Die Terrormiliz Islamischer Staat hat ein neues verstörendes Video mit der britischen Geisel John Cantlie veröffentlicht. Doch diesmal stehen nicht die Gräueltaten der Islamisten im Vordergrund. Stattdessen wird der Fotoreporter Cantlie dazu genötigt, den unabhängigen Journalisten zu mimen und die Doktrin des IS als seine eigene zu präsentieren. Was bezweckt der Islamische Staat mit dieser neuen Form der Propaganda?

Seit 2012 ist John Cantlie in den Händen radikaler Islamisten. Bereits sechs Videos veröffentlichte der IS mit dem britischen Fotoreporter. Anders als zuvor trägt Cantlie in dem am Montag online gestellten Video jedoch keinen orangefarbenen Overall, sondern ein schwarzes Hemd. Die Botschaft, so scheint es, lautet: Hier spricht nicht mehr die Geisel Cantlie, sondern der unabhängige Journalist.

Die Stadt sei beinahe gänzlich in der Hand der IS-Kämpfer und es gebe keine kurdischen Verteidiger oder Peschmerga-Kämpfer, sagt Cantlie, mutmaßlich vor der Kulisse der nordsyrischen Stadt Kobane. Berichte westlicher Medien über schwere Kämpfe und hohe Verluste auf Seiten des IS seien falsch. Sie beruhten nur auf Angaben kurdischer Einheiten und des Weißen Hauses. Tatsächlich haben kurdische Kämpfer einen weiteren Versuch des IS vereitelt, Kobane von der Außenwelt abzuschneiden, wie ihr Sprecher Idris Nassan am Montag mitteilte. Zurzeit warten die sie auf Verstärkung durch nordirakische Peschmerga-Einheiten.

John Cantlie "kritisiert" Westen

Mit einer Luftaufnahme über Kobane beginnend, wirkt das Video deutlich professioneller gemacht als bisheriges Propaganda-Material. Laut Einblendung sind die Bilder mithilfe einer "Drohne der Armee des Islamischen Staates" entstanden - ganz so, als wolle der IS zeigen, dass er sich derselben Mittel bedienen kann wie seine Gegner. Anschließend sieht man den 43-jährigen Cantlie, wie er im Stil westlicher Reporter unter anderem Mitteilungen des Pentagons zitiert und kritisch kommentiert. So behauptet Cantlie etwa, die US-Luftangriffe hätten den IS lediglich gehindert, schwere Waffen einzusetzen. Deshalb würde Kobane im Häuserkampf eingenommen.

Terrormiliz IS lässt Briten John Cantlie aus Kobane "berichten".

Wann genau das Video gedreht wurde, bleibt offen. Cantlie macht dazu keine Angabe. Auch lässt sich nicht ausmachen, ob er weiß, dass seine Aussagen nicht der Wahrheit entsprechen. Sicher ist nur, dass er offensichtlich genötigt wird, die Propaganda des IS als seine eigene Auffassung darzustellen. So sagt er an anderer Stelle etwa, dass er und seine Mitgefangenen von den IS-Kämpfern gut behandelt worden seien, "es sei denn, wir versuchten zu fliehen oder andere Dinge zu tun, die wir nicht tun durften". Wie die britische Zeitung "The Guardian" berichtet, sollen insgesamt acht Videos mit Cantlie gedreht worden seien. Sie sollen nach und nach veröffentlicht werden.

Warum das sechste Cantlie-Video gerade jetzt im Internet aufgetaucht ist, ist noch unklar. Doch solange Kobane umkämpft bleibt, kann auch der IS noch nicht von einem endgültigen Erfolg sprechen. Offenbar gibt es unter IS-Kämpfern deshalb einen zusätzlichen Bedarf, sich an anderer Stelle als erfolgreich zu erweisen.

Experte glaubt an neue Kriegsführung

Alexandr Burilkov forscht am Hamburger GIGA Institut für Nahost-Studien unter anderem zu asymmetrischer Kriegsführung. Er glaubt, dass das neueste IS-Video nicht denselben Zweck erfüllt wie die bisherigen Aufnahmen. "Videos von Massenerschießungen oder Enthauptungen waren vor allem dazu gedacht, die Stärke und Entschlossenheit des IS zu demonstrieren. Einerseits natürlich, um oppositionelle Kräfte wie die Freie Syrische Armee abzuschrecken. Andererseits aber auch, um sich von anderen Extremistengruppen wie der syrischen Al-Nusra-Front abzuheben und potenziell Kampfwillige für sich zu rekrutieren", sagt Burilkov. Zumal einige Videos auf Arabisch aufgenommen worden seien, sich somit also nicht in erster Linie an ein internationales Publikum richteten.

Angesichts der aktuellen Strategie scheint der IS dagegen ein anderes Ziel zu verfolgen. Mit dem jüngsten Video signalisiere die Miliz dem Westen nicht nur seine militärische Machtlosigkeit, so Burilkov. "Es könnte sein, dass der IS versucht, John Cantlie ideologisch für sich einzunehmen. James Foley ist, wie man mittlerweile weiß, während seiner Gefangenschaft offenbar aus tatsächlicher Überzeugung zum Islam konvertiert. Wären die IS-Kämpfer weniger radikal, hätten sie sich den Konvertit Foley zunutze machen können, anstatt ihn hinzurichten." Immerhin könne man davon ausgehen, dass der IS nicht nur Muslime dazu verleitet, radikal zu werden. "Das aktuelle Video mit John Cantlie soll uns hier im Westen weiter verunsichern und noch mehr unter Druck setzen", so Burilkov.

Cantlie als selbstbestimmten Reporter darzustellen, der inzwischen der Ideologie des IS anheimgefallen ist, könnte vom IS als ebenso effektive Propagandamethode anerkannt worden sein wie die gewalttätigen Videoaufnahmen. "Cantlie könnte das neue 'Gesicht des IS' werden, der eigene, aber vermeintlich unabhängige Berichterstatter", glaubt Burilkov. "Davor gefeit, hingerichtet zu werden, ist er deswegen trotzdem nicht." Dafür sei der IS zu unberechenbar.