Donezk (dpa) - Im Osten der Ukraine verschärft sich die Lage zusehends. Die USA erwägen Medien zufolge nun doch Waffenlieferungen an Kiew. Und die prorussischen Separatisten kündigen eine Teilmobilmachung an. Steht Europa vor einem großen Krieg?

Von möglichen Friedensgesprächen im Ukraine-Konflikt sprechen die verfeindeten Lager kaum noch. Stattdessen erhoffen sich die ukrainischen Regierungstruppen Waffenlieferungen aus den USA. Die prorussischen Separatisten stellen sich auf schwere Kämpfe ein - und setzen dabei weiter auf Rückendeckung Moskaus.

Welche Lösung im Ukraine-Konflikt ist denkbar?

Der Streit in der ukrainischen Regierung dreht sich darum, ob militärisches oder politisch-diplomatisches Vorgehen am ehesten zu einer Lösung führen kann. Einflussreiche Kräfte in der prowestlichen Führung in Kiew sprechen sich für einen Krieg aus. Der Präsident Petro Poroschenko hatte nach mehreren Auslandsreisen betont, dass westliche Staaten zur Militärhilfe bereit seien. Er ordnete Rund-um-die-Uhr-Schichten in Rüstungsbetrieben an. Zudem läuft eine Mobilmachung, bei der mehr als 100.000 Ukrainer bewaffnet werden.

Moskau fühlt sich im Ukraine-Konflikt durch die Nato bedroht. Zu Recht?

Separatistenführer Alexander Sachartschenko hatte sich zuletzt bereiterklärt, mit Poroschenko über eine Lösung zu verhandeln. Der regierungstreue Vizegouverneur Gennadi Korban in der unter ukrainischer Kontrolle stehenden Industriestadt Dnjepropetrowsk sagte nun in einem Interview: "Die ukrainischen Politiker müssen begreifen: Wenn ihnen kein Blitzkrieg gelingt, dann muss die Krone abgenommen und sich geeinigt werden - so wie das unter Geschäftsleuten gemacht wird."

Ist eine friedliche Lösung des Konflikts überhaupt noch denkbar?

Beobachter halten einen Kompromiss für möglich, wonach die umkämpfte russischsprachige Region Donbass im Zuge einer Föderalisierung künftig mit weitgehenden Sonderrechten eines Autonomiegebietes ausgestattet würde. Dabei müssten sowohl die Separatisten zurückstecken, die eine Unabhängigkeit anstreben, als auch die ukrainische Führung, die eine Föderalisierung wegen eines befürchteten Zerfalls des Landes stets ausgeschlossen hatte.

Können mögliche US-Waffenlieferungen die Situation verändern?

Dies dürfte den Krieg weiter anheizen. Panzerabwehrraketen könnten den Regierungseinheiten Vorteile bei Angriffen verschaffen. Russland könnte dann jedoch ebenfalls seinen Einsatz erhöhen und den Aufständischen moderne Waffen aus eigener Produktion liefern. Bisher kämpfen beide Seiten vor allem mit Panzern und anderer Militärtechnik aus sowjetischen Altbeständen. Das Hauptproblem der Armee besteht jedoch vor allem im schlecht organisierten Nachschub und der schlechten Ausbildung der Soldaten. Essen und Ausrüstungsgegenstände werden oft von privaten Initiativen an die Front gebracht.

Wie wahrscheinlich ist ein großer Krieg?

Nach der ukrainischen Regierung hat nun auch die Separatistenführung eine Mobilmachung angeordnet. Beide Seiten rüsten auf. Das Komitee der russischen Soldatenmütter in St. Petersburg befürchtet, dass Militärangehörige zum Einsatz im Donbass gedrängt werden könnten. Im August hatte der Separatistenführer Sachartschenko von 3000 bis 4000 Russen an der Seite der Aufständischen gesprochen - viele von ihnen angeblich beurlaubte Militärangehörige. Kremlchef Wladimir Putin hatte zuletzt begrüßt, dass Russen ihrem Herzen folgen würden und im Donbass kämpften. Offiziell bestreitet Russland allerdings weiter eine direkte militärische Hilfe. Experten meinen, dass Russland im Fall eines Einsatzes von Nato-Truppen von einer verdeckten Militärhilfe zum direkten Krieg übergehen könnte.© dpa