tödliche Herzattacke.

Flüchtlingszahlen gehen stark zurück - viele Quartiere sind nicht ausgelastet.

Kritik an Deal mit der Türkei

Politische Vertreter und Menschenrechtsorganisationen hatten den EU-Deal mit der Türkei und die damit verbundenen Zugeständnisse an Ankara kritisiert. Das Abkommen soll den Weg über die Ägäis nach Europa abschneiden und Schleppern auf diese Weise das Handwerk legen. Angesichts der Bedenken von Menschenrechtsaktivisten garantiert die EU, dass es keine Massenabweisungen geben wird, sondern jeder Betroffene ein Recht auf eine Einzelfallprüfung samt Klagemöglichkeit hat.

Aus Protest gegen die EU-Flüchtlingspolitik gingen am Samstag in zahlreichen europäischen Städten tausende Menschen auf die Straße. Unter anderem in London, Athen, Wien, Barcelona, Amsterdam sowie in mehreren Schweizer Städten solidarisierten sich die Demonstranten mit den Schutzsuchenden. Europa wird derzeit von der größten Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg beherrscht.© AFP