Seine Sprüche in "Kalaschnikow"-Schwäbisch sind legendär. Als EU-Kommissar ist Günther Oettinger etwas ruhiger geworden. Im Wahlkampf ledert der CDU-Mann nun gegen die AfD-Frontfrau los - ein riskantes Manöver.

Es ist derzeit eine politische Gretchen-Frage: Wie hält es die CDU in der Flüchtlingskrise mit der AfD? Es gibt immer noch viele in der Union, die Nichtbeachtung für den richtigen Umgang mit den Rechtspopulisten halten - siehe Unions-Fraktionschef Volker Kauder. Andere warnen sogar davor, auf deren Themen ("Grenze zu") aufzuspringen, auch wenn die von Kanzlerin Angela Merkel postulierte europäische Lösung nicht absehbar ist.

Doch vor den drei Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt am 13. März steigen die Umfragewerte der AfD und damit die Nervosität in der Union. Was tun? EU-Kommissar Günther Oettinger, Wahlkämpfer für seinen Heimatverband im Südwesten, hat sich nun für den Frontalangriff entschieden - und ist dabei im wahrsten Sinne des Wortes über das Ziel hinausgeschossen.

"Wenn die komische Petry meine Frau wäre, würde ich mich heute Nacht noch erschießen", sagt der Digitalkommissar am Montagabend bei einer Talkrunde in der Berliner Repräsentanz des US-Softwareriesen Microsoft über die AfD-Chefin Frauke Petry. Im Saal gibt es ein paar Lacher von den etwa 300 Zuhörern, wie Teilnehmer später berichten.

EU-Kommissar Oettinger attackierte AfD-Chefin scharf. Nun kam der Konter.

Shitstorm statt Lacher

Doch im Internet erntet Oettinger prompt einen Shitstorm - Spott und Häme ergießen sich über den 62-jährigen CDU-Mann. Oettinger war als Ministerpräsident (2005-2010) im Südwesten mit flapsigen Sprüchen und peinlichen Aktionen aufgefallen - zum Beispiel mit einem Partyfoto, auf dem er ein aufgeklapptes Teesieb als Brille trug. Von Entgleisung ist jetzt in den sozialen Netzwerken die Rede, Petry-Unterstützer nennen Oettinger einen "Hassprediger".

Doch der CDU-Mann bleibt auch am Dienstag dabei und verweist darauf, dass Petry sich dafür ausgesprochen hatte, Flüchtlinge notfalls mit Waffengewalt am Grenzübertritt zu hindern. Diese Aussage halte er für "menschenverachtend und unmöglich", verteidigt sich der EU-Kommissar. "Diese Frau ist eine Schande für die deutsche Politik - und das habe ich deutlich gesagt." Er erwähnt nicht, dass Petry mittlerweile etwas zurückgerudert ist.

Die Komiker der ZDF-"heute-show", die Oettinger häufiger durch den Kakao ziehen, twittern: "Dabei hätte sie die Waffe doch schon beim ersten Grenzübertritt in der Hochzeitsnacht gezogen." Petry (40) selbst antwortet via "Bild": "Herr Oettinger, Ihr Kopfkino ist unappetitlich." Und Petrys Lebensgefährte Marcus Pretzell, AfD-Landeschef in Nordrhein-Westfalen, betont, er habe keineswegs vor, sich eine Kugel in den Kopf zu schießen. "Nicht der erste Vorschlag von @GOettingerEU den ich ablehnen muss", twittert Pretzell.

Jede Presse ist gute Presse?

Bleibt die Frage, wem dieser Streit eher nutzt: Der Union im Kampf um Stimmen oder der AfD, die dadurch wieder einmal in aller Munde ist. In Baden-Württemberg nimmt man es gelassen. "Oettinger hat wenigstens noch Unterhaltungswert", sagt ein führender CDD-Mann und verweist auf den Spitzenkandidaten Guido Wolf, der eher blass bleibe.

Der Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke - ansonsten eher kein Petry-Unterstützer - versucht, den Oettinger-Satz in politischen Gewinn umzumünzen: Der Kommentar des EU-Kommissars markiere einen "neuen Tiefpunkt der politischen Auseinandersetzung mit der AfD".

Oettinger scheint sich gerade recht viel Gedanken über das Schießen zu machen. Sechs Jahre nach seinem Weggang wurde Ende Januar sein Porträt in die Galerie der Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg aufgenommen. Links oben auf dem Bild der Künstlerin Anke Doberauer befindet sich ausgerechnet ein gemaltes Einschussloch. Oettinger deutet es als "Zeichen der Verletzlichkeit". Er nennt das Gemälde "Tatort Baden-Württemberg".© dpa