"Trump for President? Wer versteht die Amerikaner?", fragt Sandra Maischberger in der gestrigen Ausgabe ihrer Sendung. Und hat zu diesem Thema eine Reihe von Experten eingeladen, die sich in ihrem Unverständnis einig sind - bis auf eine Trump-Befürworterin, die die Geschichte seines Aufstiegs noch einmal ganz anders deutet.

"Finden Sie das lustig, wie er mit Frauen umgeht... finden Sie das ok, Schwein zu einer Frau zu sagen", geht Hans-Christian Ströbele die Deutsch-Amerikanerin Nadja Atwal an. Es ist einer der ganz wenigen Momente, in dem es in der Runde bei Maischberger etwas lebhafter zugeht. Überraschender als Ströbeles Sticheln ist, wie souverän die Trump-Befürworterin pariert.

Experte sieht möglichen Männerpakt zwischen Trump und Putin mit Sorge.

Eine lange Vorgeschichte habe dieser Ausfall gegenüber einer Journalistin gehabt, "sie müssten auch wissen, was sie zu ihm gesagt hat", betont die Frau im Business-Kostüm, die sich auch sonst überhaupt nicht von Ströbele einschüchtern lässt - und eine ganz andere Geschichte von Donald Trumps Chancen als möglicher Präsident erzählt.

Plötzlich geht es nicht mehr um die gemeinsame Aufarbeitung der allgemeinen Verwunderung, sondern über einen Perspektivwechsel darauf, in was für einer Gesellschaft ein Trump erst möglich wird.

Zunächst aber sitzen sie nun da, die Experten, und sind allesamt über Trumps Aufstieg ziemlich überrascht - wie zum Beispiel der langjährige USA-Korrespondent der ARD, Tom Buhrow.

Über insgesamt drei US-Wahlkämpfe hat der heutige WDR-Intendant aus den USA berichtet und trotzdem Trumps bisherige Erfolge nicht vorausgesehen.

"Er war erst ein belächelter Außenseiter", sagt Buhrow, "ich hätte nicht gedacht, dass es so weit kommt".

An eine reale Chance will er trotzdem nicht glauben. "Dieser Mann wird nicht Präsident", legt sich der Amerika-Kenner fest, "er ist zu weit an den Rand gegangen und zu schrill gewesen, um die Mitte zurückzugewinnen".

Und wer Buhrow dabei fröhlich lachen sieht, glaubt sofort, dass ihn der Trump-Aufstieg eher belustigt denn wirklich Sorgen macht.

Ex-US-Botschafter: "Das ist auch ein europäisches Problem"

Eher Zerknirscht, aber nicht minder überrascht zeigt sich dagegen der ehemalige US-Botschafter John Kornblum, der zwar wie immer die berufsmäßige Zurückhaltung eines Top-Diplomaten ausstrahlt, aber in seinen Worten sehr deutlich wird.

"Man hat die Tiefe der Unzufriedenheit unterschätzt", betont der Botschafter im Ruhestand und warnt davor, Trumps Aufstieg als ein rein amerikanisches Problem zu begreifen. "Das ist nicht nur ein amerikanisches Problem, das ist auch ein europäisches Problem".

Mittlerweile kennt den Milliardär jeder, aber hätten Sie diese Dinge gewusst?

Für einen amerikanischen Berlusconi hält Kornblum Trump. "Es gibt Angst in der Gesellschaft und er spielt auf diese Angst". Genau deshalb fordere er Dinge, wie eine große Mauer an der Grenze zu Mexiko. Genau solche Dinge seien, "was Herr und Frau Kleinbürger in Amerika denken".

Natürlich sei das Populismus pur, betont Kornblum. Allerdings: "Ein Krimineller ist er nicht" - und: "Er ist auch kein Rassist."

So viel diplomatische Gelassenheit ist dem Altlinken Ströbele ganz fremd - und er gibt sich als einziger gewohnt empört.

"Wenn ich das ernst nehme, was Trump fordert, dann wird mir angst und bange", betont Ströbele und: "Ich traue ihm alles zu".

Hans-Christian Ströbele fürchtet "neue Kriege" unter Trump

Zu einem Hitler-Vergleich will sich der Bundestagsabgeordnete dann allerdings doch nicht von Maischberger verführen lassen, dafür ist er zu lange im politischen Geschäft.

Aber er befürchtet "neue Kriege, wenn Trump Präsident wird".

Provoziert fühlt sich Ströbele in seinem Eifer immer wieder von Nadja Atwal. Die Deutsch-Amerikanerin lebt seit 14 Jahren in den USA und leitet heute eine eigene PR-Firma in New York. Und unterstützt Trumps Kandidatur, was Ströbele ärgert.

Republikanisches Establishment "ist der Feind"

Trump will sie vor allem deshalb wählen, weil er auch im Weißen Haus weiter gegen das republikanische Establishment vorgehen werde, das ihn derzeit mit viel Aufwand verhindern will. "Das ist der Feind", sagt Atwal - und meint nicht Trump, auch nicht Sanders, sondern die Seilschaften in der Republikanischen Partei.

"Die würden auch eine Hillary Clinton über ihre Mehrheit im Senat an Reformen hindern, genauso wie sie in den letzten Jahren Barack Obama behindert haben".

Trump ist brillanter Wahlkämpfer und Clinton muss sich neu erfinden.

Trump hingegen ist aus ihrer Perspektive ein PR-Genie, einer, der viele Dinge schlicht deshalb sage, "weil er überhaupt erstmal nominiert werden will".

Die Medien stellten eine verzerrte Realität dar und würden verkennen, dass viele Positionen von Trump ziemlich liberal seien. "Trump und Sanders sind gar nicht so weit auseinander".

Ein schöner Seitenhieb an den verärgerten Ströbele ist das, der nach dieser Argumentation auch Trump wählen könnte.

Trumps Aufstieg als tiefe Verunsicherung

Doch so krude die Argumentation vom missverstandenen Trump ist, der erstmal mit wüsten Parolen gegen das Establishment zu Felde ziehen müsse, um dann sein wahres Ich zu zeigen - dennoch beschreibt die Trump-Befürworterin ein Phänomen, über das sich alle in der Runde einig sind.

Trumps Aufstieg wird als ein Indiz für eine tiefe Verunsicherung innerhalb der amerikanischen Gesellschaft angesehen, einen Widerwillen gegen das Establishment, der nicht nur Trump, sondern auch einen Bernie Sanders groß gemacht hat.

Dass es gegen diesen Widerwillen eine Kandidatin wie die Berufspolitikerin Clinton sehr schwer haben könnte, bekennt dann auch ziemlich nachdenklich der Ex-Botschafter Kornblum.

Ihr fehle die richtige Ansprache an die Menschen: "Sie ist einfach nicht Angela Merkel".