Leben in Angst: In Somalia sind häufig Regierungsangestellte, Helfer oder Journalisten das Ziel von Attentaten der Terrormiliz Al-Shabaab. Die Täter verbergen sich oft im Kollegenkreis.

"Es vergeht kein Tag, an dem nicht ein Regierungsmitarbeiter ermordet wird." Der Teenager Hanaan Osnan berichtet vom täglichen Terror in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Nach Jahren des Bürgerkrieges wünschen sich die Bewohner, dass wieder Normalität einkehrt. Die Anschläge der islamistischen Terrormiliz Al-Shabaab verhindern dies - und die Extremisten gewinnen wieder an Boden.

Politiker warnen: "Terrorismus kann hier jederzeit stattfinden."

Anschlagsziele sind oft Supermärkte oder Hotels, die Opfer sind Politiker, Journalisten, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen oder Regierungsangestellte. "Die Politiker und ihre internationalen Partner sind mit der Wahl 2016 beschäftigt, daher ist Al-Shabaab mit neuen Attacken und neuer Brutalität wieder da", sagt der Geschäftsmann Yusuf Ali über das Erstarken der Terrormiliz. Allein im Dezember wurden mehr als 30 Menschen erschossen oder durch Bombenanschläge getötet.

Extremisten kämpfen um Vorherrschaft

Al-Shabaab hat sich zu beinahe allen Anschlägen bekannt. Die Extremisten kämpfen um die Vorherrschaft in dem ostafrikanischen Staat. "Alle Unterstützer von ausländischen Truppen oder der sogenannten somalischen Regierung sind vorrangige Ziele für unsere Kämpfer", droht ein Al-Shabaab-Kommandeur am Telefon.

Die Sicherheitskräfte schaffen es offensichtlich nicht, das Morden zu stoppen, kritisiert der somalische Sicherheitsexperte Khalif Ahmed. "Jedes Mal können die Killer entkommen. Al-Shabaab gewinnt durch diese Morde an Boden", sagt er. Es sei fraglich, ob die Sicherheitsorgane fähig seien, nachrichtendienstliche Erkenntnisse über die Täter zu sammeln.

Somalias Geheimdienstchef Abdirahman Mohamed Tuuryare fordert ein Spionagenetzwerk, das sich auf die Hauptstadt konzentriert: "Nur so können wir erfolgreich gegen diese furchtbaren Morde vorgehen. Al-Shabaab gewinnt sonst den psychologischen Krieg", sagt er. Zudem ist er überzeugt, dass nicht nur Extremisten für die Gewalt verantwortlich sind: Kriminelle Banden, Drogenschmuggler und Menschen, die persönliche Feindschaften austragen, nutzten die Lage aus.

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Erschwerend kommt hinzu, dass die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Sicherheitsorganisationen untereinander und mit der Öffentlichkeit schlecht ist, sagen Experten. Korruption ist weit verbreitet, es herrscht ein Klima des Misstrauens. "So können diese täglichen Mordanschläge andauern", beklagt Mohammed Hassan, ein hochrangiger Geheimdienstmitarbeiter.

Terroristen in offiziellen Ämtern

Viele Regierungsstellen sind von Extremisten unterwandert. Das sei besonders problematisch, sagt Ahmed. Ein Beispiel ist die Ermordung der Journalistin Hindiya Haji Mohamed, die für staatliche Medien arbeitete. Ihr Killer war ein Sicherheitsbeamter, der Verbindungen zu den Extremisten hatte, heißt es aus somalischen Sicherheitskreisen. "Stellen Sie sich vor, wie das ist, wenn man den Menschen nicht vertrauen kann, mit denen man zusammenarbeitet", sagt ein Familienmitglied der Ermordeten.

Al-Shabaab habe die Hauptstadt infiltriert, bestätigt ein Befehlshaber der Extremisten. Diese Kämpfer würden Misstrauen und Verwirrung unter den Feinden von Al-Shabaab stiften. "Unsere "Insider" sind Brüder, die uns in unserem Heiligen Krieg gegen die eindringenden Ungläubigen und gegen die Marionetten im Land unterstützen". Experten und Bewohner rechnen auch 2016 mit weiteren Anschlägen. Bis zur Normalisierung ist es noch ein langer Weg.© dpa