Belgrad (dpa) - Nach der faktischen Schließung der Balkanroute, über die allein in den ersten zwei Monaten dieses Jahres 100 000 Flüchtlinge nach Westeuropa gekommen sind, wird über mögliche Alternativrouten spekuliert.

- Eine Route könnte über Westgriechenland mit Schiffen nach Italien verlaufen. Allerdings ist die Infrastruktur hier keinesfalls mit der an der türkischen Küste vergleichbar. Auch ist die Entfernung zum Beispiel zwischen Igoumenitsa und Otranto in Italien mit 168 Kilometern deutlich größer als von der Türkei zu den ostägäischen Inseln, wo die Überfahrt oft nur eine gute Stunde dauert.

- Ein zweiter potenzieller Weg führt über Albanien. Regierungschef Edi Rama hat angekündigt, sein Land werde den Transit von Flüchtlingen mit allen Mitteln verhindern. Das Gelände zwischen Griechenland und Albanien ist gebirgig und wahrscheinlich nicht lückenlos von der Polizei zu überwachen. Allerdings gibt es in Südalbanien keinerlei Eisenbahnverbindungen, um Zehntausende Menschen wie zuletzt über die Balkanroute zu transportieren.

Sollten es die Menschen meist zu Fuß über Gebirgspässe doch bis nach Durres schaffen, dem wichtigsten albanischen Hafen, müssten sie mit Schiffen nach Italien übersetzen. In den 90er Jahren nutzten kriminelle Banden mit stark motorisierten Schnellbooten diese Strecke zum Schmuggel von Zigaretten und Drogen. Die von der Motorleistung hoffnungslos unterlegende italienische Küstenwache hatte oft das Nachsehen. Ob allerdings Zehntausende Menschen so transportiert werden könnten, ist fraglich.

- Schließlich bleibt der Landweg von Albanien über Montenegro und Kroatien oder Bosnien-Herzegowina nach Slowenien und Österreich. Im südkroatischen Dalmatien, in Montenegro und in Bosnien gibt es keine nennenswerten Eisenbahnverbindungen. Auch die Straßen - von der kroatischen Küstenautobahn im Hinterland der Adria abgesehen - sind oft in einem erbärmlichen Zustand. Es ist wenig wahrscheinlich, dass in der sehr gebirgigen Region schnell eine Infrastruktur aus dem Boden gestampft werden kann, die Tausende Menschen durchschleust. -

- Auch über Nordafrika versuchen Zehntausende Flüchtlinge - unter anderem aus Syrien - nach Europa zu gelangen. Über Ägypten, das von vielen als Zwischenstation gesehen wird, gelangen sie ins vom Bürgerkrieg zerrüttete Libyen. Schlepper haben dort wegen fehlender staatlicher Strukturen leichtes Spiel. Aus dem Westen des Landes - teilweise auch aus Tunesien - starten vor allem in den Sommermonaten viele schrottreife Boote zu italienischen Inseln wie Lampedusa. Die Überfahrt ist lebensgefährlich.© dpa