Der angebliche Test einer Wasserstoffbombe in Nordkorea hat die internationale Staatengemeinschaft aufgeschreckt. Wie gefährlich ist Kim Jong-un für Asien und die ganze Welt? Ostasienwissenschaftler Rüdiger Frank hält ein Wettrüsten im pazifischen Raum für denkbar.

Nordkoreas Diktator Kim Jong-un empörte mit dem (vermeintlichen) Test einer Wasserstoffbombe die Welt. Es ist eine Waffe, die mehr Wucht als eine Atombombe entfacht. Beobachter befürchten eine Eskalation der ohnehin bereits angespannten Lage. Wir haben uns mit Ostasienwissenschaftler Rüdiger Frank über die aktuellen Entwicklungen unterhalten.

Nordkorea feiert es als Meilenstein seiner Atomwaffenentwicklung, für den Rest der Welt ist es ein Schock.

Herr Frank, warum ließ Nordkorea gerade jetzt den angeblichen Wasserstoffbombentest durchführen?

Rüdiger Frank: Das war eine ganz pragmatische Entscheidung – man entwickelt Waffen und führt in regelmäßigen Abständen Tests durch, um mit der Forschung weiterzukommen.

Jetzt war es wieder soweit, nach 2006, 2009 und 2013. Einen konkreten Anlass gab es nicht.

Was könnte die Motivation sein für eine solche Provokation? Geht es auch um Propaganda im eigenen Land?

Der Hauptzweck ist die Entwicklung von Atomwaffen, die man als Mittel der Abschreckung gegen eine als feindlich und übermächtig empfundene internationale Umwelt haben möchte. Alles andere sind Nebeneffekte.

Besitzt der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un Langstreckenraketen und sind seine Waffen voll einsatzfähig?

Kim Jong-un arbeitet zumindest daran, das ist nur eine Frage der Zeit.

Selbst China, der engste Verbündete Pyongyangs, wurde offenbar vorab nicht informiert. Warum brüskiert Nordkorea die Chinesen?

Nordkorea lässt sich von niemandem reinreden, schon gar nicht vom großen Nachbarn China, den man sehr misstrauisch betrachtet. Die Führung in Pjöngjang weiß, dass sich China einen Kollaps Nordkoreas aus verschiedenen Gründen derzeit nicht leisten kann. Darum interessieren die Befindlichkeiten der Chinesen die nordkoreanische Führung nicht besonders.

Nordkorea empört mit angeblichem Test von Wasserstoffbombe.

Ist es denkbar, dass sich China von Nordkorea abwendet? Und was für Folgen hätte das für Pjöngjang?

China kann sich nicht abwenden. Man würde damit im strategischen Spiel in Ostasien das Feld den USA überlassen.

Ein Kollaps Nordkoreas würde zunächst zu einer gefährlichen Situation führen – Destabilisierung eines Landes mit Atomwaffen an der eigenen Grenze. Das wollen die Chinesen nicht.

Und selbst, wenn das gut geht, käme danach die Wiedervereinigung unter Führung der Südkoreaner, womit die USA de facto an die chinesische Grenze vorrücken würden. Das wäre militärisch und propagandistisch ein Riesenproblem.

Es wird bereits über weitere UN-Sanktionen diskutiert. Welche Sanktionen würden das ohnehin isolierte Land überhaupt noch treffen können?

Wie heißt es so schön: Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche greifen. Viel Spielraum gibt es nicht mehr. Und wie gesagt: Eine Destabilisierung Nordkoreas durch ein komplettes Handelsembargo ist viel zu gefährlich.

Hat der Westen noch Trümpfe gegen Kim in der Hand?

Nein, jedenfalls nicht, was Druck oder Gewalt angeht. Hier haben wir unser Arsenal ausgeschöpft.

Ist Nordkoreas Verhalten tatsächlich eine Gefahr für Nachbarn wie Südkorea und Japan oder ist das Land eher ein zahnloser Tiger?

Nordkorea ist durchaus gefährlich. Allerdings gehe ich nicht von einem direkten Angriff aus. Die Gefahr steckt eher in einem Kollaps oder einer wirtschaftlichen Notlage, in der man sich dann entscheidet, atomare Hard- und Software zu verkaufen. Stellen Sie sich einen IS-Anschlag in Europa mit nuklearem Material vor!

Eine andere Gefahr ist die nukleare Sicherheit; wenn selbst ein Land wie Japan die Katastrophe von Fukushima nicht verhindern konnte, was erwarten wir dann von Nordkorea?

Droht möglicherweise ein Wettrüsten im pazifischen Raum?

Ja, definitiv. In Südkorea und vor allem in Japan werden Stimmen immer lauter, die eigene Atomwaffenprogramme fordern.

Ist Nordkorea sogar eine Bedrohung für den Weltfrieden?

Indirekt auf jeden Fall, direkt eher nicht.

Prof. Rüdiger Frank ist Vorstand des Instituts für Ostasienwissenschaften an der Universität Wien. Der Ökonom und Ostasienwissenschaftler forscht schwerpunktmäßig zu Nordkorea. 2014 erschien sein Buch "Nordkorea: Innenansichten eines totalen Staates" (Deutsche Verlags-Anstalt).