Frostige Stimmung zwischen Österreich und Bayern: Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) forderte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auf, wegen des unkoordinierten Zustroms über die bayerische Grenze umgehend mit Österreichs Regierung zu sprechen. Am Grenzübergang Spielfeld stellt man unterdessen klar, dass es dort ein "Durchwinken" nie gegeben habe.

"Es ist Aufgabe der Bundeskanzlerin, mit Österreich zu reden", sagte Horst Seehofer der "Passauer Neuen Presse". "Die wichtigste Maßnahme, die sofort zu treffen wäre, wäre ein Telefonat der Bundeskanzlerin mit Österreichs Kanzler Werner Faymann."

Schließlich habe ein Telefonat der beiden Regierungschefs auch die Politik der offenen Grenzen eingeleitet, argumentierte Seehofer.

Lage an der deutsch-österreichischen Grenze fast außer Kontrolle.

"So darf man nicht miteinander umgehen"

"Dieses Verhalten Österreichs belastet die nachbarschaftlichen Beziehungen. So kann und darf man nicht miteinander umgehen", kritisierte Seehofer das Nachbarland in der "PNP" scharf. In Bayern beklagen Behörden unter anderem, dass Österreich entgegen Absprachen ohne Vorankündigung Tausende Flüchtlinge an die bayerische Grenze bringt. Das unabgestimmte Durchwinken von Flüchtlingen auf der sogenannten Balkanroute müsse sofort beendet werden, so Seehofer.

Bis Allerheiligen werde er noch abwarten, ob die bayerischen Forderungen nach einer Steuerung und Begrenzung der Zuwanderung in Berlin Gehör fänden, sagte Seehofer weiter. "Sollte ich keinen Erfolg haben, müssen wir überlegen, welche Handlungsoptionen wir haben", fügte er mit Blick auf schon früher angedrohte "Notwehrmaßnahmen" hinzu.

"Rücksichtsloses Verhalten"

"Rücksichtsloses Verhalten in der Flüchtlingskrise" warf auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) den österreichischen Behörden vor: "Da wird nur auf möglichst schnellen Durchzug geschaltet, und das können wir so nicht akzeptieren", sagte Herrmann er am Dienstag dem Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Radiowelt am Morgen). "Ich habe das so mit Österreich noch nie erlebt", so Herrmann. Falls sich dies nicht grundlegend ändere, "dann müssen wir in der Tat, auch zum Schutze der Bundesrepublik Deutschland, auch zum Schutz unserer inneren Sicherheit, an der Grenze noch wesentlich restriktiver verfahren".

Polizei: Kein Durchwinken in Spielfeld

Am österreichisch-slowenischen Grenzübergang Spielfeld betont man, dass die Kritik eines "Durchwinkens auf der Balkanroute" dort nicht zutreffe: "Diese Praxis eines 'Durchwinkens' hat es vom Tag eins bis heute bei uns nicht gegeben", stellt Christoph Grill von der Landespolizeidirektion Steiermark im Gespräch mit unserer Redaktion klar. Flüchtlinge seien von Spielfeld weiter in die österreichischen Bundesgebiete gebracht worden, wo dann mit Deutschland der Weitertransport vereinbart worden sei.

Zwischen Österreich und Slowenien spielen sich dramatische Szenen ab.

Zu Berichten, nach denen die Grenzbeamten aufgrund des Zustromes immer wieder die Absperrungen geöffnet hätten, erklärt Grill: Es sei zu "Trichterformationen" gekommen, in denen sich Flüchtlinge anstellten und die Beamten den Trichter schließlich öffnen mussten, wenn der Andrang zu stark wurde. "In solchen Situationen hätten wir Gewalt anwenden müssen, was nicht unsere Vorgabe ist, und haben daher den Engpass geöffnet."

Menschen seien daraufhin auf der Bundesstraße in Richtung Graz unterwegs gewesen - "jedoch in Begleitung von österreichsicher Polizei und Bundessheer", wie Grill betont. Bilder von Flüchtlingen auf Zuggleisen hätten daher einen falschen Eindruck vermittelt: "Wir haben diesen Menschen nicht einfach die Schleusen geöffnet und nichts weiter unternommen. Auch wenn sie in ständigem Austausch über soziale Medien sind, erliegen sie doch immer wieder dem Irrtum, Deutschland sei bereits greifbar nah." Mit Bussen habe die Polizei die Strecke immer wieder abgefahren und Flüchtlinge in Notquartieren untergebracht: "Sie waren froh, denn sie wussten ja letztlich nicht, wohin", so Grill.

Flüchtlinge im Niemandsland: "We want to go!"

Dass der Zustrom am Balkan ungebrochen ist, zeigen Zahlen, die die slowenische Polizei am Dienstag veröffentlichte: Demnach reisten in der vergangenen Woche (20. bis 26. Oktober) rund 58.000 Flüchtlinge über Slowenien nach Österreich ein. Am Dienstagmorgen um 6:00 Uhr befanden sich noch mehr als 14.600 in Slowenien.

Laut Informationen der dpa verbrachten an der österreich-slowenischen Grenze wieder mehrere Hundert Flüchtlinge die Nacht zum Dienstag im Freien. Sie seien von slowenischen Soldaten direkt an die Grenze geschickt, von den österreichischen Grenzern aber abgewiesen worden, sagten mehrere Flüchtlinge, die in einer Art Niemandsland festsaßen. Sie hätten keinerlei Nahrung oder Wasser erhalten. Um sich vor der Kälte zu schützen, entzündeten sie Lagerfeuer. In der eingezäunten Menschenmenge waren viele Familien mit kleinen Kindern. Wiederholt riefen die Flüchtlinge im Sprechchor: "We want go!" (Wir wollen gehen!).

Die aktuelle Lage beschreibt die Landespolizei Steiermark Dienstagmittag als "ruhig": Derzeit befänden sich 1.900 Flüchtlinge in Spielfeld und 600 in Bad Radkersburg, wo im Laufe des Dienstags noch weitere 1.000 erwartet werden. Der Abtransport laufe und funktioniere im Moment gut.

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Flüchtlinge: Krise in Spielfeld spitzt sich zu

Der österreichisch-slowenischen Grenzübergang Spielfeld entwickelt sich immer mehr zum Krisenherd. Grenzbeamte kapitulierten am Freitag erneut vor dem Ansturm und ließen Flüchtlinge über die Grenze strömen. Die Sorge vor Tumulten und Gewalt war zu groß.