Istanbul (dpa) - Die Türkei hat sich auf dem Nato-Gipfel in Wales der Zehner-Allianz angeschlossen, die die Terrormiliz IS stoppen will. Als einziger Staat aus dieser Gruppe grenzt die Türkei sowohl an den Irak als auch an Syrien, wo die Extremisten auf dem Vormarsch sind.

Obwohl der Nato-Partner damit Frontstaat ist, hält sich die Regierung in Ankara zurück. Gleich mehrere Dilemmata erschweren ein stärkeres Engagement Ankaras gegen IS.

Was hat IS gegen die Türkei in der Hand?

Vor drei Monaten stürmten IS-Kämpfer das türkische Konsulat im nordirakischen Mossul. Seitdem sind nach offiziellen Angaben 49 Türken in der Gewalt der Extremisten, darunter der Generalkonsul. Die Regierung in Ankara argumentiert, sie dürfe das Leben der Geiseln nicht gefährden. Dass IS nicht zögert, ausländische Gefangene zu töten, bewiesen die Extremisten nicht zuletzt mit der Ermordung von zwei US-Journalisten. Bei Luftschlägen mit Unterstützung der Türkei könnte IS die Geiseln als lebende Schutzschilder missbrauchen.

Wäre die Türkei ohne die Geiseln engagierter?

Die Befreiung der Geiseln würden den Handlungsspielraum zwar erhöhen - aber auch nur begrenzt. Die regierungsnahe türkische Zeitung "Daily Sabah" berichtete, selbst wenn die Verschleppten frei kämen, arbeiteten weitere 80 000 Türken im Irak - dem im vergangenen Jahr noch wichtigsten Handelspartner nach der EU. "Niemand kann garantieren, dass sie nicht zum Ziel von IS werden."

Was hat die Türkei im Kampf gegen IS zu befürchten?

Doruk Ergün vom Thinktank Edam sagt: "IS hat Netzwerke in der Türkei und könnte die Türkei entweder an der Grenze oder in großen Städten angreifen. Die türkische Regierung will IS keinen Vorwand für einen Angriff liefern." Vereinzelt haben IS-Kämpfer bereits die Türkei bedroht. Nach Medienberichten haben sich rund 1000 Türken IS angeschlossen, sie könnten den Terror in ihre Heimat tragen. Das Nahost-Onlinemagazin "Al-Monitor" meint, sollte die Terrormiliz eines Tages zerschlagen werden, "wird das erste Land, in das sie sich zurückzieht und in Zellen neuorganisiert, die Türkei sein".

Was für eine Rolle spielt der Kurdenkonflikt?

Die türkische Regierung arbeitet an einem Friedensprozess mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Die Pläne der Regierung in Ankara zielen darauf ab, PKK-Kämpfer zu entwaffnen. Gleichzeitig rüsten westliche Staaten wie Deutschland die nordirakischen Kurden im Kampf gegen IS mit Waffen auf - an deren Seite längst auch die PKK kämpft.

Und welche Rolle spielt Syrien?

Der Türkei wird vorgeworfen, sie habe ausländische Kämpfer von IS und anderen Gruppen lange Zeit ungehindert über die Grenze nach Syrien eindringen lassen. Die Regierung in Ankara wollte damit zum Sturz des syrischen Machthabers Baschar al-Assad beitragen, in dem sie einen ihrer Erzfeinde sieht. Der Türkei dürfte missfallen, dass das Ziel eines Assad-Sturzes auf der Prioritätenliste des Westens weit hinter den Kampf gegen IS gerutscht ist.

Kontrolliert die Türkei ihre Grenzen nun besser?

Dass die Türkei den Strom ausländischer Dschihadisten nicht kontrollierte, handelte ihr den Vorwurf ein, zum Erstarken von IS beigetragen zu haben. Türkische Medien berichten, die Behörden hätten in den vergangenen zwei Jahren 830 Extremisten aus europäischen Ländern abgeschoben. Anti-Terror- und Geheimdiensteinheiten seien an Grenzübergängen eingesetzt. Im Juni hatte die Regierung mitgeteilt, gegen 5300 mutmaßliche Extremisten aus dem Ausland sei ein Einreiseverbot verhängt worden. Aus westlichen Sicherheitskreisen heißt es aber weiterhin, die Türkei unternehme nicht alles, was in ihrer Macht stünde, um die Grenzen zu kontrollieren.© dpa