Erpressung, Plünderung und Handel auf dem Öl-Schwarzmarkt: Die Terror-Miliz Islamischer Staat verdient auf illegale Weise Millionen. Sie ist mittlerweile zur größten Mafia geworden, sagt ein Experte im "Zenith"-Interview.

Beharrlich baut der Islamische Staat (IS) seine Macht im selbsternannten Kalifat aus. Er beherrscht je etwa ein Drittel der Nachbarländer Irak und Syrien. In den eroberten Herrschaftsgebieten hat er bereits staatliche Strukturen errichtet. Und er ist dabei, weitere Gebiete untertänig zu machen.

Dafür bezahlt der IS Tausende Kämpfer, kauft modernste Waffen und finanziert in dem ausgerufenen Kalifat Krankenversicherung, Heiratsbeihilfen und Unterstützungszahlungen für die Familien getöteter oder inhaftierter Kämpfer.

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Dafür braucht der IS Unsummen an Geldern. Ein aktueller UN-Bericht kommt zu dem Schluss, dass der IS vor allem Geld mit Entführungen, Ölschmuggel, Schmuggel von Antiquitäten und Kulturgütern macht. "Sie haben die Kontrolle über die Finanzen in den besetzten Gebieten und sie haben die Kontrolle darüber, das Verhalten der Menschen zu regulieren", sagt Alexander Evans, Leiter der UN-Untersuchungskommission, im Gespräch mit dem ZDF.

IS habe mafiöse Strukturen übernommen

Der Apparat des IS würde immer weiter wachsen und demnach auch der Finanzbedarf des IS. Um seinen selbst ausgerufenen "Staat" zu finanzieren sei der IS in meist kriminelle Geschäfte verwickelt, heißt es in dem Bericht weiter. Das Gebaren des IS ähnle dem organisierter Verbrechen.

"Der IS ist (…) zur größten Mafia geworden", sagt Politologe David Romano im Interview mit dem Magazin "Zenith". Der IS habe in den besetzten Gebieten bestehende mafiöse Strukturen übernommen. Bereits vor der Eroberung sei es üblich gewesen, dass Geschäftsleute von ansässigen Stämmen, lokalen Politikern und Milizen erpresst wurden.

Geschäftsleute werden erpresst

Durch ein ausgeklügeltes System würden die Bevölkerung und diejenigen, die durch eine Gegend reisen oder dort Geschäfte machen, erpresst, sagt auch David Cohen, der Staatssekretär im US-Finanzministerium. Bargeld werde mit roher Waffengewalt eingefordert. "Der Besitzer eines Lebensmittelgeschäfts, der sich weigerte, zu zahlen, wurde mit einer Bombe vor seinem Laden gewarnt." Die Verwandten anderer Zahlungsunwilliger seien etwa entführt worden, religiöse Minderheiten müssten Sonderabgaben zahlen.

Die Finanzverwaltung des Islamischen Staates ist "eine organisierte Feudalhierarchie", erklärt Romano. Ein lokaler Führer muss dem Experten zufolge die Einnahmen seinem Vorgesetzten weiterleiten. "Das Feudalsystem ist ziemlich effizient. Potenzielle Oppositionelle werden so oft wie möglich bestochen statt unterdrückt – was allerdings einen Haufen Geld kostet."

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"Sie rauben Banken aus. Sie verwüsten tausende Jahre Zivilisation im Irak und in Syrien, indem sie plündern und Antiquitäten verkaufen", sagt David Cohen. "Sie stehlen Vieh und die Ernte von Bauern. Und verachtenswerterweise verkaufen sie entführte Mädchen und Frauen als Sexsklaven." Zudem unterhielten die Extremisten wichtige Verbindungen zu geheimen Geldgebern in der Region am Persischen Golf.

Öl- und Gasfelder unter IS-Kontrolle

Wirklich stark wurde die IS-Miliz nach der Eroberung der Millionenstadt Mossul am 10. Juni und zu Zeiten der Gründung des "Kalifats" in den eroberten Gebieten in Syrien und im Irak etwa zwei Wochen später. Die Gruppe hat in jener Zeit mehr und mehr Öl- und Gasfelder unter ihre Kontrolle gebracht.

Allein durch illegale Ölverkäufe verdient die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) nach Angaben der USA jeden Tag rund eine Million Dollar (791.000 Euro). Lösegelder bei Geiselnahmen hätten den Extremisten dieses Jahr zudem bereits rund 20 Millionen Dollar (15,8 Millionen Euro) eingebracht, sagt David Cohen. Diebstahl, Erpressung und teils auch Spenden von Unterstützern außerhalb des Iraks und Syriens kämen hinzu.

Handel auf dem Schwarzmarkt

Beim Öl habe der IS einen langjährigen und tief verwurzelten Schwarzmarkt angezapft, der Händler in der Region verbinde. Nach der Förderung verkauften die Extremisten das Öl an Schmuggler. Diese brächten es außerhalb der von den Dschihadisten beherrschten Landstriche in Syrien und im Irak. Transportiert werde das Öl in Tanklastern und kleinen Containern.

Der Rohstoff werde zu ermäßigten Preisen an Mittelsmänner verkauft, nach US-Informationen auch an einige aus der Türkei. Manches Öl aus den von IS kontrollierten Gebieten sei sogar an Kurden im Irak verkauft worden. Auch die syrische Regierung von Präsident Baschar al-Assad habe eine Abmachung zu Ölkäufen von der Sunnitenmiliz.

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"IS ist vermutlich die am besten finanzierte Terrororganisation, der wir je gegenüberstanden", erklärt Cohen. Das Finanzministerium arbeite deshalb mit Hochdruck daran, die Geldquellen trockenzulegen, etwa durch Sanktionen. Anders als das Terrornetzwerk Al-Kaida beziehe IS aber nur einen kleinen Teil seiner Mittel von großen Geldgebern und sei deshalb nicht darauf angewiesen, große Summen über Landesgrenzen zu transferieren. "Wir haben keine Silberkugel, keine Geheimwaffe, um die Truhen des IS über Nacht zu leeren", sagte Cohen.

Ihr Geld geben die IS-Anführer unter anderem für ihre durch den Irak und Syrien marschierenden Kämpfer aus. Sie versuchen aber auch, bestimmte öffentliche Dienstleistungen bereitzustellen, etwa Strom und Wasser. "Sie handeln, als seien sie ein richtiger Staat, eine richtige Regierung", sagte Cohen. "In ihrem Bemühen, weite Landstriche zu kontrollieren - Städte, Dörfer sowie Millionen von Menschen - haben sie eine bedeutende Ausgabenseite in ihrer Bilanz." (far/mit dpa)