Rechtsextreme Straftaten von Tätern aus der bürgerlichen Mitte nehmen rasant zu. Vermeintlich "normale" Bürger werden zu Brandstiftern. Doch wie kann das sein? Warum greifen sie plötzlich zu radikalen Mitteln? Antworten eines Rechtsextremismusforschers.

Es waren hehre Worte des Bundesjustizministers. "Täter dürfen nicht ungestraft davonkommen", sagte Heiko Maas der "Süddeutschen Zeitung". Der SPD-Politiker sprach den massiven Anstieg rechter Straftaten an.

Genannte Täter kommen meist nicht mehr nur aus dem Kreis bekannter Rechtsextremer, sondern auch aus der sogenannten bürgerlichen Mitte.

Vermeintlich "normale" Bürger werden zu Brandstiftern. Warum? Wie können derart die Hemmungen fallen? Unsere Redaktion sprach mit dem Sozialpsychologen und Rechtsextremismusforscher Dr. Klaus Ottomeyer.

Herr Ottomeyer, werden aus "besorgten Bürgern" jetzt "besorgte Brandstifter"?
Dr. Klaus Ottomeyer: Der Rechtsextremismus hat seine Wurzeln auch in der Mitte. Das zeigt zum Beispiel eine Analyse der Friedrich-Ebert-Stiftung, die in den letzten Jahren immer wieder aktualisiert wurde. Wenn man aber zu einer Straftat übergeht, ist das kein gleitender Übergang. Man muss dazu sein Gewissen außer Kraft setzen.

Das heißt?
Jemand muss in eine Stimmung reingeraten, meist als Mitglied einer Gruppe, die es erlaubt, einen Teil der Menschen als Menschen minderen Rechts und ohne Anspruch auf Unversehrtheit zu definieren. Das passiert nicht von selbst. Die meisten Menschen bekommen ein Gewissen anerzogen. Dieses Gewissen wird weggedrängt. Manchmal passiert es mithilfe von Alkohol.

Die Psychoanalyse sagt, dass das sogenannte Über-Ich alkohollöslich ist. Es kann aber auch durch eine Gruppenstimmung passieren oder durch eine Anhäufung vieler Kränkungserlebnisse bei den Tätern.

Sprich, mancher entlädt seinen persönlichen Frust?
Ja. Über Kränkungen spricht man oft nicht, weil man sich dafür schämt. Dann stauen sich diese auf und explodieren gegenüber jemand anderem, dem es angeblich besser geht oder der mutmaßlich zu den Profiteuren gehört. Solche Täter sind immer auch gekränkte und beleidigte Menschen. Die Scham wird kompensiert.

Was ist mit dem politischen Umfeld? In Österreich gewinnt die FPÖ an Einfluss, in Deutschland stürmt die AfD von Umfragehoch zu Umfragehoch.
Das Bild des Fremden ist mit sehr viel Fantasien und Projektionen aufgeladen. Das hat mit der Realität nichts zu tun. Den Fremden wird eine gewaltige Gier unterstellt, dass er sofort das bekommen will, was er begehrt. Das ist wiederum eine Projektion der eigenen Gier.

Der Gier nach Wohlstand?
Nach Wohlstand, nach sofortiger Versorgung nach dem Motto: Ich will alles, und zwar sofort. Das ist eine Einstellung, die im Konsumkapitalismus gezüchtet wurde. Das glaubt man nun beim Gegner zu sehen. Sie werden sofort versorgt. Sie haben es besser als wir, obwohl sie nach uns kamen, heißt es dann.

Wenn der EU-Gipfel keine Lösung bringt, wird die Luft richtig dünn.

Das ähnelt dem Neid gegenüber kleinere Geschwistern und Kindern in Familien, die auch später kamen, erstmal recht gierig sind, alles bekommen, verwöhnt werden.

Es gibt ganz viel Eifersucht und Neid. Man glaubt, dass sie es sich hier einfach gutgehen lassen. Das ist dann eine Einbildung. Stigmatisiert man den Gegner aber mit solchen Bildern, was ihn zu einer Art gefährlichem Monster macht, legitimieren die Täter daraus ihren Hass.

Aber dieser Hass muss bildlich gesprochen ja auch auf Nährboden stoßen, oder nicht?
Sicherlich. Fremdenhass ist in unseren westlichen Gesellschaften weit verbreitet. Seit Jahren sind 15 bis 25 Prozent der Bevölkerung messbar fremdenfeindlich. Das hat sich schon länger angedeutet. Man muss auch immer mit einer Mindestanzahl an Demokratiefeinden rechnen.

Dennoch: Vermeintlich ganz "normale" Bürger machen sich straffällig, gefährden Menschenleben. Wie können derart die Hemmungen fallen?
Die Menschen haben verschiedene Gesichter und das asoziale, egoistische wird verborgen. Biedere Familienväter hinterziehen Steuern, sie üben manchmal sogar Gewalt aus. Wird bekannt, dass jemand aus der bürgerlichen Mitte sich strafbar macht, etwa brandstiftet, gibt es immer das große Erstaunen der Nachbarn und des Umfelds.

Toter im Schacht und große Mengen Geld an Bord. Crew festgenommen.

Dann heißt es: Er war doch so freundlich, hat alle gegrüßt. Niemand erwartet, dass er seine Frau schlägt oder umbringt. Jeder Mensch hat zwei, drei Gesichter und das asoziale Gesicht kann lange versteckt bleiben.

Aber der Schritt zu Gewalt ist drastisch.
Wir haben seit den 1980er Jahren eine Unterhaltungsindustrie, in der Kampf, das Krieg führen, den Gegner explodieren zu lassen, Kult ist. Ich würde das den Ramboismus nennen. Kampfspiele, Actionfilme, Dramen, bei denen jemand zu Tode kommt, faszinieren die Menschen.

Alle möchten auch mal Sieger sein, die anderen in die Luft gehen lassen. Im Fernsehen wird auch rücksichtslos mit dem Gegner umgegangen. Wenn andere Faktoren der Enthemmung dazu kommen, ist das wie ein Rausch, es macht Spaß.

Dr. Klaus Ottomeyer, Jahrgang 1949, ist Sozialpsychologe, Psychoanalytiker und seit 1983 ordentlicher Professor an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Im Schwerpunkt beschäftigt er sich an dieser seit drei Jahrzehnten mit der Psychologie des Rechtsextremismus.