In der Unionsfraktion sehen viele den Flüchtlingskurs der Kanzlerin kritisch. Doch einen Antrag zur Grenzschließung soll es nun erstmal nicht geben. Ganz zurückstecken wollen die parteiinternen Kritiker aber auch nicht. Dafür hagelt es immer mehr Kritik aus der SPD - auch von Altkanzler Gerhard Schröder. Verteidigt wird Merkel hingegen von Ex-Außenminister Joschka Fischer.

Die unionsinternen Kritiker des Flüchtlingskurses von Angela Merkel (CDU) wollen eine offene Konfrontation mit der Kanzlerin zunächst vermeiden.

Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur in Berlin werden zahlreiche Mitglieder der Unionsfraktion einen Brief unterzeichnen, in dem sie ihre Sorgen über die Entwicklung in der Flüchtlingskrise zum Ausdruck bringen.

Bayerischer Landrat bringt Flüchtlinge nach Berlin - und erntet Kritik.

Der Inhalt soll nicht veröffentlicht werden. Das Schreiben dürfte Merkel Anfang kommender Woche erreichen. Er sei das Ergebnis gemeinsamer Überlegungen von Mitgliedern verschiedener Fraktions-Arbeitsgruppen, hieß es weiter.

Auf eine Unterschriftenaktion für einen eigenen Antrag, mit dem die Bundesregierung von der Unionsfraktion aufgefordert werden sollte, Flüchtlinge bereits an der Grenze abzuweisen, dürfte demnach zunächst verzichtet werden.

40 von 310 Unionsabgeordnete haben Brief unterschrieben

Die "Bild"-Zeitung hatte berichtet, die Kritiker wollten über einen solchen Antrag bei der nächsten Fraktionssitzung am 26. Januar abstimmen lassen. Bisher hätten sich mehr als 40 der 310 Unionsabgeordneten an einer entsprechenden Unterschriftenaktion beteiligt.

56 Parlamentarier der Bundestagsfraktion gehören der CSU an, die seit Monaten für eine härtere Asylpolitik eintritt.

Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) hatte am Mittwoch trotz der wachsenden Unruhe erklärt, eine klare Mehrheit in der CDU/CSU-Fraktion stütze den Kurs Merkels.

Talk bei Maybrit Illner: In Debatte um kriminelle Flüchtlinge regiert Angst.

In der ARD hatte Kauder am Mittwoch eingeräumt, es gebe unter den Abgeordneten unterschiedliche Auffassungen, wie die Zahl der nach Deutschland kommenden Schutzsuchenden reduziert werden könne.

Merkels Maßnahmen gehen Kritikern nicht weit genug

Merkel hatte sowohl beim Karlsruher CDU-Parteitag Mitte Dezember als auch bei der Vorstandsklausur der Partei am vergangenen Wochenende in Mainz klaren Rückhalt für ihren Kurs erhalten.

Die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende setzt zur Reduzierung der nach Deutschland kommenden Flüchtlinge unter anderem auf eine Bekämpfung der Fluchtursachen, eine engere Zusammenarbeit mit der Türkei zur Überwachung der EU-Außengrenzen sowie eine solidarische Verteilung der Schutzsuchenden unter den EU-Mitgliedsstaaten.

Internen Kritikern Merkels gehen die Fortschritte in diesen Bereichen aber nicht schnell genug. Der CDU-Parteitag hatte einen Antrag, der Zurückweisungen an der Grenze forderte, klar abgelehnt.

Am Dienstag hatte es in der Fraktionssitzung nach Teilnehmerangaben eine kontroverse zweieinhalbstündige Diskussion über die Flüchtlingspolitik gegeben. Einzelne Abgeordnete mahnten erneut ein schärferes Vorgehen an der deutschen Grenze an.

Gerhard Schröder kritisiert Merkels Flüchtlingspolitik

Auch in der SPD wird die Kritik an Merkels Kurs lauter. Altkanzler Gerhard Schröder bezeichnete den unbegrenzten Zuzug von Flüchtlingen nach Deutschland als Fehler.

Altkanzler kritisiert Flüchtlingspolitik seiner Nachfolgerin scharf.

"Die Kapazitäten bei der Aufnahme, Versorgung und Integration von Flüchtlingen in Deutschland sind begrenzt. Alles andere ist eine Illusion", sagte er dem "Handelsblatt".

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil forderte Merkel zum Kurswechsel auf. "Die Bundeskanzlerin wird sich im Laufe des Jahres korrigieren müssen", sagte der SPD-Politiker der "Welt". "Entweder gelingt es, international die Zugangszahl zu drosseln. Oder wir müssen Dinge tun, die niemand will und die Europa schaden werden."

Joschka Fischer verteidigt Angela Merkel

Der frühere Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) verteidigt die Flüchtlingspolitik Merkels hingegen. Merkel habe im Sommer und Herbst 2015 gar nicht anders entscheiden können, als den Flüchtlingen die Türen zu öffnen.

Die Offenheit gegenüber den Flüchtlingen habe ohnehin auch positive Aspekte. "Mir wird zu viel von Überforderung geredet und zu wenig von den Chancen", sagte der Grünen-Politiker.

Hälfte der Deutschen glaubt nicht, dass sich die Probleme lösen lassen.

Auch ihre generelle Regierungsführung verteidigt Fischer: "Alles in allem kann ich ihr keine schlechten Noten geben", sagte er in der Sendung "Im Dialog" des Senders Phoenix, die am Freitagabend ausgestrahlt wird.

"Viele Kritiker machen es sich zu einfach." Die Deutschen könnten viel schlechter regiert werden. Wenn Merkel "morgen nicht mehr Kanzlerin wäre, wer sollte denn ihre Rolle in Europa übernehmen", fragte der Grünen-Politiker.

Zwar könnten einige politische Beschlüsse der Regierungschefin anders akzentuiert werden. "Doch ich weiß um die Zwänge, in der eine Bundeskanzlerin ihre Entscheidungen trifft", zeigte Fischer Verständnis. (cai/dpa/afp)