Vor der Sendung von Maybrit Illner stellte sich die Frage, wie viele dieser Talkshows über Merkel und ihre Flüchtlingspolitik dieses Land noch braucht und ob es nicht vielleicht sogar bereits genug waren. Die illustre Runde mit einem äußerst emotionalen Edmund Stoiber und einem durchweg relaxten Sigmar Gabriel machte deutlich: Diese Sendung war sicherlich nicht überflüssig – ein Polit-Talk der Kategorien "wertvoll" und "unterhaltsam".

Was ist das Thema?

Noch immer rückt Angela Merkel nicht von ihrem Kurs in Sachen Flüchtlingspolitik ab. Dafür erfährt sie seit geraumer Zeit Kritik – auch aus den eigenen Reihen und vor allem von der CSU. Viele Parteifreunde rücken von ihr ab, halten ihre Flüchtlingspolitik für nicht mehr tragbar.

Aber wer in Deutschland und wer in Europa steht eigentlich noch zu Merkel? Und ist die Flüchtlings-Aufgabe ohne den Rest Europas überhaupt zu bewältigen? Ist das Hochziehen der nationalen Grenzen wirklich der richtige Weg aus dieser Krise?

Wer sind die Gäste?

Sigmar Gabriel (Vize-Kanzler und Bundeswirtschaftsminister):

Der Vize-Kanzler sieht die SPD als Stabilitätsanker der Regierung Merkel. Dennoch betont er, dass es nicht darum geht, eine bestimmte Person zu unterstützen. Es geht vielmehr darum, zu erkennen, dass das "Hochziehen der Grenzen" überhaupt nichts nützt, denn dadurch könne die Zahl der Flüchtlinge nicht gesenkt werden.

Sein Satz des Abends: "Man braucht Zuversicht, aber auch Realismus". Drei Maßnahmen würden bei der Flüchtlingsproblematik wirklich weiterhelfen: Die Hilfe in den Nachbarländern Syriens, der Schutz der EU-Außengrenzen sowie die Übernahme fester Flüchtlingskontingente durch alle EU-Staaten.

Edmund Stoiber (Ehrenvorsitzender der CSU, ehemaliger Ministerpräsident Bayern):

Die lange Wunschliste der Politiker im Faktencheck.

Er betonte, dass Merkel ihre Position dringend ändern müsse. Wenn die Grenze so offen bleibe wie derzeit, habe dies eine enorme Auswirkung auf den Staat Bayern. Eine Begrenzung sei seiner Meinung nach auch ethisch verantwortbar. Er kritisierte, dass Merkel es nicht verstehe, die kleinen Länder miteinzubeziehen. Diese hätten das Gefühl, dass mit ihnen nicht mehr geredet wird, sondern alles in Berlin entschieden wird.

Es fehle die Abstimmung in Europa, weshalb die anderen Länder nicht mitziehen würden. Das liege vor allem daran, dass Deutschland einseitig voran geprescht sei. Seinen Parteikollegen Horst Seehofer unterstützte er kräftig und betonte, dass dieser für den Großteil der Wählerschaft der Union spreche.

Melissa Fleming (Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR):

Sie ist gerade erst aus Lesbos zurückgekommen, hat dort das Not und Elend der ankommenden Flüchtlinge miterlebt. Die meisten von ihnen wissen gar nicht, dass viele europäische Grenzen dicht sind. Sie sagt: Die Flüchtlingszahlen sind zwar hoch, aber Europa kann das bewältigen.

Sie vertritt die Meinung, dass Europa Deutschland im Stich gelassen hat und nicht umgekehrt. Es wäre nicht so eine Krise, wenn alle Staaten in Europa ihren Teil dazu getan hätten, es zu verhindern. Eine vernünftige Registrierung in den Erstaufnahmeländern hätte für eine bessere Ordnung gesorgt.

Manfred Rekowski (Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland):

Frankreichs Top-Experte Jaques Attali malt düsteres Bild zur Krise in Europa.

Der Geistliche ist der Meinung, dass das den christlichen Parteien das "C" in ihrem Namen abhanden gekommen ist. Die Kirche würde den Parteien dieses "C" nicht verleihen, sondern die Parteien würden es sich selbst aussuchen.

So dürfe nicht vergessen werden, dass man als Christ eine Verantwortung für die Flüchtlinge hat. Aber er mahnt, dass die Integrationsaufgabe nicht unterschätzt werden darf, auch wenn es in der Bevölkerung eine hohe Bereitschaft gibt, den Flüchtlingen hierbei zu helfen.

Christoph Schwennicke (Chefredakteur des politischen Magazins Cicero):

Er ist ganz klar der Meinung, dass Merkels Politik gescheitert ist. Die Lösung: Grenzen dicht machen und mit Tageskontingenten arbeiten. Was Merkel tut, grenze an "Realitätsverweigerung". Sie hätte viele Möglichkeiten gehabt, um ihren Kurs zu korrigieren.

Aber auch Sigmar Gabriel und die SPD kommen bei seiner Kritik nicht zu kurz: In dieser Partei sei noch nicht mal ein Kurs zu erkennen, so Schwennicke. Wenn nicht darauf geschaut würde, was die Bürger sagen, würde man einen Fehler machen. Dass nicht genug auf die Meinung der Bürger geschaut wird, darin liegt seines Erachtens nach auch die Ursache für die rechtspopulistischen Tendenzen.

Was war das Rededuell des Abends?

Einer duellierte sich den ganzen Abend selbst: Edmund Stoiber. Stoibers Emotionen kochten während der Talkrunde förmlich im Minutentakt über.

Er rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her und redete sich jedes Mal, wenn er das Wort erteilt bekam, völlig in Rage, ja verlor oftmals sogar fast die Fassung. Es fiel ihm sichtlich schwer zu erkennen, dass er sich in einer Abend-Talkrunde im Fernsehen befand und nicht auf einem Parteitag, auf dem oft der gewinnt, der am lautesten schreit.

Was war der Moment der Sendung?

Zirka 13 Prozent der Flüchtlinge nicht in geplanter Unterkunft angekommen.

Als der eher zurückhaltende Präses Rekowski zwischendurch das Wort erteilt bekam, fiel ihm Edmund Stoiber direkt in selbiges. Und dabei wollte Manfred Rekowski gerade auf einige der Ausführungen des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten eingehen und zudem etwas zur Bekämpfung der Fluchtursachen sagen.

Stoiber grätschte Rekowski sodann in die Parade und bemerkte entrüstet: "Wollen Sie, dass wir militärisch eingreifen oder was? Fluchtursache ist ja der Krieg!" Rekowski bewahrte die Ruhe und erwiderte: "Ich kann ja auch einen Satz zusammenhängend entfalten."

Gabriel kommentierte diese Aussage schmunzelnd mit den Worten: "Das ist in der Politik unüblich." Damit war Rekowski aus dem Konzept, das Publikum lachte und Stoiber und Gabriel tätschelten sich gegenseitig freundschaftlich feixend den Unterarm.

Was ist das Ergebnis?

Die Flüchtlingskrise wirke wie eine Art Katalysator, so Sigmar Gabriel. Das Problem liege also vor allem darin, dass sich die Bürger von der Politik nicht unterstützt sehen würden.

Eine Entlastung der Kommunen sei unumgänglich und die Integration der Flüchtlinge eine Mammutaufgabe. Stoiber wiederum befürchtet, dass sich mit den anstehenden Landtagswahlen die Parteilandschaft in Deutschland stark verändern wird.

Zu Merkel und ihrer Zukunft wollte sich niemand so richtig äußern. Einigkeit herrschte jedoch darüber, dass entweder eine Kurskorrektur oder zumindest eine entschlossene Maßnahme, eine Handlung in irgendeine Richtung längst überfällig sei.