Die EU versagt bisher in der Flüchtlingskrise - nun kommen die Staats- und Regierungschefs zum Gipfel zusammen. In einem Entwurf ist vermerkt, dass die Westbalkanroute nun geschlossen ist. Ein Überblick über weitere Ziele und Forderungen.

Der Druck wächst. Weil sich in Idomeni, Piräus und anderen Orten in Griechenland menschliche Dramen abspielen, an deren Bilder sich keiner gewöhnen möchte. Kinder, Frauen, Alte - zu Tausenden im Dreck, hilflos in der Sackgasse: Die Flüchtlinge haben es in die EU geschafft, aber nun kommen sie nicht weiter, weil die Grenzen dicht sind. Der Druck wächst, weil am Sonntag schon wieder 18 Flüchtlinge in der türkischen Ägäis ertrunken sind.

Aber auch, weil die Bürger der meisten anderen 27 Mitgliedstaaten in der Flüchtlingskrise immer unzufriedener mit ihren Regierungen und der EU werden. Ganz besonders spürt das im Moment die deutsche Kanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel, knapp eine Woche vor drei wichtigen Landtagswahlen.

Griechenland verhandelt mit Türkei wohl über ein Schnellverfahren.

Schafft es Europa, die Flüchtlingskrise in den Griff zu bekommen - oder schafft die Krise Europa?

Das klingt pathetisch, aber um nicht weniger geht es im Kern. Nie hat die EU ein so miserables Bild abgegeben wie zurzeit. Manche Mitgliedstaaten haben ihre Grenzen inzwischen fast komplett geschlossen, andere gar nicht. Einige Länder nahmen Hunderttausende Flüchtlinge auf, Deutschland im vergangenen Jahr alleine gut eine Million - insbesondere in Osteuropa will man am liebsten gar keine Migranten aus Afrika oder dem Orient.

Wenn sich am Montag die 28 Staats- und Regierungschefs in Brüssel zum Gipfel treffen, müssen Ergebnisse her. Und seien sie noch so klein. Andernfalls sieht es wirklich düster aus für die EU. Auch deshalb hat man den türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu zu einer Art Vor-Gipfel geladen. Denn auf der Türkei ruhen die Hoffnungen derjenigen, die immer noch auf eine europäische Lösung hoffen.

Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Was soll beschlossen werden?

Aus dem Entwurf der Gipfelerklärung, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, wird eines klar: Die EU will zum einen die Außengrenzen, vor allem von Griechenland zur Türkei, so rasch wie möglich effektiv schützen - und zum anderen Athen bei der Unterbringung und Versorgung der dort gestrandeten Flüchtlinge massiv Hilfe leisten. Die sogenannte Westbalkanroute, auf der in den vergangenen Monaten ein Großteil der Flüchtlinge von Griechenland aus zunächst nach Mazedonien und dann weiter gen Norden gezogen war, "ist nun geschlossen", heißt es im Entwurf.

EU-Regierungschefs: Flüchtlinge sollen nicht mehr über den Balkan einreisen.

Keine guten Nachrichten für die Griechen, die deshalb nicht alleingelassen werden sollen. Der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger drückt es so aus: "Man muss nicht der beste Freund der griechischen Regierung sein, aber man muss dem Land jetzt helfen. Die Griechen seien "die Leidtragenden in Folge der chaotischen Zustände an der Balkanroute", so der CDU-Politiker.

Griechenland soll einerseits finanzielle Hilfen erhalten, heißt es in der vorläufigen Abschlusserklärung. Gleichzeitig sollen die Griechen personell und logistisch bei ihren sogenannten Hotspots unterstützt werden, also den Erstregistrierzentren für Flüchtlinge. Und Brüssel will Athen dabei helfen, Flüchtlinge, die keine Aussicht auf Verbleib in der EU haben, in die Türkei zurück zu führen.

Zudem wollen sich Deutschland und Österreich dafür einsetzen, dass aus dem schon vereinbarten Programm zur Verteilung von 160.000 Flüchtlingen innerhalb der EU Griechenland deutlich entlastet wird.

Die EU-Mitglieder sollen sich dem Papier zufolge auch bemühen, bis Ende des Jahres wieder "einen normal funktionierenden Schengenraum wiederherzustellen", also die Kontrollen an den Binnengrenzen zu beenden.

Wieso gibt es ein Vortreffen mit dem türkischen Premier?

Die Türkei steht, obschon kein Mitgliedstaat, sogar noch mehr im Fokus als Griechenland - deshalb das Vortreffen mit Ministerpräsident Davutoglu. Am Sonntagabend kamen Kanzlerin Merkel, ihr türkischer Kollege und der niederländische Regierungschef Mark Rutte sogar noch zu einem Vor-Vortreffen zusammen. Auch wenn Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn sagt: "Wir können unser Schicksal nicht allein in die Hände der Türkei legen. Unser eigenes Durcheinander wird die Türkei nicht lösen."

Doch die Sicherung der griechischen EU-Außengrenze kann am Ende nur funktionieren, wenn die Türkei mitspielt: Allein im Februar kamen nach Uno-Angaben 55.222 aus der Türkei kommende Flüchtlinge auf den griechischen Ägäis-Inseln an. Alleine 2,7 Millionen aus Syrien Geflüchtete leben Schätzungen zufolge in türkischen Lagern.

Flüchtlingszuzug hält an - Lage an Grenze zu Mazedonien bleibt prekär.

Dort sollen sie nach Möglichkeit auch bleiben. Damit das passiert, will man Ankara im Rahmen des sogenannten EU-Türkei-Aktionsplans zunächst knapp drei Milliarden Euro zur Verbesserung der Lebensbedingungen in den Lagern geben. Gleichzeitig soll Ankara möglichst viele Flüchtlinge, die bereits in der EU sind, wieder zurücknehmen - vor allem aus Griechenland. Die Türkei soll dafür am besten zum sicheren Drittstaat erklärt werden; im Entwurf der Abschlusserklärung ist davon allerdings noch keine Rede. Ohnehin wird die Zusammenarbeit mit der Türkei angesichts der jüngsten Ereignisse in Ankara eine immer delikatere Angelegenheit.

Zudem setzt die EU, auch wenn das nicht explizit erwähnt wird in dem Papier, große Hoffnungen auf den geplanten Nato-Einsatz in der Ägäis: Dabei sollen Flottenverbände Griechen und Türken dabei helfen, die Schlepper aufzubringen. "Die Nato ist das Dach, unter dem Griechen und Türken endlich zusammenarbeiten können", sagt Elmar Brok, Chef des Auswärtigen Ausschusses im Europaparlament.

Zum Plan gehört auch, dass man Flüchtlinge auf legalem Wege in die EU holt, um die Türkei zu entlasten. Von der Idee, solche Kontingente innerhalb aller Mitgliedstaaten zu verteilen, ist man inzwischen abgerückt - nun soll das nur noch die sogenannte Koalition der Willigen untereinander tun. Deshalb ist die Kontingent-Frage auf dem Gipfel offiziell kein Thema, auch von Kanzlerin Merkel ist im Vorfeld zu dieser Frage nichts zu hören.

Das Motto und die Hoffnung lauten offenbar: Erst mal die Außengrenzen schützen, dann sieht man weiter.

Wie geht es weiter?

Das hängt auch davon ab, inwiefern es zu den erhofften (Mini-)Ergebnissen auf dem Gipfel kommt. Das nächste Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs steht jedenfalls schon wieder vor der Tür: Es findet am 17. März statt. Bis dahin hängt viel davon ab, ob der Druck - an allen Ecken - ein bisschen nachlässt.

Zusammengefasst: Der EU rennt die Zeit davon, um die Flüchtlingskrise in den Griff zu bekommen - nun soll der Gipfel der Staats- und Regierungschefs in Brüssel erste Ergebnisse verabschieden. Laut einem Entwurf wird die Schließung der Balkanroute erklärt. Eine Schlüsselrolle kommt der Türkei zu. Europapolitiker fordern zudem, Griechenland stärker zu unterstützen. © SPIEGEL ONLINE