Bei Anne Will wurde Sonntagabend über den Krieg und das Leid in Syrien diskutiert. Die Talkrunde sucht Lösungsansätze, um den Frieden zu erreichen und räumte Russland eine bedeutende Stellung in dieser Sache ein. Es saßen sich Russland-Kritiker und Russland-Versteher gegenüber – eine Kombination, die viel Zündstoff versprach.

Was ist das Thema?

Das Elend in Syrien nimmt kein Ende. Durch den Kampf um die Stadt Aleppo hat sich die humanitäre Situation dort weiter zugespitzt. Auf der Sicherheitskonferenz in München am Wochenende wurde vereinbart, eine Waffenruhe innerhalb einer Woche herbeizuführen.

Außerdem – so die Vereinbarungen weiter – sollen Hilfskonvois möglichst schnell dorthin gelangen, wo sie gebraucht werden.

Auch die Friedensverhandlungen zwischen dem Assad-Regime und der Opposition sollen wiederaufgenommen werden. Wie und vor allem wie schnell sich der Krieg in Syrien stoppen lässt, ob alle Beteiligten überhaupt ein Interesse an einer politischen Lösung haben und ob die Sicherheitskonferenz so kurzfristig bereits etwas bewirken konnte, darüber sollten die Gäste bei Anne Will diskutieren.

Der zentrale Punkt blieb während der Sendung aber immer die Stellung Russlands im Syrienkonflikt.

Wer sind die Gäste?

Martin Schulz (SPD, Präsident des Europäischen Parlaments):

Er sagt, dass Syrien mit Assad keine Zukunft hat, aber aktuell eine Gegenwart mit Assad existiert, mit der umgegangen werden muss. Und außer den Russen hatte bislang keiner eine Strategie, um den Konflikt zu beenden, so Schulz. Russland hat durch sein Handeln dieses Vakuum gefüllt. Eine Wende im Konflikt hält er nur für möglich, wenn sich alle vorhandenen Parteien in Syrien ohne Vorbedingungen an einen Tisch setzen.

Im Ringen um die Flüchtlingsverteilung ist die Kanzlerin zunehmend isoliert.

Gabriele Krone-Schmalz (ehemalige Russland-Korrespondentin der ARD):

Sie wollte sich auf keinerlei moralisierende Debatten einlassen, denn das sei immer leicht, "wenn man im Warmen sitzt". Krone-Schmalz sprach sich dagegen aus, Russland per se als Feindbild zu sehen. Für sie ist es Fakt, dass Frieden in Syrien ohne Russland gar nicht möglich ist. Wichtig sei vor allem, dass man sich Gedanken darüber macht, was passieren wird, wenn Assad weg ist. Wie soll es dann in und für Syrien weitergehen?

Harald Kujat (ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr):

Ohne die Russen wird es keinen Frieden geben, so Kujat. Sie seien wegen ihrer strategischen Interessen nach Syrien gegangen – nicht um Assad zu halten oder Menschen zu töten. Er sieht drei Ziele, die in Syrien erreicht werden müssen: Das Ende des Bürgerkriegs, die Vertreibung des "IS" und die Einführung einer parlamentarischen Demokratie. Das sei die Voraussetzung dafür, dass dieses Land wieder aufgebaut werden kann.

Kurt Pelda (Kriegsreporter):

Für ihn gibt es nur dann eine Lösung, wenn ein militärisches Gleichgewicht hergestellt wird. Seiner Meinung nach müsste dafür die Opposition in Syrien gestärkt werden. "Wenn wir wirklich ernsthaft an einer politischen Lösung interessiert sind, müssen wir dafür sorgen, dass Assad, Putin und Teheran wissen, dass sie diesen Krieg nicht gewinnen können." Dafür müsse man die Opposition mit Waffen und notfalls Luftabwehrraketen unterstützen. Nach fünf Jahren des Zusehens gäbe es "keine guten Optionen mehr".

Marwan Khoury (Gründer der Syrienhilfe Barada e.V.):

Für ihn spielt Moral in dieser Diskussion eine erhebliche Rolle. Er sieht die Russen nicht als Befreier und Friedensbringer. Für den Syrer ist klar, dass Russland das Assad-Regime weiterhin an der Macht sehen will. Und solange Assad regiert, sei Frieden nicht möglich, denn "man kann mit einem Massenmörder keinen Frieden machen". Das syrische Volk würde nicht mehr akzeptieren unter diesem Regime zu leben.

Durch seine Kontakte in Aleppo habe er erfahren, dass seit der Sicherheitskonferenz bislang keinerlei Besserung eingetreten ist. Es wurde in den vergangenen zwei Tagen fast pausenlos weiter bombardiert.

Täter bedrohen Migranten mit einer Schreckschusspistole.

Was war das Rededuell des Abends?

Ein richtiges Rededuell blieb aus. Es schieden sich lediglich die Geister in Bezug auf Russland und dessen langfristige Motive in Syrien.

Während Kriegsreporter Pelda und der syrische Arzt Khoury den Russen als Feind der syrischen Bevölkerung und des wahren Friedens darstellten, befand der Rest der Runde, dass ohne Russland Frieden in Syrien überhaupt nicht möglich sei. Was im Vorfeld nach einer vielversprechenden Meinungsschlacht aussah, blieb bei einer Diskussion auf Sparflamme.

Was war der Moment der Sendung?

Die Gastgeberin versuchte der ehemaligen Russland-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz gleich zu Beginn der Sendung eine Meinung zu entlocken, was die Aussagen Angela Merkels gegenüber Russland betraf.

Die Kanzlerin hatte die russische Seite beschuldigt, mit ihren Luftangriffen für das Leid Zehntausender Menschen verantwortlich zu sein.

Krone-Schmalz wollte auf die konkrete Nachfrage, ob die Kanzlerin damit moralisiere, nicht so recht antworten und entgegnete patzig: "Ich sage Ihnen, dass ich diese Fragetechniken auch kenne. Also worauf soll das hinlaufen? Klar, es hat einen Unterhaltungswert, diese Sendung, sehe ich ein. Und wir haben morgen in der Presse mehr Aufmerksamkeit, wenn wir hier Zoff machen. Aber ich glaube, das Thema ist so wichtig, so gefährlich und so heikel, dass wir Argumente und Gedankengänge auf den Tisch bringen müssen, damit die Zuschauer sich eine eigene Meinung bilden können. So funktioniert Demokratie."

Was ist das Ergebnis?

Was bleibt, ist ein sehr abruptes Ende für ein heikles Thema. Jeden Tag sterben Menschen in Syrien, jeden Tag fliehen Syrer aus ihrem Heimatland und noch immer ist kein Ende des Konflikts in Sicht.

Was die Sicherheitskonferenz in München gebracht hat, werden und müssen die kommenden Tage zeigen – da ist sich die Runde einig. Auch weiterhin wird der Blick auf die Russen gerichtet sein und darauf, ob die Hilfskonvois nach Aleppo und in andere eingekesselte Gebiete durchkommen werden oder nicht.

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