Horst Seehofer droht Angela Merkel – mal wieder. Diesmal geht es um eine mögliche bundesweite Abspaltung der CSU von der CDU, also den Bruch der Union. Wie realistisch ist ein solches Szenario ist und was würde das auch für die AfD bedeuten? Wir haben einen Parteienforscher gefragt.

Sie finden einfach keine gemeinsame Linie in der Flüchtlingspolitik: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Horst Seehofer (CSU). Der bayerische Ministerpräsident tut daher das, was er seit Monaten tut – er erhöht den Druck auf die Regierungschefin.

So meinte der 66-Jährige diesmal, dass es keine "Ewigkeitsgarantien" für einen Verzicht auf eine bundesweite CSU gebe. Umfragen zufolge käme seine Partei auf ausreichend Wähler, um auch außerhalb Bayerns in den Wettbewerb zu treten.

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Doch wie wahrscheinlich ist ein solches Szenario? Was wäre die Antwort der CDU? Und was würde ein solcher Schritt für die AfD bedeuten? Unsere Redaktion sprach mit Parteienforscher Prof. Dr. Werner Patzelt. Der Politikwissenschaftler von der Technischen Universität Dresden beschäftigt sich seit Jahren mit der Entwicklung der CSU.

"Das kann kein vernünftiger CSUler wollen"

Die naheliegende Frage ist natürlich: Wie realistisch ist eine bundesweite CSU? "Die Frage wäre, was man unter einer bundesweiten CSU verstünde: Dass die CSU andere Landesverbände als den bayerischen gründet? Oder wäre dies eine bundesweite Partei rechts von der CDU?", meint Patzelt.

"Als solche wird die CSU ja seit Langem wahrgenommen." Seiner Meinung nach entstehe derzeit sowieso eine Art bundesweite CSU - "sie heißt AfD".

Patzelt denkt, dass die CSU-Führung abwägen und sich schließlich dagegen entscheiden würde, bundesweit aufzutreten. Warum? Weil die Folge wäre, dass die CDU einen Landesverband Bayern gründen würde, erklärt er.

Und das sei alles andere als im Interesse der CSU. "Ein solcher Landesverband der CDU würde die CSU um ihre Mehrheit und Macht in Bayern bringen", sagt er. "Das kann kein vernünftiger CSUler wollen."

Laut Patzelt ist zudem die AfD eine Art bundesweite CSU. "Viele in der AfD beanspruchen für sich, die konservative, alte CDU zu sein. Mit konservativer CDU ist immer eine Art Partei wie die CSU gemeint", erklärt der 62-Jährige.

Sie sei zugleich konservativ und sozial eingestellt. "Sie achtet auf die Schwächeren der Gesellschaft und nicht nur auf die Wirtschaftseliten", meint der Parteienforscher.

"Das sind Kernpunkte des Programms der AfD. Das fängt an bei der Sicherung traditioneller Familienstrukturen, geht dahin, dass man den Zustrom von Hartz IV-berechtigten Ausländern nicht grenzenlos akzeptiert und mündet in der Forderung, dass die Zuständigkeiten der Nationalstaaten im Rahmen der Europäischen Union groß bleiben", erklärt er.

Wer hätte den größeren Schaden: CDU oder CSU?

Patzelt bringt wiederholt einen möglichen Landesverband der CDU in Bayern ins Spiel. "Dieser würde in Bayern mindestens ebenso viele Stimmen auf sich ziehen wie die CSU. Sprich, die CSU würde von einer in Bayern dominierenden Partei mit bundesweitem Anspruch zu einer bundesweiten Kleinpartei", sagt er.

Und das würde nicht dem Selbstverständnis der Parteimitglieder entsprechen - denn die CSU würde in Bayern zu einer Partei mit nur noch 20 bis 30 Prozent werden.

Würde eine bundesweite CSU aber zu einem Verschwinden der AfD führen? "Das scheint mir zu einfach zu sein. Sollte sich die AfD bis zur nächsten Bundestagswahl stabilisieren, ist kein Platz mehr für eine bundesweite CSU", meint er. Der CSU bleibe dann nur die Möglichkeit, ihre Politik von Bayern auf den Rest der Republik auszudehnen.

Prof. Dr. Werner Patzelt ist Gründerprofessor des Dresdner Instituts für Politikwissenschaft und hat den Lehrstuhl für Politische Systeme seit 1991 inne.