Berlin (dpa) - Eine Herausforderung sind die immer zahlreicheren Flüchtlinge für das Land - aber auch ein Gewinn, betonen Politiker immer wieder. Was steckt hinter dieser Formel?

Milliardenkosten kommen auf Bund, Länder und Kommunen wegen der immer zahlreicheren Flüchtlinge zu. Doch sie bringen dem Land auch etwas. Welche Aspekte dabei jetzt im Vordergrund stehen.

Welche Kosten entstehen für Sozial- und Vermittlungsleistungen?

Bis zu 3,3 Milliarden Euro werden 2016 laut Bundessozialministerium an Sozialleistungen, Deutschkursen, Qualifizierungen für Flüchtlinge gebraucht - bis 2019 könnte der Bedarf auf sieben Milliarden Euro steigen. Die Summe ist abhängig davon, wie viele Asylbewerber anerkannt werden, wie umfangreich Bleibende in den Jobmarkt vermittelt werden können und wie viele Familienmitglieder nachkommen.

Was brauchen die Kommunen vom Bund für Unterbringung und Versorgung?

Bisher sind eine Milliarde Euro für dieses Jahr vorgesehen. SPD-Chef Sigmar Gabriel geht davon aus, dass der Bedarf "eher drei" Milliarden beträgt. Bund und Länder verhandeln im September auch über die dauerhafte Unterstützung des Bundes während der kommenden Jahre.

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Wie ist die Finanzlage des Staats?

Gut. 21 Milliarden Euro Überschuss erzielten Bund, Länder, Kommunen und Sozialversicherungen im ersten Halbjahr. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) meinte bereits, am Geld werde das Meistern der Herausforderungen nicht scheitern.

Sind Flüchtlinge für Deutschland vor allem ein Kostenfaktor?

Nicht nur. "Wenn man die Geldflüsse insgesamt ansieht, ist die Bilanz nicht unbedingt negativ", sagt Ulrich Kober, Programmdirektor Integration und Bildung der Bertelsmann Stiftung. "Man kann die Mittel, die wir heute ausgeben, auch als Investitionen sehen, die das Land später zurückbekommt." Manche Ökonomen erwarten zudem positive konjunkturelle Einflüsse, wenn etwa der Wohnungsbau angekurbelt wird.

Gibt es Kosten-Nutzen-Rechnungen zur Migration?

Ja - zur aktuellen Lage können offizielle Stellen allerdings nicht mit konkreten Analysen dieser Art aufweisen. Laut einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung sorgten die 6,6 Millionen Menschen ohne deutschen Pass 2012 aber für einen Überschuss von insgesamt 22 Milliarden Euro. "Jeder Ausländer zahlt demnach pro Jahr durchschnittlich 3300 Euro mehr Steuern und Sozialabgaben, als er an staatlichen Leistungen erhält", heißt es in der Studie. Die Autoren betonten: "Je besser qualifiziert die Zuwanderer, desto höher ihr Beitrag zur Finanzierung der öffentlichen Kassen."

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Warum fordert die Wirtschaft gesteuerte Zuwanderung und leichtere Arbeitsaufnahme für Asylbewerber?

Nach einer anderen Bertelsmann-Studie braucht Deutschland bis 2050 pro Jahr zwischen 276 000 und 491 000 Menschen aus Nicht-EU-Staaten zur Deckung des Bedarfs an Arbeitskräften. Denn dann wird der demografische Wandel immer stärker spürbar - und Zuwanderung aus EU-Ländern nimmt ab, weil das Älterwerden auch dort die Bevölkerung schrumpfen lässt.

Sind die Flüchtlinge also die Lösung für die Arbeitsmarktprobleme?

"Es wäre eine Augenwischerei zu behaupten, durch die Zuwanderung würde von heute auf morgen etwa der Fachkräftemangel beseitigt", sagt Kober. "Bei den derzeit in großer Zahl zu uns kommenden Menschen muss Deutschland seinen humanitären Verpflichtungen gerecht werden." Die Debatte, ob man Kosten und Gewinn in dem Bereich überhaupt aufrechnen sollte, ist nicht neu - bereits im Dezember hatte sich der Deutschen Städte- und Gemeindebund dagegen gewandt.

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Welche aktuelle Erfahrungen gibt es in dem Bereich auf dem Jobmarkt?

Aus den 15 Ländern, aus denen die meisten Asylbewerber kommen, waren im Juni laut Bundesagentur für Arbeit (BA) insgesamt 486 000 Beschäftigte registriert. Das sind sieben Prozent mehr als vor einem Jahr. Bei Syrern betrug der Anstieg 39 Prozent. Die Zahl der Arbeitslosen aus diesen Ländern erhöhte sich im Vorjahresvergleich um 18,4 Prozent auf 161 000, auch hier am stärksten bei den Syrern.

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Auf was kommt es der Regierung jetzt bei vor allem an?

Arbeitsministerin Nahles und BA wollen schnell mehr Mittel für Deutschkurse und die gezielte Ermittlung von Qualifikationen der Flüchtlinge nach der Ankunft. So soll das Programm "Early Intervention" stark ausgeweitet werden. Hier geht die BA - bisher nur in Modellprojekten - gezielt auf Flüchtlinge zu, um sie nach ihren Fähigkeiten gezielt zu fördern. Experte Kober sagt: "Das ist nicht leicht, aber zahlt sich aus."© dpa